Donnerstag, 29. September 2022

Ukraine-Krieg
Warum der Radsport in seiner eigenen Welt fährt

Keine Protestaktionen, keine symbolischen Siegesfahrten: Trotz Ukraine-Krieg versucht der Profiradsport krampfhaft auf Normalität zu setzen. Beim italienischen Etappenrennen, dem Tirreno Adriatico, wird die Realität fast ausgeblendet. Doch die Kriegswirren rücken auch bedrohlich nahe ans Peloton heran.

Von Tom Mustroph | 12.03.2022

Zur Schweigeminute beim Tirreno Adriatico wurden die Stars nach vorn geschickt – und der einzige Ukrainer im Feld: Mark Padun (Mitte).
Radprofi Mark Padun, der einzige im Feld aus der Ukraine, bekommt beim Tirreno Adriatico extra viel Applaus. (dpa / picture alliance / Roth)
Für einen Moment sind beim Tirreno Adriatico nur die Stromgeneratoren zu hören: Schweigeminute für die Opfer des Krieges in der Ukraine.

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Danach herrscht wieder das normale Treiben. Die Uhr wird heruntergezählt. Und das Feld ist auf dem Weg. Extra Beifall gibt es stets auch für Mark Padun, dem einzigen ukrainischen Radprofi im Peloton.

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Beim feierlichen Etappenstart steht er auch in der ersten Reihe, neben Tour de France-Sieger Tadej Pogacar und den anderen Trägern der Wertungstrikots. Padun tat die Anerkennung sichtlich wohl. Zum Konflikt will er sich aber nicht äußern.

Radsport bleibt in seiner eigenen Welt

Der Ukraine-Krieg bleibt bei der Fernfahrt zwischen Mittelmeer und Adria ein Randereignis.
„Man muss ja sagen, wir leben so ein bisschen in unserer eigenen Welt. Man ist sehr gut in der eigenen Radsportwelt, Sachen auszublenden, die außen rum passieren. Und so bitter wie das ist, das ist auch die Realität. Wahrscheinlich auch aus Selbstschutz“, schätzt Rolf Aldag, sportlicher Leiter von Bora hansgrohe, die allgemeine Stimmung ein.

Keine Protestaktion, keine symbolische Siegfahrt

Natürlich, der Krieg wird verurteilt. Emanuel Buchmann, Profi bei Bora hansgrohe: „Das ist natürlich eine extrem unschöne Situation. Ich denke, da hat niemand mitgerechnet, dass es hier in Europa noch einen richtigen Krieg gibt. Klar, das hat man schon im Hinterkopf, gerade wenn man Nachrichten schaut oder liest, da kann man nur den Kopf schütteln, dass so etwas heutzutage passieren kann.“
Aber zu großen Protestaktionen mag sich das Peloton nicht aufraffen. Auch nicht zu einer symbolischen Siegfahrt für Padun etwa, so Aldag:
„Nee, Rennen ist Rennen. Und ich glaube, das will er auch nicht. Als das ganze Ding losging, an dem Tag habe ich mit Mark Padun auch hin und her geschrieben, weil ich ja letztes Jahr auch sein sportlicher Leiter bei Bahrain war. Und da hatte ich auch das Bedürfnis, für ihn selber wie auch für seine Familie den Support auszusprechen und auch ein bisschen versuchen zu sagen: 'Hey, mir ist klar, wie schwer das jetzt wahrscheinlich sein wird.' Und ich glaube, er war da auch ganz froh drum.“

Kein Ersatz für das ausgeschlossene Team aus Russland

Das sichtbarste Zeichen, dass etwas nicht stimmt, ist, dass es ein Team weniger im Peloton gibt. Das russische Team Gazprom Rusvelo wurde von der UCI von allen Wettkämpfen ausgeschlossen.
„Für mich ist das ein richtiges Signal. Es gibt eine Aggression, und da muss man ein deutliches Zeichen setzen. Aber klar ist auch, man wird die Verantwortlichen dafür nicht in einem Radsportteam finden. Aber es ist ein politisches Signal.“
Das sagt Mauro Vegni, Renndirektor des Tirreno. Der Platz des russischen Teams hat der Veranstalter nicht nachbesetzt – obwohl es Anfragen anderer Teams gegeben hat:
„Viele wollten kommen. Aber es handelt sich um einen so außergewöhnlichen Fall, dass wir gesagt haben, wir stoppen diese Mannschaft und nehmen auch keine andere auf.“
Zeichen setzen war in diesem Falle wichtiger als die Fortführung des Alltagsgeschäfts. Immerhin das.

Trainingsmöglichkeiten und Hilfsfond für ukrainische Radsportler

Richtig vermisst wird beim Tirreno aber Yaroslav Popovych. Der frühere ukrainische Profi ist jetzt sportlicher Leiter. Er lebt in Italien und war für das Rennen eingeplant. Wegen des Krieges in seiner alten Heimat konnte er aber nicht auf Alltag umschalten.
„Mit dem Kopf bin ich nicht dabei, ich kann jetzt nicht arbeiten, ich denke an andere Dinge, meine Familie, meine Freunde, mir kam auch in den Sinn, dass es jetzt normal ist, in die Ukraine zurückzukehren und zur Waffe zu greifen.“
Popovych erzählte in einem Videointerview auch, dass er mittlerweile den Einberufungsbefehl erhalten hat. Aktuell hilft er ukrainischen Sportlern, aus dem Land zu kommen und in Italien neue Möglichkeiten zum Trainieren zu finden.

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Rennstall transportiert jetzt ukrainische Flüchtlinge

Auch einige Radsportverbände helfen den ukrainischen Fahrern. Es sind mehrere Dutzend, die sich bei Kriegsbeginn in der Türkei, Polen, der Schweiz und in Italien aufgehalten haben und nicht heimkehren konnten.
Der Europäische Radsportverband hat einen Hilfsfond aufgelegt. Zudem arbeite man mit den türkischen, polnischen und Schweizer Verbänden daran, den Ukrainern Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten zu geben.
Ganz pragmatische Hilfe leistet der polnische Continental Rennstall Mazowsze Serce Polski. Statt zu Rennen zu reisen, transportiert das Team mit seinem Bus ukrainische Geflüchtete von der Grenze weiter ins Land. Dort, wo die Realität nicht ganz so gut auszublenden ist, wie beim Tirreno Adriatico.