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Toleranz, Nächstenliebe und Respekt

Solingen erfuhr 1994, was rechtsextremer Hass bedeuten kann: Fünf türkischstämmige Mitbürger fielen einem Brandanschlag zum Opfer. Im Solingen von 2012 sorgt man sich dagegen um radikalislamische Salafisten. Stoff genug für Aufklärungsunterricht in einer Stadt, die als Vorbild für Integration gilt und keine Extreme dulden will.

Von Melanie Longerich | 24.05.2012

    Später Vormittag an der Albert-Schweitzer-Realschule in Solingen. Die große Pause ist gerade vorbei. Und die zwölf Schüler der Klassen 9b und c warten geduldig, bis Lehrer Andreas Hildebrandt die Tür zum Klassenzimmer aufschließt. Der 34-jährige Politik- und Vertrauenslehrer leitet einmal die Woche die AG gegen Rassismus:

    "So, guten Morgen zusammen. Metehan ist auf mich zugekommen und hat erzählt, dass aufgrund der Salafisten und der Pro-NRW-Sache, dass wir da jetzt ein Thema haben, dass wirklich super zu unserer AG passt und dass wir uns da dann einfach ganz toll engagieren können."

    Die Augen der Neuntklässler wandern zu Metehan Capaci aus der Zehnten. Der 16-Jährige mit türkischen Wurzeln ist seit einem Jahr Vorsitzender des Solinger Jugendstadtrats. Die Straßenschlachten der Salafisten am 1. Mai mit der Polizei - nach einer Kundgebung der rechtsextremistischen Splitterpartei Pro NRW – beschäftigen Metehan immer noch. Der Schüler will nicht zulassen, dass irgendwelche Extremisten seine Stadt als Bühne nutzen. Ihn stört es, dass viele seiner Mitschüler – aber auch viele Erwachsene und Lehrer - nicht wissen, dass nicht jeder Salafist radikal ist, und nicht jeder Muslim Salafist:

    "Von vielen Schülern wird der Islam vor allem als Terror wahrgenommen, und viele denken, dass die salafistische Szene sehr nah zu den anderen Moscheegemeinden ist, das stimmt natürlich auch nicht. Und deshalb wollte ich euch fragen, ob wir die Schüler informieren und dann dagegen agieren können."

    Die Schüler nicken. Einige haben schon die Flyer mit radikal-islamistischen Inhalten gesehen, die immer wieder in den Briefkästen stecken. Sie sind froh, im Unterricht mehr über Salafismus zu erfahren.

    "Find' ich sehr gut. Das ist wichtig. Die werben ja bei den Jugendlichen, und dann sind wir ja die, die am besten dagegen antreten müssen."

    Das sieht auch die Stadt Solingen so. Im örtlichen Theater findet seit dem Nachmittag eine Fortbildung statt. Thema auch hier: der Umgang mit dem Salafismus. Welche Strömungen gibt es? Was macht den Salafismus für Jugendliche attraktiv? Und wer ist besonders gefährdet? Das sind nur einige Fragen, die zwei Berliner Experten beantworten wollen. Lehrer, Sozialpädagogen, Polizisten, aber auch Vertreter der örtlichen Moscheegemeinden und interessierte Bürger haben sich angemeldet. Auch Vertrauenslehrer Andreas Hildebrandt ist dabei. Er war erschrocken, erzählt er, weil viele Schüler die Krawalle zwischen Rechtsradikalen und Salafisten am 1. Mai mit Spannung verfolgt hatten. Endlich ist mal was losgewesen in der sonst so unaufgeregten Stadt – diesen Satz hörte er von den Jugendlichen oft.

    "Dementsprechend haben die halt dann auch nicht so reagiert, wie man es sich gewünscht hätte. Also nicht so verängstigt: 'Oh Gott, was müssen wir tun?', sondern eher fasziniert. Und das ist dann wirklich eine Aufgabe zu sagen: 'Leute, guckt doch mal dahinter, was ist denn da? Das ist nicht spannend, wenn da ein paar Leute Krawall machen, und die Karikaturen sind auch nicht lustig gemeint. Und das ist wirklich was Ernstes, und da entsteht etwas, was zwar wirklich eine Minderheit ist, was aber für eine unglaubliche Power sorgt'."

    Dabei galt Solingen lange Zeit als Musterbeispiel für Integration. Nach den rechten Brandanschlägen auf ein türkisches Wohnhaus im Jahr 1993 hat sich in der Stadt viel bewegt, als eine der ersten Kommunen in Nordrhein-Westfalen entwickelte Solingen ein gesamtstädtisches Integrationsprojekt. Menschen aus 130 Nationen leben hier, das Zusammenleben funktioniert - wäre da nicht die kleine Hinterhofmoschee "Millatu Ibrahim" – unweit vom Rathaus, in der mittlerweile radikale Islamisten das Sagen haben. Bekannt wurde diese Moschee vor allem durch zwei Personen. Zum einen Robert Baum. Ein junger Konvertit, der im vergangenen Jahr in Großbritannien wegen Terrorverdachts vorübergehend festgenommen wurde. Baum nahm vor Kurzem an der Koran-Verteilung der Salafisten in Solingen teil. Bekannt ist auch der Name Mohamed Mahmoud, ein als besonders radikal geltender salafistischer Prediger mit ägyptischen Wurzeln aus Wien. Er hatte Anfang des Jahres in der Solinger Moschee zur Gewalt gegen Ungläubige aufgerufen.

    "Da ist sozusagen eine scharfe Trennwand, was hier an religiöser Praxis in den offenen Moscheen passiert und diesem 'closed shop' der salafistischen Extremisten. Also eine scharfe Abgrenzung – und auch eine scharfe Ablehnung."

    … beobachtet Oberbürgermeister Norbert Feith. Jeden Tag muss er verunsicherte Bürger beruhigen. Schätzungsweise 8000 Muslime leben in der Stadt, vielleicht 15 Personen gehören den radikalen Salafisten an. Mit denen aber will die Mehrheit der Muslime nicht in einen Topf geworfen werden. Und mehr noch, sie wollen, dass das allen Solingern klar wird. Auch der Oberbürgermeister ist nicht untätig: Er will, dass in dem Quartier, in dem die Hinterhof-Moschee der Salafisten liegt, künftig nur noch Wohnbebauung zugelassen wird. Unter anderem wären Vergnügungsstätten, aber eben auch kirchliche oder kulturelle Einrichtungen fortan tabu. Norbert Feith will die Extremisten aus seiner Stadt vertreiben:

    "Dazu nutzen wir die uns als Kommune zur Verfügung stehenden Mittel. Das kann mal das Ordnungsrecht sein, das kann mal das Bauordnungsrecht sein oder das Gesundheitsamt – oder wer auch immer da infrage kommt, um zu schauen, ob dort alles beim Rechten ist."

    Natürlich wünsche er sich, dass seine Stadt nicht als Nest von Extremisten in Verruf gebracht wird. Doch daran müsse vor Ort die Gesellschaft arbeiten: starke Eltern, informierte Lehrer und Sozialpädagogen.

    "Habt ihr eine Idee, wie wir so starten könnten, wie es anlaufen könnte, unser Projekt?"

    An der Albert-Schweitzer-Schule ist die Unterrichtsstunde fast rum. Metehan Capaci, der 16-jährige Jugendstadtrat, hat ein klares Ziel: Nur wer genau weiß, was beide Seiten wollen, kann dafür sorgen, dass Extremisten in Solingen keine Chance haben:

    "Erstmal sollte man eine Aufklärungsstunde einführen, zum Beispiel, dass die gegen unsere demokratische Anordnung und unsere Strukturen sind. Und dann könnte man gucken, ob man gemeinsam mit allen Solinger Schulen auf die Straße geht. Wir wollen nämlich ein Solingen haben, wo Toleranz, Nächstenliebe und Respekt miteinander im Mittelpunkt stehen sollen."

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