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Tod, Midlife Crisis und ein Märchen

Eine feinfühlige Tragikkomödie über Verluste und Neuanfänge am Ende des Lebens hat der britische Regisseur Paul Andrew Williams auf die Leinwand gebracht. Amüsant ist die Midlife-Crisis-Komödie "Immer Ärger mit 40". Die Märchenverfilmung "Jack and the Giants" hat dagegen wenig Charme.

Von Jörg Albrecht | 13.03.2013

" ... Was zum Teufel tun die hier?! "

Das geht Arthur dann doch zu weit. Der von Terence Stamp gespielte Rentner hat sich zwar damit arrangiert, dass er seine Frau Marion – Vanessa Redgrave – einmal die Woche zur Chorprobe ins Gemeindezentrum bringen muss. Als sich der Chor aber früh morgens vor seinem Haus aufbaut, um Marion ein Ständchen singen, platzt ihm der Kragen. Erstens findet Arthur das Musizieren der Alten affig und zweitens ist er der Ansicht, dass es für Marion in ihrem Zustand viel zu anstrengend sei. Marion hat Krebs im Endstadium. Nur wenige Wochen bleiben ihr noch. Auch nach einem öffentlichen Auftritt des Chors, bei dem Marion ihrem Mann das Lied "True Colors" widmet, zeigt der so gut wie keine Reaktionen.

" ... But I see your true colors shining through ... like a rainbow."

Erst nach Marions Tod wird Arthur Worte finden. Und das – zu seiner eigenen Überraschung – mit Hilfe der Musik. Und zwar dort, wo ihn vor noch nicht allzu langer Zeit keine zehn Pferde hingebracht hätten.

"Möchten Sie gerne singen? Was kennen Sie denn? – Oh, Dean Martin. Frank. – Fangen Sie an, bitte! Arthur, nur wir sind in diesem Raum. Und ich habe Sie schon singen gehört. – Hey, if you happen to see the most beautiful girl ..."

Waren noch vor wenigen Jahren im Kino Geschichten, in denen alte Menschen im Mittelpunkt stehen die große Ausnahme, sind sie mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr. "Best Exotic Marigold Hotel" oder Dustin Hoffmans "Quartett": Das Kino hat die Alten entdeckt – oder freundlicher neudeutsch ausgedrückt: die Best Ager als Protagonisten und Zielgruppe.

"Song for Marion" ist das Porträt eines mürrischen, anfangs verschlossenen Mannes, der nach dem Verlust seiner langjährigen Partnerin vor einem Neuanfang steht. Diese Wandlung schildert der britische Filmemacher Paul Andrew Williams mit so viel Feingefühl und einem Hauch Komik, dass auch die sentimentalen Momente niemals aufdringlich oder gar kitschig geraten. "Song for Marion" handelt aber auch von der Lebensfreude, die Musik wecken kann. Terence Stamp und Vanessa Redgrave sind wunderbar in dieser empfehlenswerten Tragikomödie, wie sie wohl nur die Briten hinbekommen.

"Mach doch irgendwas Lustiges! 40 ist was Besonderes. – Ich werde 38. – Okay. 38. Themawechsel. Klar! ... Wir werden in der gleichen Woche 40 und die Party ist nur für mich."

Von den Best Agern zurück in die Lebensphase der Midlife-Crisis. In die stürzen Debbie und Pete, die von Leslie Mann und Paul Rudd gespielt werden, wenige Tage vor ihrem 40. Geburtstag. Die beiden, die vor sechs Jahren in der Komödie "Beim ersten Mal" noch Nebendarsteller waren, stehen jetzt im Mittelpunkt des filmischen Ablegers.
In "Immer Ärger mit 40" dekliniert Filmemacher Judd Apatow durch, was so eine schlichte Zahl bewirken kann. Selbst bei einem Paar, das bislang gar keine Probleme hatte. Plötzlich aber mit 40 wird das Leben zu einem einzigen Krisenherd: das Älterwerden, der Job, die Kinder, die Eltern und vor allem die eigene Beziehung. Da gesteht Debbie Pete augenzwinkernd, wie sie sich vorgestellt hat, ihren Göttergatten langsam zu vergiften.

"Du überraschst mich immer wieder. Ich hätte wetten können, du würdest mich mit einer Portion Gift um die Ecke bringen. Aber du würdest mich über Monate quälen. ... Hast du schon mal darüber nachgedacht mich zu töten? – Na klar. – Und wie? – Mit einem Turbo-Häcksler. "

Mordfantasien und Potenzprobleme, Geldsorgen und eine unverhoffte Schwangerschaft sind nur einige der Zutaten dieser unterhaltsamen Ehestudie, die ihre Komik aus diversen Alltagssituationen schöpft. Den Fokus verliert Judd Apatow bei einer Länge von 135 Minuten zwar immer wieder aus den Augen, nie aber sein Gespür für die Pointe. "Immer Ärger mit 40": Empfehlenswert!

"Ich habe eine Idee. – Was? – Wir wecken einen schlafenden Riesen. ..."

Besser man hätte ihn im Dornröschenschlaf gelassen. Aber Hollywood hat sich an das britische Märchen Jack and the Beanstalk, bei uns bekannt unter dem Namen Hans und die Bohnenranke, herangewagt. Das Ergebnis ist ein mit Computereffekten hoffnungslos überladenes Fantasy-Abenteuer, das versucht, dem Märchenstoff einen modernen Anstrich zu verpassen. Nicht das erste Mal in der jüngeren Vergangenheit. Hollywood hat die Märchen entdeckt und ist bereits mit seinen Upgrades bei den beiden "Schneewittchen"-Verfilmungen wie auch bei "Hänsel & Gretel" gescheitert. Technisch hochgerüstet, aber ohne Charme und ohne erkennbare persönliche Handschrift ist "Jack and the Giants" von Bryan Singer allenfalls ein leidlich unterhaltsames Spektakel, das unter der Last seiner Spezialeffekte ächzt. Enttäuschend!