Freitag, 07.08.2020
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteForschung aktuellSpiegel bringen Licht in norwegisches Tal03.03.2020

Tolle Idee! Was wurde daraus?Spiegel bringen Licht in norwegisches Tal

In Rjukan in Norwegen wird es nie richtig hell. Sechs Monate des Jahres liegt die Kleinstadt im Schatten. 2013 wurde dort deswegen ein Heliostat gebaut, der Sonnenlicht reflektiert und die Stadt erhellen sollte. Für viele ist es vor allem ein Gag, der seitdem viele Touristen anzieht.

Von Anneke Meyer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Im Vordergrund trägt ein Mann ein Kind auf seinen Schultern. Im Hintergrund ist die Reflektion des Sonnenlichts über Heliostate zu sehen. (AFP / Krister Soerboe)
Drei Heliostaten spiegeln in Rjukan Sonnenlicht auf den Marktplatz (AFP / Krister Soerboe)
Mehr zum Thema

Licht 2500 Lux zum Glücklichsein

Norwegen Winterdepression ade

Solarium vs. Sprühen Battle of Bräunung

Es ist der 30. Oktober 2013. Auf dem Marktplatz der kleinen Stadt Rjukan im Westen Norwegens feiern Tausende von Menschen. Eine Band spielt Lieder über den Sonnenschein. Viele der Feiernden tragen Sonnenbrillen – ein ungewöhnlicher Look in der Kleinstadt, denn Sonnenschein sieht man hier nur selten. Rjukan liegt in einem Tal zwischen hohen Bergen und deshalb von September bis Mitte März komplett im Schatten. Um das zu ändern, hat die Gemeinde einen Heliostaten bauen lassen: Drei große Spiegel, die Sonnenstrahlen vom Bergrücken hinab ins Tal schicken und den Marktplatz heute, der Jahreszeit zum Trotz, in helles Licht tauchen.

"Endlich Sonnenschein", kommentiert ein Reporter in der Live-Übertagung der Eröffnungsfeier im Norwegischen Rundfunk NRK.

600 Quadratmeter großer Sonnenfleck

Heute, bald sieben Jahre später, liegt der allergrößte Teil Rjukans im Winter zwar nach wie vor dauerhaft im Schatten. Aber seitdem die der Sonne nachgeführten Spiegel 450 Meter oberhalb der Stadt Licht einfangen und ins Tal reflektieren, ist wenigstens ein 600 Quadratmeter großer Fleck auf dem Marktplatz das ganze Jahr über von der Sonne beschienen, erzählt Øystein Haugan. Er war 2013 Vorsitzender des Komitees zur Errichtung der Heliostaten.

"Am Anfang hat es ein paar Korrekturen gegeben, aber die Technik hat im Prinzip die ganze Zeit funktioniert und tut es immer noch. Die Leute, die nach Rjukan kommen, gehen auf den Marktplatz, stellen sich in die Sonne und genießen das Licht. Alle sagen es macht sie glücklich und froh. Das ist wirklich ein toller Effekt!"

Schon der Gründervater Rjukans, der Großindustrielle Sam Eyde, hatte bereits 1913 von einem Sonnenspiegel für die junge Stadt geträumt. Aber technisch war das damals noch nicht möglich. Stattdessen wurde 1928 eine Seilbahn gebaut, um die Leute aus dem schattigen Tal auf den Berg zu bringen – und damit direkt ins Sonnenlicht. Lange, dunkle Winter schlagen auch ohne andauernden Schatten schon aufs Gemüt. Viele Menschen fühlen sich in der dunklen Jahreszeit abgeschlagen und müde. Je weiter man in Richtung Polarkreis kommt, umso mehr Leute leiden unter handfesten Herbst-Winter-Depressionen. Dass Lichtmangel ein Auslöser für jahreszeitliche Stimmungsschwankungen ist, ist sehr wahrscheinlich, meint Barbara Nußbaumer-Streit.

Licht hat Einfluss auf die Psyche

"Zum einen ist Licht ein sogenannter Zeitgeber, der unseren zirkadianen Rhythmus beeinflusst, also unsere innere Uhr. Und man glaubt, dass, wenn wir wenig Lichteinfluss haben, dass die innere Uhr dann vielleicht falsch eingestellt ist. Und das Licht ist auch ein Einflussfaktor auf die Melatoninproduktion im Körper und auf die Hormonproduktion - Serotonin ist dadurch ein bisschen beeinflusst. Und diese ganzen Faktoren könnten alle zusammenspielen, warum das Licht auf unsere Psyche einen Einfluss hat."

Die Gesundheitswissenschaftlerin ist stellvertretende Direktorin von Cochrane Österreich. In einer Übersichtsarbeit des renommierten Netzwerks für evidenzbasierte Medizin hat sie die Wirksamkeit von Lichttherapie zur Prävention von Depressionen untersucht.

"Ja, es gibt schon Studien, die zeigen, dass es kleine positive Effekte hat bei Personen, die an Herbst-Winter-Depression leiden. Wenn die zum Beispiel vor einer Lichtlampe sitzen."

Eine therapeutische Lampe ist eine Vollspektrumlampe, die bei einer Stärke von 10.000 Lux alle Wellenlängen des sichtbaren Lichtes ausstrahlt. Ein Besuch im Solarium kann die so genannte "Lichtdusche" durch eine therapeutische Lampe nicht ersetzen. Auf der Sonnenbank badet die Haut in UV-Strahlen. Die regen den Bräunungsprozess der Haut an, nicht aber die Melatonin-Produktion. Ein Heliostat könnte dagegen im Prinzip durchaus stimmungsaufhellend wirken: Das Licht, das die Sonnenspiegel auf den Marktplatz in Rjukan werfen, enthält das volle Spektrum und hat 80 Prozent der Strahlungsstärke der Sonne. An einem schönen Wintertag sind das etwa 16.000 Lux und damit deutlich mehr als eine Lichtlampe leistet.

Künstliche Sonne gegen Depressionen?

Dass die künstliche Sonne am Berg eine sinnvolle Investition zur Depressions-Prävention ist, bezweifelt Barbara Nußbaumer-Streit trotzdem:

"Ich kenne keine Studie, die die Wirksamkeit von so einem Heliostaten untersucht hat. Und die haben dann ja insgesamt trotzdem noch sehr wenig Licht über den Tag verteilt."

Hinzu kommt, dass die Sonne auf dem Marktplatz nur scheint, wenn sie es auch auf dem Berg tut – und das ist natürlich nicht täglich der Fall. Bei bedecktem Winterhimmel ist die Lichtstärke der Sonne dann kaum noch bei 3000 Lux. Dass gelegentliche Sonnenstrahlen auf 600 Quadratmetern im Zentrum als universelle Maßnahme zur Förderung der psychischen Gesundheit einer Sechstausend-Einwohnerstadt taugen, hält auch Øystein Haugan für spekulativ. Wirklich nötig sei so eine Maßnahme aber auch nicht, sagt er.

"Natürlich ist es schön, dass wir jetzt Sonne bei uns haben. Aber ich habe mit Psychologen gesprochen, um zu erfahren, ob wir wegen dem vielen Schatten besonders viele Depressive hier in Rjukan haben. Die Antwort ist nein! Der Sonnenspiegel ist mehr eine Art Gag. Ein tolles Kunstwerk, das Aufmerksamkeit erregt und dazu geführt hat, dass Besucher aus der ganzen Welt zu uns kommen."

Mehrere Anfragen von anderen schattigen Orten

Die Firma, die den Heliostaten gebaut hatte, erhielt mehrere Anfragen von anderen schattigen Orten. Dass es letztlich doch nicht zu Folgeprojekten kam, liegt an dem Preis den der gespiegelte Sonnenschein hat: 500.000 Euro hat der Bau des Heliostaten gekostet. Eine Investition, die sich für Rjukan gelohnt hat: Viele der Sonnenbadenden auf dem Marktplatz sind Touristen – was nicht heißt, dass die Einheimischen ihren Sonnenspiegel nicht auch zu schätzen wissen:

"Viele hier in Rjukan finden, dass es einfach gemütlich ist, auf dem Marktplatz in der Sonne zu sitzen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk