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StartseiteForschung aktuellTonikum gegen das Vergessen30.04.2007

Tonikum gegen das Vergessen

Neue Therapie hält Nager mit Alzheimer geistig fit

<strong>Medizin. - Mit dem Alter kommt auch für viele die Vergesslichkeit, doch besonders schlimm verläuft die Alzheimer Erkrankung - sie endet in schwerer Demenz. Zumindest bei Mäusen konnten US-Forscher jetzt ihrem Verlauf mit einer neuen Therapie verblüffend entgegenwirken.</strong>

Von Michael Gessat

Die "Enrichment"-Behandlung trainierte erfolgreich die grauen Zellen der Alzheimer-Mäuse. (AP)
Die "Enrichment"-Behandlung trainierte erfolgreich die grauen Zellen der Alzheimer-Mäuse. (AP)
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Die Mäuse im Labor von Li-Huei Tsai am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, sind Demenz-Kandidaten auf Abruf. Zum einen tragen sie ein verändertes Gen in sich, das ein gehirnschädigendes Eiweiß, das Protein p25, produziert. Und zum anderen haben die Nager einen Schalter. Keinen mechanischen, von außen sichtbaren, sondern einen internen, chemischen.

"Wenn die Mäuse Futter mit der Substanz Doxycyclin bekommen, dann wird die Ausprägung des krankmachenden Gens unterdrückt, und die Mäuse bleiben ganz normal. Sobald wir ihnen aber herkömmliches Futter ohne Doxycyclin geben, wird das Gen angeschaltet. So können wir also zu jedem beliebigen Zeitpunkt die Gehirnerkrankung ausbrechen lassen, und dann aber auch wieder stoppen, indem wir erneut Doxycyclin beifüttern."

Eine genaue Kontrolle über Eintritt und Schwere der Erkrankung also, und damit erstmals die Chance, ein demenztypisches Symptom wie den Gedächtnisverlust genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei Mäusen, denen das krankmachende Gen für sechs Wochen ein- und dann wieder abgeschaltet wird, ist das Gehirn bereits deutlich geschädigt: Sie zeigen ein vermindertes Lernvermögen. Und bei Gedächtnistests fallen sie im Gegensatz zu ihren gesunden Trainingskameraden durch: An früher Erlerntes können sie sich nicht mehr erinnern. Der anatomische Befund: Verminderte Neuronenanzahl, reduzierte Gehirnmasse. Die Therapie der Wahl nennt sich "Environmental Enrichment". Und das bedeutet schlicht und ergreifend eine möglichst interessante Umgebung. Li-Huei Tsai:

"Die Tiere bekommen mehr Raum, um sich zu bewegen. Sie bekommen Spielzeug mit allen möglichen Farben, Formen und Materialien. Sie haben immer neue Dinge zu entdecken und auszuprobieren. Und ganz wichtig: die Gesellschaft mit anderen Mäusen, die soziale Interaktion."

Tatsächlich erzielten die Mäuse nach einem vierwöchigen Intensivprogramm wieder bessere Testergebnisse: Die Erinnerung an ihr Training kam zurück.

"Unsere Beobachtungen legen nahe, dass man sich den so genannten Gedächtnisverlust nach neuronaler Degeneration eher als einen gestörten Zugriff auf das Langzeitgedächtnis vorstellen sollte."

Die Experimente bestätigen die Vermutung, dass "Enrichment", dass rege physische und psychische Aktivität die Neubildung von Synapsen fördert. Das Netzwerk im Gehirn verknüpft sich offenbar neu, auch wenn die Zerstörung von Nervenzellen nicht wieder rückgängig zu machen ist. Eine Art Gehirn-Selbsthilfe also. Aber das setzt voraus, dass eine vorhandene Schädigung nicht bereits allzu stark fortgeschritten ist. Der Ko-Autor der Studie, Andre Fischer vom European Neuroscience Institute in Göttingen:

"Das Enrichment funktioniert eben auch im Menschen und normale Menschen werden dadurch auch ein wenig schlauer. Aber wenn man Alzheimerpatienten hat, ist es oftmals schwer, sie noch an der Umwelt zu beteiligen, und da müsste man pharmakologische Mittel haben, um sie erstmal auf das Level zu bringen, dass Enrichment überhaupt funktioniert."

Diese Mittel gibt es vielleicht bald: Bestimmte chemische Substanzen, die so genannten HDAC-Inhibitoren, sind auf einem ganz anderen Anwendungsfeld, nämlich in der Krebsbekämpfung, pharmakologisch schon recht erfolgreich ausgetestet worden. Und sie fördern offenbar die Synapsenvernetzung biochemisch in der gleichen Art und Weise wie das "Gehirnjogging". Li-Huei Tsai und Andre Fischer konnten ihren "Demenz-Mäusen" auch mit HDAC-Inhibitoren in Sachen Lernfähigkeit und Erinnerungsvermögen wieder auf die Sprünge helfen. Wenn es also in naher Zukunft ein entsprechendes Medikament geben sollte: Den krankhaften Prozess etwa bei Alzheimer würde es nicht stoppen, sondern nur dessen Auswirkungen abmildern. Vielleicht taugt das Mittel aber sogar für alle Senioren, die im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte bleiben wollen. Fischer:

"Unsere jüngsten Daten, die noch nicht publiziert sind, deuten darauf hin, dass wir auch ganz normal altersbedingtes Vergessen oder Vergesslichkeit mit diesem Ansatz sozusagen eventuell heilen können."

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