Samstag, 13. August 2022

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Trump-Einreiseverbot trifft Goethe-Institute
"Das hat eine direkte Auswirkung auf unsere Arbeit"

Das von US-Präsident Donald Trump ausgesprochene Einreiseverbot für Muslime aus bestimmten Staaten betreffe auch den deutschen Kulturaustausch, sagte der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, im DLF. Werte wie Offenheit seien gefährdet. "Wir kennen ein anderes Amerika und wir möchten auch dieses andere Amerika in der Zukunft erhalten sehen."

Goethe-Institut-Präsident Klaus-Dieter Lehmann im Gespräch mit Karin Fischer | 31.01.2017

    Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, steht vor einem Logo des Goethe-Institut
    Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts. (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
    Karin Fischer: Offener Protest von vielen Hollywoodstars gegen das Einreiseverbot von Donald Trump; in Washington ist ein "Science March" geplant, in dem Zigtausende Wissenschaftlerinnen demonstrieren wollen, die das Einreiseverbot für diskriminierend und selbstzerstörend halten. In den USA formiert sich also der Protest, während der Rest der Welt sich noch fragt, was all das bedeutet: Für Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit, 135.000 sind das in Deutschland, hat das Innenministerium nachgezählt. Und für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt, deren Heimat, so könnte man etwas pathetisch formulieren, noch weniger über nationale Zugehörigkeit definiert ist. Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, ist auch so etwas wie der oberste Chef für den Kulturaustausch in Deutschland, Herr Lehmann, was bedeutet das Einreiseverbot konkret, sind Ihre Mitarbeiter und Gäste betroffen?
    "Es betrifft natürlich auch unser Austauschprogramm"
    Klaus-Dieter Lehmann: Für uns ist es zunächst mal eine wirkliche Diskriminierung, und das ist, finde ich, für die Kultur wirklich ein Desaster. Kultur lebt ja von der Offenheit, vom Dialog, vom Austausch, und das wird hier mit Füßen getreten. Und es hat natürlich auch Auswirkungen auf unsere direkte Arbeit. Beispielsweise in Los Angeles ist der Institutsleiter jemand, der iranische Wurzeln hat. Er kann gar nicht mehr ausreisen, ohne dass man ihm die Einreise wieder verweigert. Es betrifft sowohl die Struktur, aber es betrifft natürlich auch unser Austauschprogramm, und ich will nur einige Namen mal nennen, die wir in der Regel ins Ausland schicken und auch in die USA. Das sind Namen wie Navid Kermani oder Zahid oder Shida Bazyar, die alle iranische Wurzeln haben, doppelte Staatsbürgerschaft, oder Sherko Fatah und Abbas Kida. Abbas Kida bekommt jetzt den Chamisso-Preis. Er ist ursprünglich aus dem Irak und wir als Goethe-Institut haben immer ein Programm gemacht, dass wir gesagt haben, die Chamisso-Preisträger, die ja einen Kulturwechsel und deutsche Kultur jetzt repräsentieren, haben wir überproportional ins Ausland gebracht. Sherko Fatah und Abbas Kida würden nicht mehr nach USA einreisen können. Das sind jetzt nur die Literaturleute, aber auch im Bereich des Films haben wir eine ganze Reihe von iranischen Regisseuren, iranischen Schauspielern, die wir in unserem Programm verankert haben, weil sie einen Teil Deutschlands darstellen und wir wollen das auch deutlich machen, dass dies das Deutschlandbild ausmacht. Das wird schon eine erhebliche Einbuße unseres Programms werden und wir werden uns dagegen auch wehren.
    Fischer: Wie werden Sie sich wehren, Klaus-Dieter Lehmann? Wie reagieren die Goethe-Institute in dieser Situation und was erwarten Sie als Reaktion von Institutionen und natürlich auch der Regierung in Deutschland?
    "Das sind wirklich unsere Werte, die hier gefährdet sind"
    Lehmann: Ich werde zunächst mal am Mittwoch - das hat aber einen anderen Grund - nach New York fliegen, weil wir die letzten Gespräche zur Gründung der German Academy führen in New York, und natürlich wird auch die German Academy mit ihren Stipendiaten Menschen genau dieser Gattung mit doppelter Staatsbürgerschaft haben. Und ich werde auch bei diesen Gesprächen die Situation des Einreiseverbots für die Künstler und die Kulturakteure thematisieren. Wir haben aber auch den Regionalleiter in Washington angewiesen, jetzt eine Bestandsaufnahme zu machen, damit wir konkret tätig werden können gegenüber der Trump-Administration. Und wir werden auch hier mit unserer Regierung sprechen, also mit dem Außenminister, mit der Bundeskanzlerin, um deutlich zu machen, dass das wirklich unsere Werte sind, die hier gefährdet sind, und diese Offenheit müssen wir uns erhalten und das kann nicht in dieser Weise konterkariert werden, denn wir kennen ein anderes Amerika und wir möchten auch dieses andere Amerika in der Zukunft erhalten sehen.
    Fischer: Der Deutsche Kulturrat hat von der Bundesregierung gefordert, sich deutlicher zu der Politik von Donald Trump zu äußern. Was kann, was sollte man tun?
    "Man muss den Anfängen wehren"
    Lehmann: Die Bundeskanzlerin hat sich schon sehr deutlich geäußert. Sie hat dieses sehr klar gesagt, dass man hier tatsächlich Menschen einer bestimmten Region, einer bestimmten Herkunft diskriminiert, und hat sehr präzise eine Gegenposition aufgebaut. Ich glaube, dass wir hier schon eine Fürsprecherin haben. Aber sie muss auch diese konkreten Beispiele aufnehmen und auch zeigen, welche Folgen das hat. Wir wollen es nicht abstrakt zeigen, sondern wir wollen pragmatisch deutlich machen, welche Folgen es hat, und ich hoffe, dass wir damit Wirkung haben.
    Fischer: Donald Trump sagt, es gehe nicht um Religion, es ginge um den Schutz seiner Bürgerinnen und Bürger vor dem Terror. Aber er stellt natürlich Muslime unter Generalverdacht. Nach der Meinungsfreiheit scheint jetzt auch die Religionsfreiheit und sogar die Forschungsfreiheit eingeschränkt. Wie gefährlich ist dieser Präsident?
    Lehmann: Ich weiß nicht, wie weit das Bestand haben wird, und die Gefährlichkeit kann man deshalb noch nicht abschätzen. Aber ich glaube, eines ist wichtig: Man muss den Anfängen wehren. Wenn man das einfach als akzeptierte Politik, als Akzente setzen akzeptiert, dann ist das, glaube ich, der falsche Weg. Man muss in jedem Fall sich artikulieren, und das muss man am Anfang tun, wenn man die Gefahren auch aufziehen sieht.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.