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StartseiteSport am WochenendeWie verdrängte Geschichte zurückgeholt wird13.12.2020

Trainerlehrgang an der DHfK LeipzigWie verdrängte Geschichte zurückgeholt wird

Der Internationale Trainerkurs an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig war Markenzeichen der DDR-Außenpolitik. Während die Hochschule nach der Wende geschlossen wurde, blieb der Trainerlehrgang erhalten. Die Geschichte wurde jedoch lieber ausgeklammert.

Von Jennifer Stange

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Die Skulptur Speerwerfer steht vor dem Gebäude der ehemailigen Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig. Dort befinden sich jetzt Räume der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig und der Handelshochschule Leipzig. Der vordere Teil des Speeres an der Skulptur ist abgebrochen. Ausschnitt aus der Skulptur Speerwerfer the Sculpture Speerwerfer is before the Building the ehemailigen German College for Corporate culture DHfK in Leipzig there are to Now Spaces the Sports Science Faculty the University Leipzig and the Business School Leipzig the Front Part the to the Sculpture is canceled Part of out the Sculpture Speerwerfer  (imago images / Klaus Martin Höfer)
Die Skulptur "Speerwerfer" vor dem Gebäude der ehemaligen Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig. (imago images / Klaus Martin Höfer)
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ITK steht in großen weißen Buchstaben auf Ayelén Maisleys T-Shirt, weiss auf hellblau. Für sie ein schönes Andenken, denn es ist schon ein paar Jahre her, dass die Turntrainerin den internationalen Trainerkurs in Leipzig besucht hat. 2013 war das, jetzt sitzt sie zu Hause vor ihrem Computer in Buenos Aires, der Hauptstadt von Argentinien. "Für mich war das eine unvergessliche Erfahrung. In Deutschland zusammen mit Menschen aus aller Welt trainieren und deutschen Blick auf das Turnen kennenlernen und zu sehen wie hier trainiert wird", sagt Maisley.

Neu und faszinierend war damals für die heute Dreißigjährige, dass für jedes Turnelement die Trainingsweise exakt vorgegeben war. "Man bekommt diese Methodenkarten, dort jeder Trainingsschritt für jedes Turnelement Punkt für Punkt erklärt."

(Privat)Ayelén Maisleys bei den Olympischen Spielen in Rio 2016. (Privat)

Zweimal im Jahr können sich Trainerinnen und Trainer und Sportlehrerinnen und Sportlehrer für den fünfmonatigen Internationalen Trainerlehrgang an der Uni Leipzig bewerben. In Ayeléns Augen herrscht in Leipzig purer Luxus: "Die Turnhalle der Uni Leipzig ist wesentlich besser ausgestattet als die besten Gyms in Argentinien."

Auswärtiges Amt finanziert Lehrgang

Das Angebot richtet sich an Sportlerinnen und Sportler aus so genannten Entwicklungsländern. Benannt werden die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD. Finanziert wird das Austauschprogramm inklusive Stipendium vom Auswärtigen Amt, die Bewerbungen laufen deshalb über die deutsche Botschaft im jeweiligen Land. Neben Weiterbildung in etlichen Disziplinen werden auch Spezialisierungen im so genannten Behindertensport und Sportmanagement angeboten und: "Das geballte Wissen der Sportwissenschaft, nicht nur in der Sportart, sondern auch darüber hinaus, in der Sportmedizin in der allgemeinen Trainingswissenschaft", sagt Daniel Eckert Lindhammer.

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Die DHfK, die Hochschule des DDR-Sports, gibt es nicht mehr. Dennoch ist sie den meisten Leipzigerinnen und Leipzigern nach wie vor ein Begriff – genauso wie das Gebäude, in der sie untergebracht war und in dessen Keller eine imposante Kunstsammlung lagert.

Eckert Lindhammer ist administrativer Geschäftsführer des Trainerkurses. Als er den Job 2011 übernimmt, habe er eine seltsame Situation vorgefunden:  Eine, "die die geschichtliche Situation vor 1990 zunächst einmal ausgeklammert hat. Das hat mir konkret so nicht gefallen. "

Der Internationale Trainerlehrgang hat eine DDR-Vergangenheit, das habe man ein paar Jahre lang zumindest nach außen lieber verschwiegen. Dabei reicht dessen Geschichte bis in die Anfangszeit der DHfK in Leipzig zurück. Die einzige Sporthochschule der DDR war Prestige-Projekt der SED-Führung. Denn, über den Spitzensport wollte sich die sozialistische Diktatur internationale Anerkennung verschaffen und durch den Trainerkurs diplomatische Beziehungen festigen. Der Zweck und das Grundkonzept haben sich bis heute unter der Flagge der Bundesrepublik erhalten, auch das Personal ist größtenteils geblieben. Nicht zufällig, denn die Übernahme des internationalen Programms war sogar im Einigungsvertrag festgehalten.

Eckert Lindhammer: "Die Teilnehmenden, die vor 1990 hier im ITK waren, gehören aber eben mit zu unserem Alumni-Kreis und wir haben auch entschieden, die Zeit davor auch mit zu unserer Geschichte hinzuzufügen."

Unter den rund 2000 Teilnehmenden des Trainerkurses vor der Wende sind auch Persönlichkeiten, wie Sam Ramsamy, heute Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und lange Vorkämpfer gegen Apartheid und Rassismus im Sport. In seinem Heimatland Südafrika war er Mitbegründer des South African Non-Racial Olympic Committee, als Gegenstück zur "weißen" South African Sports Association setzte sich die Organisation gegen rassistische Strukturen im Sport ein und erreichte, dass das Apartheidregime ab 1964 von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde. Sam Ramsamy ist außerdem Autor des Grußworts in einer Broschüre zum ITK.

Geschäftsführer lässt alte Kontakte aufleben

Und es gibt noch andere Wege, wie die verdrängte Geschichte zurück geholt wird. Alte Kontakte, die auf Eis gelegt wurden, lässt Eckert Lindhammer wieder aufleben. Ins karibische und bis heute sozialistische Kuba beispielsweise. Eckert Lindhammer: "Diese enge Verbindung ist es Wert, auch wieder aufzufrischen, das habe ich auch getan in den letzten Jahren. So dass wir als Verbindungen in andere Länder im diplomatischen Sinne immer pflegen sollten."

Das geht nicht zuletzt auch, weil sich die bundesdeutsche Außenpolitik nach dem Zerfall des Ostblocks gegenüber sozialistischen Ländern entkrampft hat. Die internationale Sportförderung, schreibt da Auswärtigen Amt auf seiner Homepage, stehe beispielhaft dafür, wie der Sport über sprachliche, politische und kulturelle Grenzen hinweg Brücken bauen könne.

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Brücken, die Ayeléns Großvater nie wieder aufbauen wollte. "Ich bin Jüdin und meine ganze Familie ist jüdisch und musste aus Europa flüchten." Auf der Flucht vor dem Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten flüchteten ihre Großeltern nach Argentinien. Die Pläne der Enkelin, an einem Austauschprogramm in Deutschland teilzunehmen, war ihnen ein Graus, erzählt Ayelén Maisleys.

Sie habe über den Trainerkurs zum Glück ein ganz anderes Deutschland kennengelernt, sagt sie und sie fühle sich nicht nur mit Trainern und ehemaligen Stipendiaten des ITK bis heute verbunden, sondern auch mit der deutschen Turnwelt. "Ich bin so stolz auf die Turnerinnen, die sich jetzt getraut haben zu reden. Sie verbringen so viel Zeit in einer entscheidenen Phase ihres Lebens mit ihren Trainerinnen - es gut, dass das raus ist."

Sechs junge Kunstturnerinnen, darunter eine Weltmeisterin von 2017, haben kürzlich schwere Vorwürfe gegen eine Trainerin am Bundesstützpunkt in Chemnitz erhoben: Es geht um Training trotz Schmerzen, Erniedrigungen und Diätzwang. Nur so könne sich etwas ändern. Weltweit sorgen sexualisierte Gewalt in Turnverbänden in den USA, Neuseeland, den Niederlanden und jetzt Deutschland für Aufruhr.  Ayelén Maisley, mittlerweile Co-Trainerin des argentinischen Nationalkaders, empfiehlt ihren Kolleginnen und Kollegen: weniger Disziplin, mehr Empathie.

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