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Treibstoff aus Biomasse

Auch wenn Biokraftstoffe inzwischen eine Alternative zum Öl darstellen, ist das Potenzial der heute üblichen Substanzen begrenzt: So würde die Raps-Anbaufläche in Deutschland niemals ausreichen, um den Kraftstoffverbrauch zu decken. Deshalb arbeitet die Branche bereits an der nächsten Generation, an synthetischen Kraftstoffen, die nicht nur aus der Frucht, sondern aus der gesamten Pflanze oder aus pflanzlichen Abfällen hergestellt werden.

Von Philip Banse | 13.12.2006

    Das Potential dieser zweiten Generation von Biokraftstoffen ist groß, das ist das Ergebnis einer Realisierungsstudie der staatlichen Deutschen Energieagentur und der Automobilindustrie. Die neuen Biokraftstoffe werden als "Biomass to Liquid", kurz BtL, bezeichnet. Flüssiger BtL-Treibstoff wird nicht mehr nur aus der Frucht erzeugt sondern aus der der ganzen Pflanze, also aus Holz oder auch speziellen Energiepflanzen. Von dieser Biomasse gibt es reichlich in Deutschland, sagt Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energieagentur:

    " Es gibt Biomasse in Deutschland, mit der wir ungefähr 20-30 Prozent des heutigen Treibstoffbedarfs über diesen neuen Treibstoff befriedigen könnten. "

    30 Prozent des heute verbrauchten Kraftstoffs könnte bis 2030 aus Biomasse hergestellt werden - die Studie geht dabei jedoch davon aus, dass sämtliche Biomasse in Kraftstoff verwandelt wird. Tatsächlich wird die vorhandene Biomasse jedoch auch zur Erzeugung von Strom und in der chemischen Industrie verwendet. 30 Prozent des Kraftstoffs durch Kraftstoff aus Biomasse zu ersetzen dürfte also auch bis 2030 nur schwer möglich sein. Eindeutig sei jedoch, so die Studie: Mit den neuen Kraftstoffen aus Biomasse wird wesentlich weniger CO2 in die Atmosphäre geblasen. Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energieagentur:

    " Wenn sie heute einen Liter Diesel einsetzen und sie ersetzen ihn durch einen Liter Biodiesel wie heute oder durch BtL, und rechnen natürlich die gesamte Prozesskette ein - Aufarbeitung, Infrastruktur, Aufwendungen, die sie natürlich in den Prozess stecken müssen - dann können sie mit BtL 90 Prozent der heutigen Emissionen vermeiden. Biodiesel ist schlechter, das liegt ungefähr bei 65 Prozent. "

    Damit diese günstige CO2-Bilanz erreicht werden kann, muss die sehr aufwändige Produktion dieser synthetischen Biokraftstoffe noch effizienter gemacht werden. Außerdem darf die Biomasse nicht über weite Strecken - womöglich mit Lkw - zur Raffinerie transportiert werden. Die Realisierungsstudie hat daher untersucht, wie und wo in Deutschland eine Großanlage zur Produktion von Kraftstoffen aus Biomasse errichtet werden kann.

    " Das Ergebnis der Studie ist, dass technisch möglich ist, dass wir Verfahren zur Verfügung haben, dass es in Deutschland Standorte gibt, die von der Logistik, also von der Biomasse-Verfügbarkeit her, sehr günstig sind. Und bei der Wirtschaftlichkeit kommen wir mit heutiger Technik auf ungefähr 80 Eurocent je Liter. Wenn wir noch Optimierungspotentiale ausnützen wie zum Beispiel die Anlagenverfügbarkeit erhöht, dann kommen wir runter auf ungefähr 70 Eurocent pro Liter an Treibstoffkosten. "

    Gute Standorte sind danach in Küstennähe oder an großen Chemiestandorten wie Ludwigshafen am Rhein, dem Sitz des Chemieriesen BASF, wo sich große Synergieeffekte ergäben. Die Studie geht davon aus, dass bis 2012 eine erste Großanlage in Deutschland die Produktion von Kraftstoffen aus Biomasse aufnimmt. Diese Kraftstoffe der zweiten Generation könnten Autofahrer schon heute tanken, aktuelle Motoren vertragen ihn ohne technische Anpassungen. Deswegen unterstützten die Automobilhersteller schon seit langem die Entwicklung von Kraftstoffen aus Biomasse, sagte Thomas Schlick, Geschäftsführer des Verbandes der Automobilindustrie. Das neue Kraftstoffquotengesetz legt ja fest: Kraftstoff aus Biomasse ist bis 2015 steuerfrei. Auto-Lobbyist Schlick forderte eine längere Steuerbefreiung und schlug vor, die Besteuerung aller Kraftstoffe abhängig zu machen von ihrer CO2-Emission:

    " Das heißt konkret: Je mehr CO2 ein Kraftstoff im Vergleich zu Benzin oder Diesel einspart, desto niedriger sollte seine Steuer sein. Mit anderen Worten: Je mehr Bio pro Liter beigemischt wird und je besser der beigemischte Biokraftstoff wird, desto günstiger sollte der Kraftstoffpreis für den Kunden sein. "

    Im Prinzip eine gute Idee, sagt dazu der Verkehrsclub Deutschland, es komme aber auf die Umsetzung eines solchen CO2-basierten Steuermodells an.