Samstag, 13. August 2022

Archiv

Trends auf der IFA
Vielleicht schon zu viel Innovation

Lust auf neue Produkte, das soll die Internationale Funkausstellung machen, die am Freitag in Berlin eröffnet wird. In der Konsumelektronik leiden aber etliche Bereiche unter Umsatzrückgängen. Viele Neuerungen seien oft nur für Fachleute als solche zu erkennen, erklären Experten. Grund zum Jubeln hat nur eine Branche.

Von Benjamin Hammer | 02.09.2015

    Zwei IFA-Flaggen und die Siegessäule in Berlin.
    IFA in Berlin: Die Umsätze im Markt der klassischen Unterhaltungselektronik gehen weiter zurück. (imago/STPP)
    So klingt die IFA 2015. Noch jedenfalls. Zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung versuchen Firmen und Verbände, die Journalisten von ihrem wirtschaftlichen Erfolg und ihren Produkten zu überzeugen. Beim Digitalverband Bitkom klingt das zum Beispiel so. "Die Branche schaut sehr, sehr erfolgreich in die Zukunft", sagt Tim Lutter, er leitet bei Bitkom den Bereich der Konsumelektronik.
    Doch auch Lutter und sein Verband kommen an einem Trend nicht vorbei. Die Umsätze im Markt der klassischen Unterhaltungselektronik gehen weiter zurück. 9,78 Milliarden Euro sollen es in diesem Jahr werden, das wäre ein sattes Minus von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zur Unterhaltungselektronik gehören etwa Fernseher oder Digitalkameras. Ein Beispiel: 2008 wurden in Deutschland 9,3 Millionen Digitalkameras verkauft. In diesem Jahr werden es laut Prognosen nur noch 3,4 Millionen sein. Bei manchen Herstellern auf der IFA sorgt das für Katerstimmung.
    Freuen können sich weiterhin die Hersteller von Smartphones. Nach Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung werden in Deutschland in diesem Jahr 25,5 Millionen Smartphones verkauft. Das ist ein Plus von 7,3 Prozent. Der Umsatz: 9,1 Milliarden Euro. Damit setzt die Smartphone-Branche mittlerweile so viel um, wie die Hersteller der klassischen Unterhaltungsindustrie. Tim Lutter von Bitkom. "Das Smartphone hat sich zum Universalgerät entwickelt. Der Deutschen wie auch weltweit. Die lesen darauf E-Books, sie spielen darauf, sie schauen darauf Videostreaming, Musikstreaming wird damit gehört. Es wird mit den Geräten innerhalb der Wohnung vernetzt. Insofern ist es nur folgerichtig, dass die Deutschen alle zwei Jahre ihr Smartphone austauschen."
    UHD: So guckt niemand Fernsehen
    Man kann es auch so sehen: Die Smartphones kosten die Hersteller von Fernsehern Marktanteile. Die TV-Branche wird auch auf der IFA 2015 für ihre neuen Produkte trommeln. Das Problem: Sie trommelt schon seit Jahren. Zum Beispiel für ultrahochauflösende Fernseher mit dem Standard 4K. Nur rund zehn Prozent der in diesem Jahr verkauften Fernseher unterstützen diesen Standard. Der Kunde hat also keine richtige Lust darauf. Erklärungsversuche von Klaus Böhm von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. "Wir haben so viele neue Innovationen und die Zyklen der Innovation werden immer kürzer, dass sie vielleicht von dem einzelnen Beobachter aber noch mehr von den Kunden vielleicht gar nicht mehr als Innovation wahrgenommen werden."
    Vielleicht haben wir sogar einen Ticken zu viel Innovation im Markt, sagt Böhm dann noch. Im Klartext: Die Kunden wollen noch abwarten. Eine Messe voller Innovationen? Peter Knaak, Spezialist für Fernseher von der Stiftung Warentest sieht die Dinge etwas anders als der Wirtschaftsprüfer. "Mein Eindruck ist, dass wir ganz viele alte Kamellen neu aufgewärmt bekommen. Was wirklich fehlt, sind richtungsweisende Standards, die es ermöglichen, bessere Bilder auf die Fernseher zu bringen. Und da hat sich jetzt erst ein Konsortium gebildet. Und wann das dann mal zu Potte kommt, das steht in den Sternen."
    Dann sagt Knaak etwas, was die Fernsehhersteller mit ihren UHD-Spezialdisplays wohl nicht gerne hören. "Der Punkt bei UHD ist, dass ich diese acht Millionen Bildpunkte, also vier Mal mehr auf bei einem normalen Fernsehgerät, nur sehen kann, wenn ich diesem Gerät bis aus Nasenspitze nahe rücke. Und so guckt niemand fern."
    Ab Freitag kann die Industrie Peter Knaak und die Messebesucher versuchen, trotz aller Bedenken zu überzeugen.