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StartseiteForschung aktuellTod im Dschungel23.07.2009

Tod im Dschungel

Schimpansen können an Immunschwäche sterben

Biologie. - Das Simiane Immundefizienz-Virus (SIV) ist einst von Schimpansen auf den Menschen übergesprungen. Das Virus gilt als Vorläufer des Aids-Virenstamms HIV-1. Ein internationales Forscherteam berichtet jetzt in "Nature", dass auch wildlebende Schimpansen an Aids erkranken können.

Von Marieke Degen

Auch Schimpansen können an Immunschwäche sterben. (Science, Jean-Michel Krief)
Auch Schimpansen können an Immunschwäche sterben. (Science, Jean-Michel Krief)

Kurz vor ihrem Tod wirkte das Schimpansenweibchen lethargisch und schwach. Sie war bis auf die Knochen abgemagert, und in ihrem Bauch wucherten Abszesse von einer Wurminfektion.

"Sie starb drei Jahre nachdem sie sich mit SIV infiziert hatte. Und als wir uns ihre Gewebeproben genauer angeschaut haben, fanden wir die klassischen Anzeichen für Aids– genau wie bei Menschen oder bei infizierten Makaken. Die Schimpansin ist wahrscheinlich an Aids gestorben."

Beatrice Hahn ist Mikrobiologin an der University of Alabama in Birmingham. Zehn Jahre lang hat sie SIV-positive Schimpansen beobachtet, im Gombe-Nationalpark in Tansania. Die Tiere sind wild, aber an Wissenschaftler gewöhnt, seit Jahrzehnten wird hier Verhaltensforschung betrieben.

"What was surprising was to find that SIVcpz in Chimpanzees is actually pathogenic."

Das überraschende war, sagt Beatrice Hahn, dass das Simiane Immundefizienz-Virus (SIV) die Schimpansen tatsächlich krank machen kann. Bislang sind Forscher nämlich davon ausgegangen, dass sich Affen generell zwar mit dem Virus infizieren, aber gesund bleiben. Einzige Ausnahme waren Makaken. Sie können eine aidsähnliche Erkrankung bekommen und werden deshalb auch als Tiermodell in der Aidsforschung eingesetzt. Das SI-Virus, mit dem sich Schimpansen infizieren, gilt als Vorläufer des menschlichen HIV-1. Von den insgesamt 94 Tieren im Gombe-Nationalpark trugen 17 das Virus in sich. Das haben die Forscher mit speziellen Tests im Kot der Tiere nachgewiesen. SIV wird ganz ähnlich übertragen wie HIV beim Menschen: über sexuelle Kontakte, oder von der Mutter auf das Kind. Krankheitssymptome haben die Schimpansen allerdings so gut wie gar nicht gezeigt. Hahn:

"Manchmal haben Kollegen gesagt: dieser Schimpanse hier, der war immer so dünn und sah richtig krank aus, der ist sicherlich an SIV gestorben – und dann kam heraus, dass das Tier überhaupt nicht infiziert war. Es bringt also nichts, nach Symptomen zu suchen. Wir haben einfach eine Menge Daten verglichen: Hier sind die Infizierten, hier sind die Nicht-Infizierten, und hier haben wir die Daten der vergangenen zehn Jahre. Sterben die infizierten Schimpansen schneller? Und wir sind zu dem Schluss gekommen: Ja, sie sterben schneller."

Während der Studie sind 7 von 17 infizierten Affen gestorben, also fast die Hälfte. Bei den nicht-infizierten Tieren starben nur 11 von 77 Tieren. Eine statistische Hochrechnung hat ergeben: Das Sterbe-Risiko ist bis zu 16 mal höher bei Schimpansen mit SIV. Infizierte Weibchen bekommen außerdem weniger Kinder, und die haben schlechte Überlebenschancen. Hahn:

"Da musste es einfach einen Zusammenhang geben. Als nächstes haben wir also Gewebeproben untersucht, von drei infizierten Tieren, die während der Studie gestorben waren."

Die Wissenschaftler wollten herausfinden, ob das Immunsystem der Affen ähnlich geschädigt war wie bei HIV-infizierten Menschen. Im menschlichen Körper zerstört das HI-Virus bestimmte Zellen des Immunsystems. Die Folge ist die Immunschwächekrankheit Aids. Auch bei den drei Schimpansen war die Zahl dieser Immunzellen extrem niedrig. Allerdings ist nur das Schimpansenweibchen auch tatsächlich an einer aidsähnlichen Erkrankung gestorben. Die anderen beiden Tiere waren bei Kämpfen ums Leben gekommen.

"Bei HIV-infizierten Menschen dauert es durchschnittlich zehn Jahre, bis die ersten Aids-Symptome auftreten. Wie lange das bei Schimpansen dauert, wissen wir nicht. Das sollten wir in Zukunft noch genauer untersuchen."

Die Ergebnisse von Beatrice Hahn und ihren Kollegen sind gerade für die Wissenschaft interessant. Forscher können in Zukunft nicht nur die Krankheitsverläufe von Menschen und von Makaken vergleichen. Sondern auch von Schimpansen. Noch einmal Beatrice Hahn.

"Menschen und Schimpansen können beide krank werden, aber wahrscheinlich nicht auf die gleiche Weise, und nicht im gleichen Zeitraum. Vielleicht kann das Immunsystem von Schimpansen besser mit dem Virus umgehen als das menschliche Immunsystem, wahrscheinlich sind uns die Schimpansen ein paar Schritte voraus. Immerhin haben sie das Virus lange vor uns gehabt. Ich denke, da werden wir noch einiges entdecken."

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