Freitag, 09. Dezember 2022

Ukrainischer Schwimmstar Govorov
"Ich kann als Sportler nicht abseits stehen"

Der ukrainische Top-Schwimmer Andrii Govorov hält sich in Deutschland auf - vor dem Kriegsbeginn war er zum Training hierhergereist. Auch seine Familie hat er früh genug gebeten, das Land zu verlassen. Im Dlf spricht er über Sorgen um andere Angehörige und Freunde und seine Rolle als Sportler im Krieg.

Andrii Govorov im Gespräch mit Matthias Friebe | 06.03.2022

Andrii Govorov steht vor dem Start am Becken und sieht konzentriert aus.
Andrii Govorov aus der Ukraine - Weltrekordhalter über 50 Meter Schmetterling (Andrea Staccioli/imago images/Insidefoto)
Matthias Friebe: Was hören Sie aktuell aus der Ukraine? Wie geht es Ihnen?
Andrii Govorov: Es sind bereits zehn Tage vergangen, seit der Krieg begonnen hat. Für mich ist das natürlich eine sehr schwierige Zeit, weil viele meiner Verwandten, meine Familie, mein Herz, mein Zuhause, mein Haus dort sind. Ich versuche, mein Bestes zu tun, um meinem Land zu helfen, auch wenn ich jetzt in Deutschland bin. Ich war im Trainingslager in Saarbrücken, bevor der Krieg losging. Und ich habe mich auf meine nationalen Meisterschaften vorbereitet, die Qualifikation für die Weltmeisterschaften. Aber wegen dieser Situation konnte ich nicht zurückkommen.
In diesen Tagen lese ich dauernd Nachrichten, und es tut mir im Herzen weh zu sehen, wie die Menschen kämpfen und wie diese Gewalt gegen uns ausgeübt wird. Das Schlimmste ist, dass wir nicht einmal einen Grund dafür kennen. Das ist die andere Seite der Aggression, die wirklich nutzlose Aggression des Diktators ist. Er hat wahrscheinlich seinen Verstand verloren. Es ist schmerzhaft für mich, alle Nachrichten zu lesen, zu hören und mit den Menschen zu sprechen, die dort angegriffen werden. Es ist schrecklich. Wenn Dich der Krieg selbst betrifft, kannst du nicht mehr so leben, wie du vorher gelebt hast.
Friebe: Wie halten Sie Kontakt zur Ihrer Familie und Ihren Freunden?
Govorov: Es ist kein Problem, in Kontakt zu bleiben. Es geht online. Meine Frau und mein Sohn sind zwei Tage vor dem Angriff geflohen, als Putin diese Erklärung über die Legalisierung der Regionen abgab. Ich habe  mich gefragt: Was ist der Grund dafür? Was will er, um sie zu legalisieren? Und die einzige Möglichkeit, die ich sah, war: Er will die Ukraine provozieren, um einen Krieg auszulösen. Ich habe wirklich geglaubt, dass der Krieg beginnen wird, als er die Erklärung abgab. Ich sagte zu meiner Frau und meinem kleinen Sohn: "Ich möchte, dass ihr jetzt geht, denn ich will nicht, dass ihr Bomben auf euren Köpfen spürt." Sie haben mir nicht geglaubt, aber sie haben meinem Wort vertraut und das Land verlassen. Aber die Eltern meiner Frau sind dort, meine Freunde sind dort, und sie sind im Moment in einer schwierigen Situation.
Friebe: Ist Ihre Familie in Sicherheit?
Govorov: Ja, aber andere Verwandte und andere Freunde sind in Dnipro - die meisten von ihnen. Das ist sicher, aber ich habe auch einige Freunde in Charkiw. Das ist der Ort, an dem es im Moment sehr, sehr heiß ist. Eine von ihnen ist die Chefin des Charkiwer Schwimmverbandes. Wenn Sie sich erinnern, gab es vor ein paar Tagen eine große Explosion, die dieses große Gebäude beschädigte. Sie war da drin, aber sie überlebte - ein Wunder. Sie war zwei Stunden unter dem Gebäude. Aber sie wurde gerettet. Sie ist verletzt, aber es geht ihr gut, ich wünsche ihr gute Besserung.
Zwei Tage, nachdem der Krieg begonnen hatte, sprach ich noch mit ihr. Ich habe mir Sorgen um sie gemacht und ihr gesagt, dass ich ihr irgendwie helfen kann. Sie sagte: Mach dir keine Sorgen, uns wird es gut gehen, aber dann passieren diese Dinge. Das ist hart. Es ist schwer zu verstehen, was wir fühlen, aber wir fühlen uns von euch unterstützt, die ihr euch um die Geschehnisse kümmert. Denn die Geschichte zeigt uns, dass der Krieg eine schreckliche Sache ist. Ich möchte wirklich nicht, dass das noch einmal jemandem passiert. Wir erleben gerade das Beispiel für eine Person, die zu viel Macht in einer Hand anhäuft.
Friebe: Wollen, können, müssen auch Sie bald in die Ukraine zurück?
Govorov: Ich bin nicht verpflichtet, zurückzugehen. In der Ukraine haben wir eine reguläre Armee und die kämpft jetzt und zwar sehr tapfer und professionell. Sie verteidigen das Land so gut sie können. Ich war in meinem Leben noch nie in der Armee, also bin ich nicht verpflichtet, zur Armee zu gehen. Es gibt verschiedene Mobilisierungswellen. Die erste Welle war nur die reguläre Armee. Die zweite Welle sind die Reservisten, die dritte Welle sind die Leute, die an den Universitäten der Armee studieren, und die vierte Welle, die letzte, ist für alle. Wir haben also bisher nur die erste und zweite Welle der Mobilisierung. Ehrlich gesagt, wäre ich für die Armee auch nicht nützlich, weil ich nicht weiß, wie man kämpft, wie man schießt. Also wäre es schlimmer für sie, wenn ich mitkämpfen würde.
Friebe: Haben Sie Angst davor?
Govorov: Nein, wenn ich muss, gehe ich. Das ist meine Heimat, und wenn mein Land meine Anwesenheit braucht, dann gehe ich. Die Sache ist die, dass das Sportministerium uns als Repräsentanten des Landes aufruft. Sie geben uns die Chance, sie machen jetzt extra ein Gesetz, dass Athleten das Land verlassen können und sich weiter darauf vorbereiten können, ihr Land bei Wettkämpfen zu vertreten, weil es eine sehr wichtige Botschaft an die Welt ist. Wir brauchen Medaillen, wir müssen unsere Flagge an die Spitze setzen. Ich denke immer noch darüber nach, was ich jetzt tun werde. Wie werde ich meine Wettkampfvorbereitung fortsetzen?
Aber mein Ziel ist es, weiterhin mit der Welt zu sprechen und mein Land öffentlich zu vertreten. Ich sammle Geld, um Menschen mit humanitären Bedürfnissen zu helfen, vor allem Kindern. Wir haben bereits einige Dinge für den ersten Bedarf gekauft und sie direkt an die Kinder weitergegeben. Wir bringen es direkt dorthin, anstatt einfach nur Geld zu schicken, denn wenn man einfach nur Geld an irgendeine Wohltätigkeitsorganisationen schickt, weiß man nie, wann sie helfen. Wenn ich persönlich Geld sammle, erreicht es die Leute sofort, wenn es brauchen. Wenn zum Beispiel eine Familie, die ich kenne, aus der Ukraine flieht und eine Unterkunft braucht, können wir ihnen von diesem Geld eine Wohnung für einen Monat zur Verfügung stellen. Es gibt also viele Möglichkeiten, heute Menschen zu helfen, die es jetzt wirklich brauchen, nicht erst morgen. Das ist also der Gedanke, den wir hier verfolgen.
Friebe: Was kann der Sport bringen? Kann es Russland wirklich, wie manche Experten vermuten, treffen?
Govorov: Das ist eine gute Frage. Viele Leute denken, dass Sport nichts mit Politik zu tun hat. Dem würde ich gerne zustimmen. Aber wenn der Krieg im Spiel ist, gibt es keinen Sport mehr. Ich kann also als Sportler nicht abseits stehen. Sport ist ein Mittel, um bei internationalen Wettkämpfen sein Land zu vertreten. Repräsentation ist eine Vereinbarung zwischen Ihnen und Ihrer Regierung - was bedeutet, dass Sie dem zustimmen, was in Ihrem Land vor sich geht. Sport ist also von Anfang an Politik. Wir alle wissen das. Die Leute wollen das trennen, aber das ist unmöglich. Nehmen wir die olympische Bewegung als Beispiel, die olympische Charta, sie wurde geschaffen, um dem Krieg zu entfliehen und friedliche Wettkämpfe zu veranstalten, um zu sehen, wer der Bessere ist. Das ist also eines der Mittel, um Frieden zu schaffen. Aber im Krieg ist die Olympische Charta keine Regel mehr. Welche Art von Druck können wir erzeugen? Der Sport ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft eines jeden Landes, und die Sportler sind das Bindeglied zwischen Politikern und Menschen. Normalerweise sind die Politiker ziemlich weit weg vom Volk, und die Sportler sind ein Bindeglied. Und wenn man jetzt sieht, dass viele Sportler, sogar aus Russland, immer noch Putin unterstützen, dann gehen sie jetzt einfach zu Wettkämpfen. Auf ihrer Brust prangt der schreckliche Buchstabe "Z", den sie auf ihren Panzern beim Einmarsch in die Ukraine angebracht haben. Sie haben sich also bereits an der Politik beteiligt. Und wenn wir Menschen vom Sport auf internationaler Ebene ausschließen, üben wir Druck auf einen Teil der Gesellschaft aus und lassen sie glauben, dass die russische Regierung vielleicht Unrecht hatte. Es muss aber nicht nur der Sport sein, sondern alle möglichen gesellschaftlichen Ebenen, auf denen wir Druck ausüben können: Wissenschaft, Showbusiness, Sport, Handel, Reisen, Zugang zu jeglichem Wissen.
Alle Druckmittel zusammen werden einige Leute erreichen, die noch nicht wissen, auf welcher Seite sie in Russland stehen, ob sie den Krieg wirklich unterstützen wollen oder nicht. Denn wenn man Druck auf sie ausübt, können sie leicht die richtige Entscheidung treffen, um den Krieg zu beenden. Denn einer der Gründe, damit Putin den Krieg stoppt ist, dass sein eigenes Land dagegen ist. Ich denke, das ist die einzige Möglichkeit, ihn zu stoppen. Jede andere Option könnte eine Bedrohung sein, so wie die Schließung des Luftraums oder ein Handelsembargo. Und wenn man Putin angreift, wird er versuchen, noch mehr Druck auf seine Gesellschaft auszuüben, und das wird uns nicht dabei helfen, den Krieg jetzt zu beenden. Wenn wir mitten in die Gesellschaft gehen, wird das Gegenteil der Fall sein.
Ich weiß, dass es jetzt schwierig ist, das alles zusammenzuhalten, weil Russland in vielen Verbänden großen Einfluss hat. Die FINA steht sehr unter dem Einfluss Russlands. Wladimir Salnikow, der Präsident der Russischen Föderation, ist dort. Und die FINA ist einer der Verbände, die ehrlich gesagt keine wirklichen Sanktionen verhängen. Sie sagen, sie können ohne Flaggen auftreten. Aber wie Sie sich erinnern, waren sie wegen des Dopingskandals sowieso ohne Flagge. Was sind also die Sanktionen? Salnikow hat bereits eine Erklärung abgegeben: "Sehen Sie, sie respektieren uns." Wenn es keine Sanktionen gibt, nutzen sie das als Bonus. "Schauen Sie, wenn nicht jeder Sanktionen verhängt, können wir noch mehr Krieg führen." Das ist wirklich ein gefährliches Spiel, und ich weiß nicht, warum die FINA so neutral ist.
Friebe: Sie haben ja sicher auch bei den Schwimmern Kontakte zu russischen Sportlern gehabt. Gibt es die noch oder sind die abgerissen?
Govorov: 90 Prozent der russischen Athleten ist das ehrlich gesagt völlig egal. Sie sprechen nicht laut, oder sie sprechen als Unterstützung der Regierung. Denn ganz ehrlich, der Sport wird nur von der Regierung unterstützt. 90 % des Geldes für den Sport in Russland kommt von der Regierung, 60 % der Athleten repräsentieren die Armee. Natürlich haben sie mit den Sportlern gearbeitet, sie haben immer Druck auf sie ausgeübt, sie haben sie einer Gehirnwäsche unterzogen. 2014, als sie der Ukraine die Krim abgenommen haben, kamen von den russischen Sportlern nur Witze. Sie haben uns unser Land genommen, sie haben mir meine Heimat genommen, denn ich komme von der Krim, ich habe schon einmal in meinem Leben meine Heimat verloren. Und jetzt nehmen sie es einfach zum zweiten Mal.
Viele Athleten unterstützen die Regierung, das heißt, wir können der Welt zeigen: Seht her, es ist nicht die Regierung gegen die Ukraine, es sind auch russische Athleten, die die Regierung unterstützen: offen, umfassend. Wen ich jetzt unterstütze? Ich unterstütze die ukrainischen Bürger. Ich unterstütze das ukrainische Volk in seinem Wunsch, die Sportler zu verbieten.
Ich unterstütze auch die Demokratie. 141 Länder haben uns in den Vereinten Nationen gegen die Aggression Russlands unterstützt. Ich sehe die einzige Option für uns als europäische Einheit der Menschen darin, weiterhin Druck auszuüben, denn wir sind die erste Ebene des Krieges. Und wenn wir Russland die Chance geben, die Ukraine zu erobern, dann denke ich, dass sie wieder auf die Idee kommen, das zu wiederholen. Das könnte ein Beispiel dafür sein, wie sie die politische Weltordnung in der Zukunft verändern können. Und das könnte sogar Weltkrieg bedeuten. Wir müssen also mehr Druck ausüben, um das Land wirtschaftlich zu zerstören, damit sie das nicht mehr tun können.
Friebe: Was gibt Ihnen in diesen Tagen Hoffnung?
Govorov: Ich habe eine klare Antwort. Die ukrainische Nation gibt mir Hoffnung, weil wir alle vereint sind, vereint wie nie zuvor. Wir beginnen, uns mehr zu lieben, wir leisten Widerstand. Und noch etwas: Wir spüren jetzt auch die Unterstützung der ganzen Welt. Viele Familien versuchen, uns humanitäre Unterstützung zukommen zu lassen, viele Menschen auf der ganzen Welt spenden jetzt Geld an uns persönlich, um Menschen zu helfen. Ich weiß, dass viele so weit von dieser Situation entfernt sind. Aber jedes gesprochene Wort zu dieser Aggression ist eine große Hilfe für uns.
Hier lesen und hören Sie die ausführliche Version des Interviews. Im Deutschlandfunk haben wir aus Zeitgründen gekürzte Variante gesendet.