Koranverse am Grab des 2005 ermordeten libanesischen Ex-Premiers Rafic Hariri. Es ist wie immer über und über mit weißen Blumen geschmückt. Der 59-jährige Ingenieur Imad besucht die Gedenkstätte mit einem Freund. Er begrüßt die Entscheidung des internationalen Hariri-Tribunals:
"Viele Libanesen fühlten zunächst, dass dies dem ganzen Prozess den Boden entzieht. Aber wenn man zehn Minuten darüber nachdenkt, dann erkennt man, dass das Gesetz des Tribunals, jemanden nur 90 Tage ohne Anklage in Untersuchungshaft zu halten, fair ist und für jeden gelten sollte. Dann erkennt man, dass dies nicht das Ende des Prozesses ist, sondern der Beginn."
Er sei zuversichtlich, dass die Wahrheit am Ende gefunden werde. Die 47-jährige Hausfrau Fawzia Abdouni ist nachdenklicher. Denn sie hatte vorher - wie so viele Libanesen - geglaubt, die pro-syrischen Ex-Chefs der libanesischen Sicherheitskräfte seien in das Attentat verwickelt gewesen:
"Es stellt sich heraus, dass die vier Generäle unschuldig waren. Sie suchen noch nach dem Hariri-Mörder. Das liegt in der Hand des Tribunals. Wir wollen einfach nur wissen, wer die Täter waren. Sie arbeiten daran."
Mehr könne sie dazu nicht sagen. Der Geschäftsmann Mahram Pamboukdjian hingegen freut sich über die Freilassung:
"Diejenigen, die die Generäle damals hinter Gitter gebracht haben, sind Teil eines korrupten Regimes. Und da werden schlechte Entscheidungen getroffen. Deshalb ziehe ich den Hut vor dem Sondertribunal."
Pamboukdjian schimpft, die Festnahme der Generäle sei nur auf politischen Druck hin erfolgt. Das sei nun durch das Votum der internationalen Richter endlich bewiesen worden.
In vielen Vierteln Beiruts sowie in den von der Hisbollah dominierten südlichen Vororten ist die Nachricht der Freilassung am Mittwoch Grund zur Freude. Und als die Generäle, Jamil al-Sayyed, Ali Hajj, Raymond Azar und Mustafa Hamdan, drei Stunden später das Hochsicherheitsgefängnis bei Beirut verlassen, werden sie wie Popstars gefeiert.
Die Familie, die Nachbarschaft und politische Freunde drängeln sich um Jamil al-Sayyed, den ehemaligen Geheimdienstchef, dem es kaum gelingt, sich bei seinen Fans zu bedanken. Das sind Sympathien, die al-Sayyed vor seiner Verhaftung im August 2005 kaum kannte, denn damals galt er als der ungeliebte Erfüllungsgehilfe der syrischen Besatzungsmacht. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums sind hingegen die Gesichter lang, die Enttäuschung und die Nachdenklichkeit sind groß. Einige Libanesen seien nicht erleichtert, räumt Saad Hariri, der Sohn und politische Nachfolger des getöteten Rafic, ein:
"Wir haben immer wieder gesagt, dass wir keine Rache wollen. Aber dieses Verbrechen, das dem Libanon angetan wurde, wird nicht als Anklage gegen Unbekannt in die Geschichte eingehen. Rafic Hariri wurde weder bei einem Autounfall getötet noch wurde er vom Blitz getroffen."
Saad Hariri bleibt bei dem Verdacht, dass Syrien für den Mord an seinem Vater verantwortlich ist. Damaskus weist diesen Vorwurf entschieden zurück. Doch zugleich versucht Hariri seine Anhänger zu beschwichtigen, indem er bekräftigt, dass er jede Entscheidung des internationalen Hariri-Tribunals anerkennen werde. Es habe durch die Freilassung der vier pro-syrischen Generäle dokumentiert, dass es nicht politisiert sei, so Hariri. Das Tribunal selbst befindet sich nun aber in der misslichen Lage, dass es nach jahrelangen intensiven Ermittlungen keine Verdächtigen vorweisen kann. Kritiker sprechen bereits von einem Tribunal ohne Angeklagte. Doch Nadim Shehade, Libanon-Experte des angesehenen englischen Think-Tanks Chatham-House, warnt vor schnellen Urteilen:
"Bedeutet dies, dass die Ermittlungen von dreieinhalb Jahren nichts erbracht haben? Das ist die große Frage. Bedeutet es, dass die ursprünglichen Verhaftungen illegal waren? Und wer ist dafür verantwortlich? Die UN-Untersuchungskommission, die libanesische Regierung, die Sicherheitsdienste, das politische System?"
Er glaube nicht, dass irgendjemand derzeit genügend objektive Informationen habe, um das beurteilen zu können. Marieka Wierda, Expertin für das Hariri-Tribunal des International Center for Transitional Justice, bezweifelt, dass die Freilassung der vier Generäle die Glaubwürdigkeit des Tribunals untergrabe:
"Natürlich stellen die Leute Fragen über die Beweislage des Gerichts. Aber die Freilassung steht nicht für ein allgemeines Defizit. In anderen Fällen können sehr wohl Beweise vorhanden sein."
Im polarisierten Libanon, wo der Mord an Rafic Hariri politisch immer wieder von anti-syrischen Politikern ausgeschlachtet wird, sind die Erwartungen hoch, dass das Sondergericht möglichst bald Klarheit schaffen möge. Die von der Hisbollah angeführte pro-syrische Opposition im Zedernstaat lobt hingegen in diesen Tagen die Unabhängigkeit des Hariri-Tribunals, das sie zuvor als ein gegen Syrien gerichtetes, politisches Instrument kritisiert hatte. So bleibt das Tribunal ein politischer Spielball, vor allem in Zeiten des Wahlkampfes vor den Parlamentswahlen im Juni. Auf die Wahrheit, wie sie die Hariri-Partei Mustaqbal immer wieder auf Plakaten fordert, werden die Libanesen noch eine Weile warten müssen. Marieka Wierda:
"Zumindest bis ins nächste Jahr. Es wird Bewegung geben in diesem Jahr, aber noch keine Gerichtsverfahren."
Die Anhänger Hariris beten dafür, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Doch ob das tatsächlich gelingen wird, bleibt eine offene Frage. Zu viele politische Morde blieben in der Geschichte dieses zerrissenen Landes bisher unaufgeklärt.
"Viele Libanesen fühlten zunächst, dass dies dem ganzen Prozess den Boden entzieht. Aber wenn man zehn Minuten darüber nachdenkt, dann erkennt man, dass das Gesetz des Tribunals, jemanden nur 90 Tage ohne Anklage in Untersuchungshaft zu halten, fair ist und für jeden gelten sollte. Dann erkennt man, dass dies nicht das Ende des Prozesses ist, sondern der Beginn."
Er sei zuversichtlich, dass die Wahrheit am Ende gefunden werde. Die 47-jährige Hausfrau Fawzia Abdouni ist nachdenklicher. Denn sie hatte vorher - wie so viele Libanesen - geglaubt, die pro-syrischen Ex-Chefs der libanesischen Sicherheitskräfte seien in das Attentat verwickelt gewesen:
"Es stellt sich heraus, dass die vier Generäle unschuldig waren. Sie suchen noch nach dem Hariri-Mörder. Das liegt in der Hand des Tribunals. Wir wollen einfach nur wissen, wer die Täter waren. Sie arbeiten daran."
Mehr könne sie dazu nicht sagen. Der Geschäftsmann Mahram Pamboukdjian hingegen freut sich über die Freilassung:
"Diejenigen, die die Generäle damals hinter Gitter gebracht haben, sind Teil eines korrupten Regimes. Und da werden schlechte Entscheidungen getroffen. Deshalb ziehe ich den Hut vor dem Sondertribunal."
Pamboukdjian schimpft, die Festnahme der Generäle sei nur auf politischen Druck hin erfolgt. Das sei nun durch das Votum der internationalen Richter endlich bewiesen worden.
In vielen Vierteln Beiruts sowie in den von der Hisbollah dominierten südlichen Vororten ist die Nachricht der Freilassung am Mittwoch Grund zur Freude. Und als die Generäle, Jamil al-Sayyed, Ali Hajj, Raymond Azar und Mustafa Hamdan, drei Stunden später das Hochsicherheitsgefängnis bei Beirut verlassen, werden sie wie Popstars gefeiert.
Die Familie, die Nachbarschaft und politische Freunde drängeln sich um Jamil al-Sayyed, den ehemaligen Geheimdienstchef, dem es kaum gelingt, sich bei seinen Fans zu bedanken. Das sind Sympathien, die al-Sayyed vor seiner Verhaftung im August 2005 kaum kannte, denn damals galt er als der ungeliebte Erfüllungsgehilfe der syrischen Besatzungsmacht. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums sind hingegen die Gesichter lang, die Enttäuschung und die Nachdenklichkeit sind groß. Einige Libanesen seien nicht erleichtert, räumt Saad Hariri, der Sohn und politische Nachfolger des getöteten Rafic, ein:
"Wir haben immer wieder gesagt, dass wir keine Rache wollen. Aber dieses Verbrechen, das dem Libanon angetan wurde, wird nicht als Anklage gegen Unbekannt in die Geschichte eingehen. Rafic Hariri wurde weder bei einem Autounfall getötet noch wurde er vom Blitz getroffen."
Saad Hariri bleibt bei dem Verdacht, dass Syrien für den Mord an seinem Vater verantwortlich ist. Damaskus weist diesen Vorwurf entschieden zurück. Doch zugleich versucht Hariri seine Anhänger zu beschwichtigen, indem er bekräftigt, dass er jede Entscheidung des internationalen Hariri-Tribunals anerkennen werde. Es habe durch die Freilassung der vier pro-syrischen Generäle dokumentiert, dass es nicht politisiert sei, so Hariri. Das Tribunal selbst befindet sich nun aber in der misslichen Lage, dass es nach jahrelangen intensiven Ermittlungen keine Verdächtigen vorweisen kann. Kritiker sprechen bereits von einem Tribunal ohne Angeklagte. Doch Nadim Shehade, Libanon-Experte des angesehenen englischen Think-Tanks Chatham-House, warnt vor schnellen Urteilen:
"Bedeutet dies, dass die Ermittlungen von dreieinhalb Jahren nichts erbracht haben? Das ist die große Frage. Bedeutet es, dass die ursprünglichen Verhaftungen illegal waren? Und wer ist dafür verantwortlich? Die UN-Untersuchungskommission, die libanesische Regierung, die Sicherheitsdienste, das politische System?"
Er glaube nicht, dass irgendjemand derzeit genügend objektive Informationen habe, um das beurteilen zu können. Marieka Wierda, Expertin für das Hariri-Tribunal des International Center for Transitional Justice, bezweifelt, dass die Freilassung der vier Generäle die Glaubwürdigkeit des Tribunals untergrabe:
"Natürlich stellen die Leute Fragen über die Beweislage des Gerichts. Aber die Freilassung steht nicht für ein allgemeines Defizit. In anderen Fällen können sehr wohl Beweise vorhanden sein."
Im polarisierten Libanon, wo der Mord an Rafic Hariri politisch immer wieder von anti-syrischen Politikern ausgeschlachtet wird, sind die Erwartungen hoch, dass das Sondergericht möglichst bald Klarheit schaffen möge. Die von der Hisbollah angeführte pro-syrische Opposition im Zedernstaat lobt hingegen in diesen Tagen die Unabhängigkeit des Hariri-Tribunals, das sie zuvor als ein gegen Syrien gerichtetes, politisches Instrument kritisiert hatte. So bleibt das Tribunal ein politischer Spielball, vor allem in Zeiten des Wahlkampfes vor den Parlamentswahlen im Juni. Auf die Wahrheit, wie sie die Hariri-Partei Mustaqbal immer wieder auf Plakaten fordert, werden die Libanesen noch eine Weile warten müssen. Marieka Wierda:
"Zumindest bis ins nächste Jahr. Es wird Bewegung geben in diesem Jahr, aber noch keine Gerichtsverfahren."
Die Anhänger Hariris beten dafür, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Doch ob das tatsächlich gelingen wird, bleibt eine offene Frage. Zu viele politische Morde blieben in der Geschichte dieses zerrissenen Landes bisher unaufgeklärt.