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Tiefe Gräben

Gewalt im Umfeld von Fußballspielen ist seit Jahrzehnten ein Problem. Deshalb ermittelt die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze jährlich unter anderem die Verletzten bei Fußballspielen. Im letzten Jahr sorgten hohe Verletztenzahlen für große Aufregung und viele Diskussionen über Stehplatzverbote, Pyro und Polizeigewalt. Letzte Woche erschienen die aktuellen Zahlen.

Von Klaas Reese | 20.10.2013

    Die Statistiken der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei, kurz ZIS, weisen einen Rückgang der Verletztenzahlen um über 30 % aus. Dies führt die Polizei zurück, auf die gute Zusammenarbeit mit Kommunen, öffentlichem Nahverkehr, Fußballvereinen und -verbänden. In einem Netzwerk tauschen sie regelmäßig Informationen aus, um Polizeieinsätze zu koordinieren und Konfliktpotenzial frühzeitig zu erkennen. Der Verband "Unsere Kurve" vertritt als Dachverband die Interessen von Fanvertretungen und Fanabteilungen und bewertet den Rückgang der Verletztenzahlen ebenfalls positiv. Dennoch kritisiert Daniel Nowara, einer der Sprecher von "Unsere Kurve", die Studie generell:

    "Es steht immer noch das große Fragezeichen darüber: Wie sind jetzt diese Zahlen erhoben worden? Was fließt da jetzt ein? Ich würde mich nicht wundern, wenn da im nächsten Jahr wieder ganz andere Zahlen zu finden sind, aber wir genauso wenig wissen, wie diese Zahlen jetzt zustande gekommen sind."

    Laut ZIS ergibt sich die polizeiliche Statistik aus Berichten der Polizeibehörden, die für Einsätze rund um Fußballspiele von der 1. bis zur 3. Liga zuständig sind. Wie genau die Datensätze ermittelt und kontrolliert werden gibt die Polizei nicht bekannt. In der Statistik werden auch Strafverfahren aufgelistet. "Unsere Kurve" bemängelt, dass die ZIS jedes aufgenommene Verfahren aufführt - ohne anzugeben welche davon überhaupt zu einer Verurteilung führten.

    Katja Kruse, stellvertretende Leiterin der ZIS, weist diese Kritik zurück. Schließlich könne nicht davon ausgegangen werden, dass Personen gegen die Ermittlungen eingeleitet werden, nicht auch an Straftaten beteiligt waren. Selbst dann nicht, wenn sie später nicht verurteilt würden:

    "”Weil wir gerade im Bereich Gewalt in Zusammenhang mit Fußball es sehr häufig mit Delikten zu tun haben, die wir Tumultdelikte nennen - also im Bereich des Landfriedensbruchs beispielsweise. Dann ist es total schwierig beweiskräftig auch wirklich eine Person einer Straftat zuzuführen. Was aber im Rückkehrschluss nicht bedeutet, dass diese Straftat nicht stattgefunden hat.""

    In diesem Punkt ist kein Einlenken der Polizei zu erwarten. Ebenso wie bei Forderungen nach einer Kennzeichnungspflicht von Polizisten wie sie sich "Unsere Kurve”-Sprecher Nowara wünscht:

    "Wir haben keine Möglichkeit einem Polizisten mal zu sagen 'Hier die Nummer 5. Der hat sich falsch verhalten.' Das passiert einfach nicht und das gehört aber natürlich zu einer ehrlichen Diskussion auch dazu, dass man auch mal kritisch über den anderen berichten kann und das dann auch gesagt wird: 'Ja okay. Da haben wir uns falsch verhalten. Das müssen wir ändern.' Und das gab es in der Vergangenheit nicht und das würde ich mir natürlich schon wünschen das es da auch mal eine ehrliche, konstruktive Kritik der Polizeiseite auch über das eigene Verhalten gibt.”"

    Bereit zum Umdenken scheint die Polizei in einem anderen Punkt: Bisher wies die ZIS in ihrer Statistik nie aus wie viele der Verletzten durch die Polizei, etwa durch den Einsatz von Pfefferspray, zu Schaden kamen. Hier verspricht Katja Kruse Änderungen:

    ""Das ist eine Kritik, der wir uns gestellt haben. Wir sind dabei in einem bundesweiten Abstimmungsverfahren eine Regelung herbeizuführen, dass wir transparenter werden. Das wir das zumindest für die nächsten Jahre umsetzen können. Das wird da eine gewisse Zuordnung vornehmen. Wann wurde Pfefferspray eingesetzt und gab es dabei auch Verletzte."

    In diesem Punkt gibt sich Kruse selbstkritisch wie auch bei der fehlenden Kommunikation zwischen Fans und Polizei:

    "Also auch Kollegen wissen oft nicht so viel über die Ultrakulturen wie es gut wäre und für die Ultras gilt es aber genauso. Ich glaube, wenn man da aufeinander zuginge, dann wäre das hilfreich."

    Kruse hofft darauf, dass sich Fans und Polizisten in Zukunft austauschen, um so ein besserer Verständnis für die andere Seite zu bekommen. Bei den Fans läuft Kruse damit keine offenen Türen ein. Zu oft sei man in der Vergangenheit von der Polizei enttäuscht worden. Dazu fehle es an öffentlicher Selbstkritik der Polizei. Zum Beispiel nach den Vorfällen bei einem Champions League Spiel in Gelsenkirchen. Die Polizei hatte Ende August den Block der Schalke Anhänger gestürmt - wegen einer Fahne durch die sich die Gästefans angeblich provoziert gefühlt hatten. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, hatte den Einsatz auf Schalke zum Unmut der Fans "verhältnismäßig und rechtmäßig” genannt."Unsere Kurve" - Sprecher Nowara ist noch heute verärgert:

    "Es zeigte sich ja jetzt auch, dass selbst Gewerkschaftsvorsitzende es nicht schaffen vernünftig mit Fans zu kommunizieren. Auch dort wird häufig mal schnell der Weg über die Presse genommen. Und da haben wir dann auch einfach entschieden, es macht keinen Sinn mit der Polizei zu reden."

    Das würde aber nicht bedeuten, dass keine Perspektive zu Gesprächen da sei. Vorher müsste sich allerdings die Polizei kooperationsbereiter zeigen. Beide Seiten wünschen sich allem Anschein nach eine bessere Kommunikation miteinander, um eine teils verfahrene Situation zu verbessern. Fraglich bleibt, welche Seite den ersten Schritt macht, um die verhärteten Fronten aufzuweichen.