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StartseiteCampus & KarriereTraum vom Job im Orchestergraben05.04.2012

Traum vom Job im Orchestergraben

Musiker haben es immer schwerer bei der Jobsuche

Sie machen Musik, seit sie denken können. Und sie träumen von einer festen Stelle in einem deutschen Kulturorchester. Doch dieser Traum ist nicht unbedingt realistisch.

Von Lenore Lötsch

Musiker bewerben sich um wenige Jobs. (Stock.XCHNG / Kathryn McCallum)
Musiker bewerben sich um wenige Jobs. (Stock.XCHNG / Kathryn McCallum)

"Also, wer sich entscheidet, Musik zu studieren, das ist ein Lebenstraum.
Mein großes Ziel ist es eigentlich, in ein Orchester zu kommen. Man kann ja auch erstmal klein anfangen in einem Theater oder an der Oper und dann eventuell in ein Sinfonieorchester später mal.
Also, ich glaub, wenn man jetzt schon sehr skeptisch ist, dann hat es eh keinen Sinn. Erstmal denk ich da nicht drüber nach."

Martha Benkendorf, Constanze Banzhaf und Pina Mohs sind drei von 55 Studierenden, die in der Rostocker Hochschule feierlich begrüßt werden. Die jungen Frauen spielen Fagott, Horn und Oboe und es eint sie der Optimismus, sich durchzusetzen. Erstmal in ihrem Musikstudium und später auch beim Kampf um die Stelle im Orchestergraben.

Zwei Etagen höher sitzt Erik Weyer im schmalen Posaunenraum der HMT und übt für seine Abschlussprüfung in zwei Monaten. Danach? Der 26-Jährige hat zwar eine begehrte Praktikumsstelle in einem norddeutschen Orchester für eine Spielzeit ergattert, aber Zukunftssorgen, die hat er auch.

"Es gab jetzt in der Orchesterzeitschrift eine ganz erschreckende Statistik, eine Probespielstatistik. Seit ein paar Jahren ist die mal wieder rausgekommen. Und bei den Posaunisten da gab's auf neun feste Stellen, die im Jahr frei wurden, haben sich 682 Posaunisten beworben. Und da kriegt man denn schon manchmal ein bisschen Angst."

Bei den Flötisten ist die Lage sogar noch prekärer: neun Stellen im Jahr und 1429 Bewerber. Und noch etwas fällt auf beim Blick in die Statistik: Während die Zahl der Planstellen in öffentlich finanzierten Orchestern mittlerweile deutschlandweit auf unter 10.000 gesunken ist, aus Spargründen immer öfter Stellen nicht besetzt werden, nimmt die Zahl der Studierenden an Musikhochschulen stetig zu. 2000 Absolventen gab es 2009, fast 600 mehr als im Jahr 2000. Der Rostocker Rektor Christfried Göckeritz:

"Die Lage ist schwieriger geworden. Es gibt natürlich einen unglaublich hohen Anspruch inzwischen. Also, man steigt gelegentlich heute ein in eine Hochschule, wie man vor Jahrzehnten sie verlassen hat, das ist so. Ansonsten, ja: Es setzt sich der durch, der in den Augen der Jury der Beste ist und ansonsten müssen die Leute lernen, übrigens auch schon im Studium, immer wieder aufzustehen."

Jeder dritte Student an den 24 deutschen Musikhochschulen kommt mittlerweile aus dem Ausland. Im Fachbereich Musik in Rostock ist es sogar jeder zweite. Ein Musikstudium an einer deutschen Hochschule ist vor allem für Südkoreaner, Chinesen und Japaner nach wie vor die Eintrittskarte in ein Orchester in Asien. Auf den Fluren der Musikhochschulen wird allerdings auch darüber gesprochen, dass es nicht nur die hohe musikalische Qualität der Bewerber ist, die Professoren dazu bringt, sich für einen Musikstudenten aus Asien zu entscheiden.

"Viele Lehrer machen es, die nehmen gerne Asiaten auf, weil man dann eben doch nicht den Druck hat, den in ein deutsches Orchester zu bringen."

Belastbare Zahlen über die Absolventenvermittlung der letzten zehn Jahre gibt es bisher nicht, heißt es vom Präsidium der deutschen Rektorenkonferenz. Der Deutsche Musikrat geht davon aus, dass jedes Jahr deutschlandweit eine hohe dreistellige Zahl von jungen Musikern keinen festen Arbeitsplatz bekommt. Für welchen Arbeitsmarkt bilden die deutschen Musikhochschulen immer mehr hochqualifizierte Musiker aus? Christfried Göckeritz:

"Man muss akzeptieren, dass die Aufgabe einer Kunsthochschule nicht mehr ist, eins zu eins für den Arbeitsmarkt auszubilden. Es gibt diesen kulturpolitischen Auftrag als eine Größe, die man nicht so leicht fassen kann, die aber auch wichtig ist."

Sie sind dick, die Backsteinmauern der Rostocker Hochschule. Und Forderungen nach Marktorientierung prallen bisher an ihnen ab. Um den Weg in die Praxis zu erleichtern, wurde im vergangenen Jahr beschlossen, dass die Studierenden ein Orchesterpraktikum absolvieren müssen.
Der Posaunist Erik Weyer, der bald sein Diplomzeugnis in der Hand hält, hat den Traum vom Orchestergraben noch nicht aufgegeben, aber die Zeit des Studiums hat ihn zum Realisten werden lassen:

"Ich hab auch Plan B natürlich. Also ich wird jetzt noch ein bisschen mehr in die Pädagogikschiene gehen, noch ein Lehramtsstudium machen nebenbei, weil man doch eben eine gewisse Sicherheit braucht. Wie gut man ist oder sonst wie, garantiert einem keiner, dass man eine Stelle kriegt letztendlich. Bloß man muss immer das Positive sehen. Letztendlich machen wir Musik."

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