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Transparenz in der ForschungNiedersachsens Unis veröffentlichen Drittmittelprojekte

Was ist die Absicht eines Forschungsprojekts, wer der Auftraggeber und wie viel Geld ist dafür geflossen: In Niedersachsen haben die Hochschulen nun erstmals ihre Drittmittelprojekte offengelegt. Was nach vorbildlicher Transparenz aussieht, stellt für Kritiker von Rüstungsforschung lediglich ein Etappenziel dar.

Von Alexander Budde | 11.04.2016

Details in einem Praktikumslabor am Institut für Anorganische und Analytische Chemie (IAAC) der Universität Jena.
Die Selbstverpflichtung der Hochschulen zur Transparenz soll grundsätzlich für alle Forschungsvorhaben gelten. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)
Niedersachsens grüne Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajić sieht das Versprechen auf Transparenz eingelöst. Zum Stichtag 31. März haben die niedersächsischen Hochschulen eine Sammlung ihrer laufenden Drittmittelprojekte ins Internet gestellt. So soll möglichst für einen jeden einsehbar sein, was die Absicht einer Studie, wer ihr Auftraggeber und wie viel Geld dafür geflossen ist.
Zivilklauseln und gesetzliche Auflagen, wie es sie in einigen Bundesländern gibt, seien nicht wirklich zielführend, betont die Ministerin bei der Präsentation der Liste in Hannover:
"Ich sehe unseren Kurs absolut bestätigt, dass es richtig war, das in einem dialogorientierten Verfahren auf freiwilliger Basis mit den Hochschulen zu machen – sodass wir sehr viel schneller zum Ziel gekommen sind und auch sehr viel umfassender. Ich glaube, das hat auch zur Folge, dass die Hochschulen dieses Verfahren damit auch tatsächlich akzeptieren und sich dem nicht versuchen zu entziehen!"
Einige Hochschulen melden nur abstrakte Daten
Die Selbstverpflichtung der Hochschulen zur Transparenz soll grundsätzlich für alle Forschungsvorhaben gelten. So steht es im Hochschulentwicklungsvertrag. Heinen-Kljajić betont, dass die Leitlinien, die Verpflichtung auch zur späteren Dokumentation der Forschungsergebnisse, keineswegs gängigen Vereinbarungen zuwiderlaufen, etwa wenn die Partner bei der Einwerbung der kostbaren Drittmittel strikte Vertraulichkeit vereinbart haben. Einige Hochschulen haben von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, zu Industrieprojekten lediglich abstrakte Daten zu liefern:
"Wo man tatsächlich nicht nachvollziehen kann, worum es sich handelt. Und das ist, glaube ich, nicht Sinn und Zweck der Sache. Wir wollen ja Transparenz – und nicht die Daten um der Daten willen."
Vorhaben mit militärischem Bezug haben die TU Braunschweig, die Leibniz Universität Hannover sowie die Universität Osnabrück gemeldet. In Osnabrück werden die Hirnaktivitäten von Soldaten analysiert, finanziert vom US-Verteidigungsministerium. Senatskommissionen für Forschungsethik sollen den Forschern etwa bei der Beurteilung denkbarer Folgen ihrer Forschungsarbeit beratend zur Seite stehen, nach Möglichkeit gar eine Negativliste unerwünschter Auftraggeber und Forschungsfelder erstellen. Studierende und Doktoranden sind ausdrücklich zur Mitarbeit eingeladen, betont Wolfgang Uwe Friedrich, der Vorsitzende der Landeshochschulkonferenz:
"Wir müssen dafür werben, dass die Zusammenarbeit mit der Industrie legitim ist. Dass sie einen Nutzen bringt nicht nur für die Hochschule, sondern für die gesamte Gesellschaft. Man kann Akzeptanz nur dann gewinnen, wenn man kommuniziert, wenn man sich auf ein Gespräch einlässt, wenn man Informationen gibt, wenn man Fragen beantwortet - und wenn man sie nicht beantworten kann, muss man begründen, warum nicht, und muss versuchen, Misstrauen zu zerstreuen!"
Rüstungskritiker: Register wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt
Eine systematische Berichtspflicht der Hochschulen über ihre mit privaten und öffentlichen Geldern geförderte Forschung sei grundsätzlich eine begrüßenswerte Initiative, sagt der Rüstungskritiker Reiner Braun von der Initiative gegen Militärforschung an Universitäten. Das Register werfe allerdings mehr Fragen auf als es Antworten gibt:
"In der Transparenz-Regelung sind eine ganze Reihe von Klauseln enthalten, die wiederum zur Verschwiegenheit und zum Verschweigen führen. Wenn man diese Hintertürchen einführt, konterkariert man sein eigentliches Ziel! Diese Fußnoten müssen jetzt an den Universitäten zum Bestandteil einer gesellschaftlichen Debatte werden."
Im Einzelfall bleibt zu klären, was ethisch fragwürdig erscheint. Die Zusammensetzung der Senatskommissionen bleibt jedoch den herrschenden Verhältnissen an der Hochschule überlassen:
"Rüstungsforschung wird immer dann an die Öffentlichkeit kommen, wenn an den Institutionen sich Widerspruch regt. Das ist aber viel zu wenig der Fall. Und das hat auch Gründe: Wenn ich dort beschäftigt bin, mit einem Vertrag über drei Monate, soll gleichzeitig noch meine Doktorarbeit machen, muss aber meinem Professor noch jede Power Point machen – dann habe ich doch kaum Zeit, mich damit zu beschäftigen."
Vertragsklauseln werden auch weiterhin in Niedersachsen geheime Forschungsprojekte möglich machen. Doch von einem wichtigen Etappenziel auf dem Weg zu mehr Transparenz sprechen auch die Kritiker.