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Totaler Krieg der Systeme

Neurologie. - Multiples Sklerose ist die zweithäufigste neurologische Erkrankung unter jungen Erwachsenen. In Deutschland findet man unter 100.000 etwa 70 Betroffene. Im Körper der Erkrankten herrscht ein regelrechter Krieg zwischen Immun und Nervensystem. Mit welchen Tricks ersteres vorgeht und was man dagegen tun kann, war Thema auf der Jahrestagung der Neurowissenschaftler in Göttingen.

Von Kristin Raabe | 30.03.2007
    Manche MS-Patienten vermachen heute nach ihrem Tod ihre Gehirne der Wissenschaft. Immer in der Hoffnung, dass die Patienten von morgen von dem Wissen profitieren, das die Forscher durch die Untersuchung dieses Gewebes erlangen. Hans Lassmann, Leiter des Zentrums für Hirnforschung der Universität Wien, untersucht solche Proben. Dabei hat er kürzlich eine wichtige Entdeckung gemacht: In einigen Proben enthielten die Schadstellen im Nervengewebe der MS Patienten Ablagerungen von Antikörpern. Antikörper werden von den sogenannten B-Zellen des Immunsystems produziert. Dass bei MS-Patienten das Immunsystem das Nervensystem angreift, wissen Experten schon lange. Allerdings hatten sie bisher ganz andere Zellen in Verdacht. Lassmann:
    "Bislang hat man angenommen, dass bei der multiplen Sklerose nur eine einzelne Population von T-Lymphozyten für die Erkrankung verantwortlich ist, die so genannten Th1 -Zellen."

    Verschiedene Arten von T-Zellen, B-Zellen und sogar Fresszellen – praktisch das komplette Waffenarsenal des Immunsystem - greift bei der MS das Nervensystem an. Eine Zeitlang kann das Nervensystem die entstandenen Schäden noch reparieren, aber irgendwann spüren die Patienten dann die Ausfälle: Ihr Sehvermögen lässt nach und ihre Bewegungsfähigkeit nimmt immer mehr ab. Durch die Forschung von Medizinern wie Hans Lassmann wird nun deutlich, dass die MS-Patienten sich in verschiedene Untergruppen einteilen lassen, bei denen jeweils eine andere Zellart des Immunsystems für die Schäden am Nervensystem verantwortlich ist. Lassmann:

    "Es gibt Multiple-Sklerose-Patienten mit sehr fulminanten und aggressiven Schüben und bei diesen Patienten, gibt es wiederum eine Subgruppe, wo Antikörper eine ganz, ganz große Rolle spielen. Und da wurde in einer kürzlich erschienen Studie, die wir gemeinsam mit der Mayo-Klinik gemacht haben, gezeigt, dass solche Patienten auf Plasmaaustausch sehr gut reagieren. Während hingegen andere Patienten mit sehr ähnlicher Klinik aber ganz anderen Krankheitsmechanismen auf Plasmapherese, also Plasmaaustausch, überhaupt nicht ansprechen."

    Ein Plasmaaustausch oder eine Plasmapherese ist nichts anderes als eine Blutwäsche. Dabei werden unliebsame Bestandteile aus dem Blut der Patienten herausgefiltert. Und das sind bei dieser speziellen Gruppe von MS-Patienten die Antikörper der B-Zellen. Sind sie einmal weg, können sie dem Nervensystem nicht mehr schaden. Allerdings können die B-Zellen beim nächsten Schub neue gefährliche Antikörper bilden. Lassmann:

    "Das ist eine akute Therapie für einen akuten Schub, natürlich ist es so, dass diese Antikörper wieder nachgebildet werden. Das heißt man wird in Zukunft auch eine Therapie machen müssen, die gleichzeitig die B-Lymphozyten ebenfalls dämpft."

    So eine Therapie ist bereits in Sicht, denn es gibt einen Wirkstoff, der die B-Zellen des Immunsystems hemmt. Die ersten klinischen Tests an Patienten haben bereits begonnen.