Dienstag, 16. August 2022

Archiv


Trockengelegte Moore belasten das Klima

Die meisten Moore in Deutschland wurden trocken gelegt, um sie als landwirtschaftliche Fläche zu nutzen. Doch dadurch werden Treibhausgase wie Kohlendioxid, Methan und Lachgas freigesetzt. Wie mögliche Gegenmaßnahmen aussehen könnten, wird in Ulm, Mainz und Stuttgart erforscht.

Von Thomas Wagner | 11.03.2013

    "Eigentlich ist der Federsee ein typisches Verlandungsmoor, wie viele Moore in Oberschwaben ... ."

    Klirrende Kälte, alles ist Schnee- und eisbedeckt: Unterwegs mit dem Geograf Marc Lamers, Forscher am Lehrstuhl für Biogeophysik der Universität Stuttgart-Hohenheim, auf einem Holzsteg, der über das schilfbedeckte Federsee-Moor in der Nähe der oberschwäbischen Kleinstadt Bad Buchau führt:

    "Und normalerweise laufen wir diesen eineinhalb Kilometer langen Steg bis zum Bootshaus um in ein Ruderboot und rudern einmal quer über den See, zur Station..."

    Ziel ist eine Messstation mitten im Schilfgürtel; der größte Teil des Federsees ist längst verlandet. Die Messgeräte mitten im Schilfgürtel registrieren in bislang nie gekannter Genauigkeit, welche Treibhausgase aus dem Schilfgürtel aufsteigen. Genau das nämlich ist das Ziel: Moore gelten als regelrechte 'Klimakiller‘, so der Hohenheimer Wissenschaftler Marc Lamers - allerdings nur dann:

    "Wenn sie entwässert werden, um landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen. Dann dreht sich dieser positive Klimaeffekt, den Moore eigentlich haben, um. Und dann sprechen wir von Mooren als Klimanegativ, als Klimakiller vielleicht."

    Naturbelassene Moore können Kohlendioxid in großem Umfang binden. Sie stoßen zwar Methan aus. Doch dieser Ausstoß werde, so Marc Lamers, durch die Bindung von Kohledioxid mehr als ausgeglichen. Das Problem ist nur:

    "In Deutschland finden man kaum noch intakte Moore. Man geht davon aus, dass über 90 Prozent, manche Zahlen sprechen von 99 Prozent, der Moore in Deutschland der Moore nicht mehr in ihrem natürlichen Zustand anzutreffen sind, entwässert worden sind. Dieser vom Menschen verursachte Eingriff verändert die Klimabilanz ganz erheblich."

    Die Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von der Entstehung so genannter 'erober Zonen‘, die durch die Entwässerung verursacht worden sind. Bleibt das Wasser weg, führt dies zu Mineralisierungsprozessen der abgelagerten organischen Substanzen.

    "Und bei dieser Umsetzung entsteht CO². Das heißt: Das vormals gespeicherte CO² wird wieder freigesetzt und an die Atmosphäre abgegeben. Auf der anderen Seite wird kein neues CO² mehr aufgenommen, weil die Torfbildung unterbrochen ist."

    Und so haben sich die Moore nach den menschlichen Eingriffen zu einem beachtlichen Produzent von Treibhausgasen entwickelt: Alle Moore Deutschland zusammen stoßen pro Jahr nach den bisherigen Erkenntnissen der Forscher 45 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus.

    "Das ist eine sehr beträchtliche Zahl. Das macht etwa fünf Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen Deutschlands aus. Man kann das in etwa mit dem Vergleichen, was der gesamte Luftverkehr emittiert, um ein Gefühl für die Größenordnung zu bekommen. Also man spricht bei Mooren in Deutschland als größte Einzelquelle für Treibhausgase nach dem Energiesektor."

    Das gab den Anstoß für das laufende Forschungsprojekt. Die Wissenschaftler wollen mit ihren Messstationen herausbekommen, in welchen Mooren der Ausstoß von Treibhausgasen besonders intensiv ist - und auf welche Eigenschaften des Moores dies zurückzuführen ist. Die beteiligten Forschungsinstitute gehen dabei arbeitsteilig vor: Während sich der Lehrstuhl für Biogeophysik der Uni Stuttgart-Hohenheim die Moorlandschaft rund um den oberschwäbischen Federsee vorgenommen hat, untersuchen Forscher der Universität Ulm das Pfrungener-Burgweiler Ried im Süden Baden-Württembergs. Experten der Universität Mainz messen in Graben-Neudorf im Oberrheingraben nördlich von Karlsruhe. Dabei ...

    " ... ist ein Ziel unseres Projektes, die Klimawirksamkeit von verschiedenen Moornutzungen und von verschiedenen Moortypen zu quantifizieren. Das heißt: Uns interessiert, wie ändert sich die Klimawirksamkeit eines Moores, wenn man ein drainiertes Moor wieder vernetzt beziehungsweise wenn man ein Moor mit Ackernutzung umwidmet in eine extensive Grünlandnutzung."

    Wiedervernässung, Nutzungsänderung - so könne, glauben die Wissenschaftler, der Ausstoß von Treibhausgasen, der von den Mooren ausgeht, erheblich gesenkt werden. Dass dies in der Praxis schwierig wird, wissen auch die beteiligten Experten wie Marc Lamers. Denn viele trockengelegte Moore werden landwirtschaftlich genutzt; der Widerstand der Landwirte gegen eine Umwidmung ist deshalb vorprogrammiert. Dennoch sieht Marc Lamers die Chance für einen Kompromiss: Nutzung einerseits, Stopp der Treibhausgase andererseits.

    "Ein weiterer Ansatz wäre eine Nutzungsveränderung hin zu einer extensiven Grünlandnutzung oder zu Spezialkulturen, das heißt: Sumpf- oder Nässe liebende Pflanzen anzubauen, zum Beispiel Schilf oder Erlenbruchwälder, die man dann auch betriebswirtschaftlich oder landwirtschaftlich nutzen kann, Schilf als Biomasse zur Energiegewinnung oder Erlenwälder zur Holzgewinnung. Das heißt: Eine Renaturierung oder Wiedervernässung schließt eine landwirtschaftliche Nutzung nicht aus."

    Würden alle Moore in Deutschland wieder vernässt, könnte, so der Hohenheimer Wissenschaftler, die Emission von Treibhausgasen um 45 Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt werden.

    "Und jede Tonne, die weniger emittiert wird, zählt in der Klimarelevanz."