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StartseiteCorsoTotale Finsternis auf der Kurbel-Leinwand19.12.2011

Totale Finsternis auf der Kurbel-Leinwand

Proteste gegen eine Kino-Schließung in Berlin

Eine Bürgerinitiative kämpft für ein Kino - und erreicht absurderweise mit einer Mini-Demo das Gegenteil - die vorzeitige Schließung. So geschehen letzte Woche in Berlin-Charlottenburg mit dem Programmkino "Die Kurbel".

Von Andreas Becker

Projektorraum im Kino - in der Berliner "Kurbel" wird er nicht mehr gebraucht. (AP Archiv)
Projektorraum im Kino - in der Berliner "Kurbel" wird er nicht mehr gebraucht. (AP Archiv)

"Wir brauchen Kultur, wir brauchen Kommunikation. Geben sie der Kurbel eine Zukunft als ein modernes, zeitgemäßes Kino. Für Festivals, für Lesungen, für Vorträge. Die Zerstörung all dessen, kann kein vernünftiger Mensch wollen. Geben sie sich einen Ruck - werden Sie zum Retter der Kurbel!"

Stefan Lukschy und seine Mitstreiter sind enttäuscht. Trotz tausender Unterschriften, darunter Berlinale-Chef Dieter Koslick - ist die Kurbel plötzlich dicht. Laut Programm hätten heute "Tim und Struppi" und "Lauras Stern" laufen sollen. Stattdessen: totale Projektor-Finsternis.
Auch Schaufensterbeleuchtung, Foyer, Kasse und Kurbel-Schriftzug - alles düster. Der ganze Vorplatz ist dunkel - was wie eine wahr gewordene Prophezeiung wirkt.

"Es ist traurig. Wir hatten ja als Initiative 'Rettet die Kurbel' die Idee, dass heute ganz viele Leute in das Kino gehen, alle drei Säle proppevoll sind, und Schlangen vorm Kino sind. Und nun hat der Hausbesitzer gestern das Licht abgeschaltet, angefangen, die zwei kleinen Säle auszuräumen und behauptet, es gäbe technische Probleme. Was keiner glaubt."

Was zunächst wie eine gespensterhafte Schaufenster-Spiegelung aussieht, sind tatsächlich Kartenabreißerin und Vorführer, die sich drin im Dunkeln, am Popcorntresen, einen Abschiedsdrink genehmigen. Als ein TV-Team sie entdeckt, verstecken sie sich vorm Kamera-Scheinwerfer.
Danach ist das letzte Licht, das hier nach fast 77 Jahren Kinogeschichte auf die Straße leuchtet, das Glühen einer Zigarette neben einem Plakat im Foyer.

"Ja, wir wären hier heute so gern ins Kino gegangen. Schade drum. Ist ja auch ein bisschen ungemütlich ohne das schöne Licht."

Die etwa 70 Protestler und Cineasten-Flash-Mobber, wollten Kurbel-Betreiber Tom Zielinski, überzeugen, das Kino nicht drei Tage vor Weihnachten endgültig zu schließen. Absurderweise versteckt sich der Kinochef - aus Angst, vor seinen eigenen Unterstützern. Auch Interviews gibt er nicht mehr. Ob er - wie geplant - den schon ausverkauften einstigen Kurbel-Erfolg "Vom Winde Verweht" noch einmal zeigt, ist unklar.

Die Buchhändlerin Hella Wunsch kann es kaum glauben. Vor ihrer Kasse liegt eine Unterschriftenliste, fast voll:

"Ich bin ein absoluter Kurbel-Fan, weil, des is' ein Kino umme Ecke, im Kiez. Multiplex hasse ich, ich mag das Kleine."

Während in Gesamt-Berlin nach dem Mauerfall viele Kinos neu entstanden, sind in der Gegend um den Ku'damm - einst ein lebhaftes Cineasten-Mekka - mittlerweile rund 20 Kinos verschwunden. Die Auswahl schwindet:

"Ja, also die Filmkunst ist noch da, ansonsten ist hier wirklich viel gestorben. Das "Klick" ist gestorben, das "Schlüter" ist gestorben. Also, es gibt noch am Ku'damm ein paar Programmkinos, aber: that's it. Die Filmkunst und das Delphi sind die letzten, die noch bleiben. Aber wer weiß, wie lange noch."

Das mag in vielen Städten wie ein Luxusproblem klingen. Aber wer Berlinale-Filme im Marmorhaus, Royal oder Gloriapalast gesehen hat, der meidet die neuen Beton-Multi-Plexe allein schon aus West-Nostalgie. Kleine Kinos müssen sich programmatisch profilieren, Romantik und Tradition rechnen sich oft nicht.

Nicht nur wegen der Umstellung auf Digital-Projektoren hätte man auch in die Kurbel kräftig investieren müssen. Das scheint sich weniger zu rentieren als die künftige Vermietung an einen Alnatura-Supermarkt. Die Verträge sind schon unterschrieben.

Nächstes Jahr kauft man im ehemaligen Kinosaal dann wohl Bio-Gemüse.

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