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StartseiteForschung aktuellSonnenstrom aus der Wüste16.04.2019

Tolle Idee! Was wurde daraus?Sonnenstrom aus der Wüste

Vielversprechender Beginn, enttäuschende Entwicklung: Das Desertec-Konzept sollte die besten Solarstandorte und die besten Technologien der Welt zusammenbringen und so überschüssigen Strom aus den Wüstenstaaten nach Europa exportieren. Große Firmen sprangen auf, doch dann kippte die Stimmung.

Von Frank Grotelüschen

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Solaranlage im marokkanischen Ouarzazate (dpa/Sergio Barrenechea)
Solarstrom aus der Wüste auch für Europa - eine gute Idee, deren Umsetzung scheiterte (dpa/Sergio Barrenechea)
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"Die Geschichte lehrt das: Wenn Europa was braucht, das holt sie sich. Egal, ob die Leute es wollen oder nicht." Mai 2011. Auf einer Konferenz denkt der marokkanische Chemieprofessor Abdelaziz Bennouna über die Chancen einer kühnen Vision nach – einem riesigen Gemeinschaftsprojekt von Europa und Nordafrika.

"Jetzt ist die Frage: Hat sich Europa einigermaßen entwickelt in Richtung Partnerschaft und Zusammenarbeit?" Zumindest was den Energiesektor angeht, muss man diese Frage heute mit "nein" beantworten. Denn aus dem Megaprojekt ist nichts geworden, zumindest vorerst. Dabei hatte alles vielversprechend begonnen.

"Das Desertec-Konzept bringt zusammen die besten Solarstandorte der Welt, die Wüsten, und die besten Technologien der Welt aus den Technologieländern." In den 2000er-Jahren entwickelte der ehemalige Teilchenphysiker Gerhard Knies einen schlüssig klingenden Plan: Da in der Sahara die Sonne viel stärker scheint als bei uns, funktionieren Solarkraftwerke dort deutlich effizienter. Den Strom, den die Wüstenstaaten nicht selber brauchen, könnten sie über Hochspannungsleitungen nach Europa exportieren.

Zwölf Unternehmen greifen die Idee auf

Die Perspektiven: fantastisch, sagte Gerhard Knies 2011. "Die Technologieländer und die Wüstenanrainerländer können sich auf diese Weise mit sauberer Energie versorgen in jedem denkbaren Ausmaß. Wir können über hundertmal soviel Elektrizität erzeugen, als die Menschheit je brauchen würde!"

Im Jahr 2050 könnten die Solarkraftwerke im Süden bis zu 17 Prozent des europäischen Strombedarfs decken – so das Ergebnis einer damals erstellten Studie. Dabei ging es nicht um Solarzellen, sondern um solarthermische Kraftwerke. Bei ihnen bündeln Spiegel das Sonnenlicht und verdampfen Wasser, das dann Turbinen antreibt, die Strom erzeugen. Um Mitstreiter für seine Vision zu finden, gründete Knies 2009 mit dem Club of Rome eine Stiftung, die Desertec-Foundation. Noch im selben Jahr gelang ihr ein Coup: Zwölf Unternehmen, darunter Siemens, E.ON und die Deutsche Bank, griffen die Idee auf und bildeten ein Konsortium, die "Desertec Industrie Initiative".

"Diese Medienwelle, die dadurch ausgelöst wurde, ist ein Riesenerfolg für die Desertec-Stiftung und für die Menschen damals gewesen," sagt Andreas Huber, aktueller Vorstand der Desertec Foundation. "Weil zum ersten Mal große Industrieunternehmen sich hinter Visionäre gestellt haben und gesagt haben: Wir wollen mit an der Umsetzung wirken."

Ziel des Konsortiums war, konkrete Geschäftsmodelle und Finanzierungskonzepte zu erarbeiten. Von einem Investitionsvolumen von 400 Milliarden Euro war die Rede. Ein paar Jahre später aber war bereits die Luft raus. 2012 ließen mehrere Partner die Zusammenarbeit auslaufen. Andere machten zwar weiter, aber nur noch mit halber Kraft. 2014 dann war Desertec – zumindest als Industrieprojekt – gescheitert. Die Gründe dafür waren vielfältig, sagt Andreas Huber. So gab es verschiedene Auffassungen über die Netzanbindung der Solarkraftwerke: Einige Firmen planten erst mal eine einzelne Leitung. Andere wollten gleich ein komplettes Stromnetz, ein Supergrid.

Mit den großen Plänen kam der Gegenwind

Ein Konzept, das für den Anfang viel zu ehrgeizig war, meint Huber. "Warum hat man nicht erst einmal pragmatisch mit diesen Punkt-zu-Punkt-Leitungen, die sofort umsetzbar wären, angefangen, sondern das Ganze gleich so aufgebläht, dass man sagt: Man braucht ein Supergrid, das dann aber politisch so schwierig umzusetzen ist in der EU, dass man gesagt hat: Das hat keine Chance."

Außerdem schien manchen in der Industrie die politische Lage in Nordafrika zu instabil. Sie bezweifelten, ob die Milliardeninvestitionen im Wüstensand sicher angelegt wären. Und dann gab es da noch Gegenwind von völlig unerwarteter Seite.

Andreas Huber: "Die Desertec-Idee hatte plötzlich in Deutschland Widerstand bekommen von Menschen, die für Erneuerbare waren. Das beste Beispiel ist der Utopia Award – eine Nachhaltigkeits-Community, die der Desertec-Idee 2008 den Utopia-Preis verliehen hat. Wir standen auf der Bühne als die großen Utopisten und Visionäre und wurden gefeiert. Ein Jahr später, 2009, als bekannt wurde, dass die Unternehmen diese Utopie realisieren wollen, standen wir auf der Bühne als Buhmänner, die für Zentralisierung stehen und für Industrie und Geldmacherei."

Die Stimmung kippte, weil der Verdacht aufkeimte, dass es den beteiligten Firmen vor allem darum geht, nach Milliardensubventionen der öffentlichen Hand lukrative Großaufträge in Nordafrika abzugreifen. Schließlich fühlten sich die Aktivisten auch von der Politik im Stich gelassen. Andreas Huber: "Es gab ja eine große politische Unterstützung von verschiedensten namhaften Politikern. Aber als der Wind gedreht hat und die Kritik an der Vision groß wurde, hat die Politik Vorsicht walten lassen und wollte sich das erst einmal anschauen. Ich glaube, die Politik hätte da etwas mehr Mut beweisen können."

Nordafrikanische Länder setzen auf erneuerbare Energien

Zwar gibt es Desertec noch, allerdings nur auf Sparflamme: Die Industrieinitiative ist heute auf drei Beraterfirmen geschrumpft. Und die spendenfinanzierte Stiftung versucht weiter, das Konzept zu promoten, sucht dabei aber auch nach neuen Ideen. Andreas Huber: "Da setzen wir an und geben gerade mehrere Machbarkeitsstudien in Auftrag. Man kann nach wie vor ein Kabel legen und den Strom direkt hierher transportieren. Man kann aber auch die Energie vor Ort nutzen, Stichwort Power-to-Gas, um dann die Energie in einer anderen Form hierher zu bringen und sie anders zu nutzen. Nämlich mit Power-to-Gas beispielsweise für unsere Mobilität."

Ganz ohne Wirkung scheint Desertec aber nicht gewesen zu sein: In Nordafrika sind mittlerweile gigantische Solarkraftwerke entstanden oder werden gerade gebaut. Pläne, ihren Strom auch nach Europa zu exportieren, gibt es derzeit aber nicht. Andreas Huber: "Wenn man sieht, wie die nordafrikanischen Länder jetzt auf erneuerbare Energien setzen, dann glaube ich schon, dass das in irgendeiner Form auf Desertec zurückzuführen ist. Es ist etwas, was die Menschen inspiriert hat."

Eine Entwicklung, die der Desertec-Initiator Gerhard Knies nur noch zum Teil miterleben konnte. Er starb 2017 im Alter von 80 Jahren.

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