Donnerstag, 24.10.2019
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteForschung aktuellLeggings, die beim Laufen helfen09.07.2019

Tolle Idee - was wurde daraus?Leggings, die beim Laufen helfen

Intelligente Leggings, die Menschen mit Geh-Einschränkungen unterstützen sollen - statt Rollator: Mit dieser Idee ging 2016 ein internationales Forscherteam an den Start. Inzwischen gibt es einen Prototypen der "tragbaren" Geh-Hilfe. Bis zur Alltagstauglichkeit ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Von Anneke Meyer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Auf der Pflegemesse Rehacare wird ein Exoskelett vorgestellt, das querschnittsgelähmten Menschen als Stütze dienen kann. (dpa/Marcel Kusch)
Forscher tüfteln an verschiedenen Methoden, Menschen das Gehen zu erleichern, viele sind aber noch nciht ausgereift (dpa/Marcel Kusch)
Mehr zum Thema

Hightech-Prothesen Exoskelett - die schlaue Gehhilfe

Neue Prothese- und Exoskelett-Technologien Dank Hi-Tech wieder auf den Beinen

Die Sommersonne wirft Streifen auf den Fußboden des Labors für Bewegungsanalyse der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Konrad Stadler und Eveline Graf beugen sich über eine schwarze Hose aus weichem, dehnbarem Stoff, die auf einem Tisch vor ihnen ausgebreitet liegt.

"Wir sehen das Herzstück, nenne ich es jetzt mal. Das ist die Leggings."

Auf den Knien sitzen dicke Plastikkappen, zahlreiche Klettverschlüsse und Schnallen sind auf den Beinen verteilt – nicht besonders modisch. Das muss sie aber auch nicht sein.

"Das ist eine Leggins, die Personen beim Gehen unterstützen soll."

Eine Alternative zum Rollator

Verletzung, inkomplette Querschnittslähmung, Schlaganfall oder einfach nur das Alter: Es gibt viele Gründe, warum Menschen unsicher auf den Beinen werden. Eine Gehhilfe zu benutzen, etwa einen Stock oder Rollator, kostet die meisten aber einiges an Überwindung. Mit XoSoft, so der Name der Hose vor der die Wissenschaftler stehen, soll das anders sein.

"Einen Rollator zu benutzen - da ist man stigmatisiert. Das sieht man von außen, da hat man die Hände nicht frei, das ist unpraktisch, sperrig. Und mit XoSoft ist das Ziel, dass man Ihnen ein Produkt geben kann, das man nicht sieht, dass Sie unter der eigenen Kleidung tragen können, idealerweise und das Sie gehen können wie jemand, der gesund ist."

Insgesamt acht Forschergruppen aus unterschiedlichen Europäischen Ländern arbeiten seit 2016 gemeinsam an der High-Tech-Hose. Inzwischen haben sie es von der Idee zu einem tragbaren Prototypen gebracht. Bis zum marktreifen Medizinprodukt ist es aber noch ein weiter Weg.

"Die ist jetzt im Moment noch nicht sehr eng geschnitten."

Reporterin Anneke Meyer trägt eine XoSoft-Hose und spricht dabei mit Forscherin Eveline Graf, ZHAW WinterthurReporterin Anneke Meyer trägt eine XoSoft-Hose und spricht dabei mit Forscherin Eveline Graf, ZHAW Winterthur

Der Prototyp muss erst einmal jedem Figur-Typ passen. Hauteng anliegen soll die Hose erst später, wenn die Maßanfertigung für einzelne Patienten ansteht. An manchen Stellen muss die Hose aber jetzt schon eng sitzen, damit sie ihre Stützfunktion erfüllen kann.

Eveline Graf beginnt die Klettverschlüsse an Hüften, Knien und Knöcheln zu schließen. Dabei befestigt sie gleichzeitig die Bauteile, die dem Kleidungsstück letztlich seine Funktionalität verleihen.  

"Hier sehen Sie jetzt mal eines dieser Gummibänder, dass dann für diese Unterstützung zuständig ist."

Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Physiotherapie zeigt auf ein ziemlich dickes Gummiband, von denen Konrad Stadler einen ganzen Haufen auf dem Tisch verteilt hat. An dem Gummiband befestigt sind zwei geriffelte Plastikbänder, die durch eine Gummihülle zusammengehalten werden.

"Was dazu kommt, neben dem Gummiband, ist eine Kupplung, und die wird in Serie mit einem Gummiband befestigt."

Der Professor für Mechatronik verschiebt die beiden geriffelten Plastikbänder gegeneinander und verändert damit die Länge der Kupplung. Er legt er ein Vakuum an die Gummihülle an. Die Bänder werden aneinandergepresst, ihre Riffel verhaken sich, die Kupplung ist festgestellt.

"Und sobald die starr ist, kann man beim Gehen ein bisschen Energie in dieses Gummiband speichern und im richtigen Moment wieder frei geben."

Je nachdem wo es angebracht wird, kann es damit eine bestimmte Bewegung erleichtern. Eveline Graf befestigt eine Serienschaltung von Kupplung und Gummiband am Hüftbeuger, also zwischen Hüfte und Oberschenkel. Sie stellt die Kupplung so kurz wie möglich ein und zieht sie fest. Das verändert das Gefühl beim Gehen, auch wenn man noch gut zu Fuß ist. Welchen Teil eines Schrittes genau die Hose erleichtert, kann ganz individuell auf die Bedürfnisse des Betroffenen angepasst werden.

"Die Patienten spüren, dass es einen Effekt hat. Und wir können auch auf Videobildern zeigen, dass Personen auf einmal aufrechter gegangen sind, weil sie die Unterstützung hatten. Und das spüren die natürlich und finden das toll."

Ähnlich wie ein E-Bike

Manche Testpersonen verglichen die Lauf-Leggings sogar mit einem E-Bike. Ohne eigene Kraft funktioniert es nicht, aber die Bewegung ist erleichtert. Die Unterstützung, das Bein nach vorne zu setzen, gibt Patienten mit schwachem Hüftbeuger aber guter Gesäßmuskulatur Trittsicherheit zurück. Bei Menschen, die eine kompliziertere Behinderung haben, etwa einen Fallfuß, müssen die Kupplungen immer entsprechend der Gangphase angezogen oder wieder entspannt werden. Dazu braucht man eine Vakuumpumpe samt sensorischer Steuerung, die immer weiß, welcher Teil der Bewegung gerade ansteht. 

"Dann kommt als nächstes die Weste."

Beides ist zusammen in einer Art Rucksack verpackt.

"Möchten sie die Kiste auch?" - "Auf jeden Fall!"

Der lässt sich definitiv nicht unter der Kleidung tragen und wiegt darüberhinaus immerhin zwei Kilogramm.

"Also dazu muss man sagen, wir haben eigentlich uns über die Funktionalität vor allem über diese Kupplung mit den Gummibändern Gedanken gemacht und nicht, wie wir ans Vakuum kommen."

Noch nicht reif für den Alltag

Für den Sprung in den Alltag von Patienten zuhause ist XoSoft damit noch nicht reif. Dass es kleinere Lösungen, die weniger wiegen, gibt, wissen die Forscher bereits. Aber sie müssten noch in den Prototypen integriert werden.

"Und es braucht auch noch Arbeit im Bereich der Praktikabilität. Es muss einfacher sein, anzuziehen. Und das heißt, es braucht wirklich noch Forschung in den verschiedenen Bereichen, die involviert waren, auch in der Entwicklung."

Forschung, die die Wissenschaftler gerne noch machen würden. Ihr Ziel ist es, den Prototypen zu einem frei verfügbaren Medizinprodukt weiter zu entwickeln. Dafür fehlt zurzeit allerdings das Geld. Die Mittel der EU, durch die das Projekt bisher finanziert wurde, sind ausgelaufen. Eine Anschlussfinanzierung ist noch nicht gesichert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk