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Tiny Houses Die Mini-Häuser des italienischen Architekten Leonardo Di Chiara

Wohnraum ist teuer geworden. Seit einiger Zeit sind deshalb Tiny Houses in Mode gekommen. Der italienische Architekt Leonardo Di Chiara hat ein Minihaus auf Rädern entworfen. Gerade ist es in Ulm vor der Hochschule für Gestaltung zu sehen. Lebt es sich auf neun Quadratmetern wirklich angenehm?

Von Christian Gampert | 11.04.2018

Leben auf 9 m² - "aVOID". Ein Projekt des italienischen Architekten Leonardo Di Chiara / Test-Living
Leben auf neun Quadratmetern: "aVOID" heißt ein Projekt von Leonardo Di Chiara / Test-Living (Museum Ulm / Hfg Archiv, Foto: Stefan Dauth)
Hausbesetzer oder Hausbesitzer, das war noch in den 1970er-Jahren die politische Alternative. Heute sind die Möglichkeiten etwas komplexer geworden, was vor allem dem Anstieg der Immobilienpreise (und dem Niedergang der radikalen Linken) geschuldet ist. Wo die Wohnungsnot am größten ist, zum Beispiel in Tübingen, bilden die einen Wagenburgen aus gemütlichen alten Zirkuswägen als Trutzwall gegen die Zumutungen der Moderne; andere kommen auf Ideen und basteln sich ein Tiny House, ein Kleinsthaus mit allen technischen Errungenschaften, aber auf engstem Raum.
Zum Beispiel Leonardo Di Chiara aus Pesaro. Der studierte Architekt hat für sich eine Wohnzelle entworfen, einen Prototyp, der auf neun Quadratmetern alle Bedürfnisse befriedigen kann.
aVOID Bauhaus Campus
aVOID Bauhaus Campus (Museum Ulm / Hfg Archiv)
Alternativ-Häuser für geistig bewegliche Menschen
Di Chiara schließt auf und heißt uns willkommen. Sein Haus ist auf einen Hänger montiert und steht auf dem Parkplatz der ehemaligen Ulmer Hochschule für Gestaltung. Das benennt auch gleich ein großes Problem: Wer sich niederlassen will, muss Grundstückspreise zahlen. Um das zu vermeiden, stehen manche Tiny Houses auf Rädern. Aber sie sind keine Wohnmobile, sondern wirkliche Alternativhäuser, gedacht für geistig bewegliche Menschen, Großstadtnomaden, die tagsüber oft unterwegs und digital bestens vernetzt sind – und die abends mit sehr bescheidenem Komfort zurechtkommen.
Di Chiara zeigt uns sein ausklappbares Bett, zieht Stühle und einen Tisch aus den Wänden, demonstriert die Möglichkeiten seiner im Schrank versteckten Mini-Küche und der Naßzelle. Im Normalzustand ist das alles genialisch versteckt und verstaut, trickreich gefaltet, und das Haus wirkt karg wie eine Klosterzelle, ein großes Vakuum. Packt man die Möbel und technischen Geräte aus, entsteht ein Raum funktionalistischer Modernität, der ersichtlich in der Bauhaus-Tradition steht.
Leben auf 9 m² - "aVOID". Ein Projekt des italienischen Architekten Leonardo Di Chiara / Innenansicht
Leben auf 9 m² - „aVOID“. Ein Projekt des italienischen Architekten Leonardo Di Chiara / Innenansicht (Museum Ulm / Hfg Archiv, Foto: Anna Fontanet Castillo)
Schon als Kind ins minimalistische Leben hineingeraten
Di Chiara hat sich schon früh mit dem Leben auf engem Raum auseinandergesetzt – einfach, weil zu Hause wenig Platz war. Und auf Reisen auch, sagt er :
"Als kleiner Junge bin ich oft mit dem Segelboot meiner Eltern gefahren, das war sieben Meter lang. Dort habe ich auch während der Reisen geschlafen. So bin ich in dieses minimalistische Leben hineingeraten."
Viele (leichte) Materialien in Di Chiaras Haus stammen aus dem Bootsbau – und auch die Ideen, wie man etwas klappen, knicken, verstauen kann, sind aus dieser Sparte. Andererseits ist Di Chiara Architekt genug, sich eine Sonnenterrasse und einen kleinen Gewürzgarten zu gönnen, so viel Luxus muss sein.
Di Chiara hat durchaus einen Bezug zur Ulmer Hochschule für Gestaltung, die in den 1960er-Jahren ebenfalls an mobilen "Raumzellen" forschte. In den historischen Räumen der Hochschule ist heute das HfG-Archiv untergebracht.
Der Direktor des HfG-Archivs Martin Mäntele: "Man hat überlegt, wie kann man Räume aus vorgefertigten Elementen zusammenstellen, die zudem mobil sind. Die Untersuchungen, die dazu nötig waren, bezogen sich auch auf die Raumgröße."
Traum vom guten Leben mit bescheidenen Mitteln
Di Chiaras Haus ist nur 2,50 Meter breit; groß aber ist die Philosophie, die dahinter steckt. Sie hat viel zu tun mit buddhistischer Besitzlosigkeit, mit Minimalismus, mit dem Traum vom guten Leben mit bescheidenen Mitteln, wie ihn vielleicht auch der Aussteiger Henry Thoreau in den Wäldern von Massachusetts geträumt hat. Die Gründer von Gartenstädten und reformerischen Arbeitersiedlungen sind nicht fern, die Hippies und die Hausbesetzer – nur dass das, was Di Chiara und die Tiny-House-Bewegung machen, so völlig vernünftig ist, durchgeplant und technisch auf hohem Niveau. Di Chiaras Haus lässt sich stapeln - oder man baut mehrere nebeneinander. Und es kostet, wenn es in Serie ginge, nicht mehr als 30-, 35.000 Euro. Das ist in etwa so viel, wie man in München während eines gesamten Studiums fürs Wohnen ausgibt. Da könnte man doch gleich Hausbesitzer werden. Tiny-House-Besitzer.