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StartseiteCorsoWenn man in Virtual Reality da war, war man da23.11.2017

Tschernobyl-Rundgang per AppWenn man in Virtual Reality da war, war man da

Vor allem die Computerspieleindustrie hat das Potenzial erkannt, mit VR-Brille tief in künstliche Welten einzutauchen. Heraus sticht die Dokumentation "Chernobyl VR" aus dem polnischen Studio Farm 51, eine virtuelle Reise in die nuklear verseuchte Verbotszone.

Verwahrloster Vergnügungspark in Prypiat, nahe des Atomkraftwerkes von Tschernobyl. (SERGEY SUPINSKI / AFP)
Verwahrloster Vergnügungspark in Prypiat, nahe des Atomkraftwerkes von Tschernobyl. Einer von zehn Orten, die man in "Chernobyl VR" begehen kann (SERGEY SUPINSKI / AFP)
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"Welcome! You are now in Chernobyl, where the time stopped in 1986."

Wo ist das Kraftwerk? Ich kann mich umschauen und habe Angst, runterzufallen, weil es nämlich ungefähr 30 Meter in die Tiefe geht. Diese Aufnahme haben die polnischen Entwickler aus Gleiwitz mit einer Fotodrohne gemacht. Ich würde mich gern irgendwo festhalten.

Unter mir, soweit das Auge reicht, alles ausgestorben. Jede Menge Hochhäuser, eingerahmt von sehr hohen Bäumen. Ich drehe den Kopf nach links. Ganz links da hinten, vielleicht einen oder auch zwei Kilometer entfernt, sehe ich etwas Helleres, Größeres. Das ist der Sarkophag, in dem jetzt das Kernkraftwerk von Tschernobyl untergebracht ist.

"Hombres, working people, Chernobyl is yours and your families' future!"

Die Programmierer und VR-Fotografinnen haben zwei Jahre lang die Gebäude der Verbotszone besucht und mit hoch auflösenden Kameras festgehalten.

Viele Gebäude sind zugänglich

Ein Manko vieler Abenteuer in virtueller Realität ist die schlechte Bildauflösung. Hier sticht "Chernobyl VR" auffallend positiv heraus. Die Fotogrammetrie, wie diese Aufnahmetechnik heißt, umfasste Tausende von Einzelbildern, exakte Vermessungen der Räume und stereoskopische Kamerafahrten.

Gut zehn Orte auf dem Gelände lassen sich in beliebiger Reihenfolge und ohne Zeitdruck besuchen – den Sarkophag natürlich nur von außen, den Kontrollraum von innen, auch den Spielplatz mit dem Riesenrad draußen, den Schrottplatz mit den kontaminierten LKW.

"Look around and pick a place you would like to get to know better."

Das Krankenhaus. Der Betrachter steht tatsächlich in einem Patientenzimmer, das er abschreiten und ausmessen könnte, in VR sind die Dimensionen immer sehr klar. Die verrosteten Medikamentenbehälter, so eineinhalb Meter links am Boden.

"Die Schule…"

Ein vielleicht 20 auf 20 Meter großer Unterrichtsraum mit den vor 30 Jahren in Panik umgestoßenen Bänken und Stühlen. Lenin an der Wand, Zahlen an der Tafel, der ganze Fußboden voll mit Zetteln. Warmes Licht fällt durch die trüben Fensterscheiben. Man kann auch an die Scheiben hingehen und hinausgucken.

Einst eine Mustersiedlung

Diese Schule, dieses Dorf Prypjat mit diesen Einrichtungen, die man alle besuchen kann, auch die Disko, das Schwimmbad, den Kindergarten, die einst eleganten Wohnungen der Arbeiter – das war einmal ein Vorzeigeobjekt in der Sowjetunion, eine Mustersiedlung.

"The city was founded as a settlement for the workers of the nearby Chernobyl nuclear power plant."

Wieder draußen: ein Bauernhof, sehr heruntergekommen. Aber offenbar nicht unbewohnt. Links taucht Siergiey Akulinin auf, ein ehemaliger Kraftwerksmitarbeiter, der heute Führungen durch das 30 Kilometer große Sperrgebiet macht. Er winkt, ich folge.

Und da spricht er mit einem der vielen Rücksiedler. Diese Menschen kamen kurz nach der Havarie in die verbotene Zone zurück. Sie werden vom ukrainischen Militär, das das Gelände bewacht, geduldet und leben in ärmlichsten Verhältnissen. Ein Teil der Einnahmen für das polnische VR-Projekt fließt an diese meist sehr alten Menschen. Ein Huhn läuft von links nach rechts durchs Bild. Hinten am Zaun versammeln sich Neugierige.

Im Ton lebendig, im Bild verlassen

Auch das Sounddesign ist eine Spezialität der Entwickler aus Polen. Zu den Originalgeräuschen wie Wind und Geigerzähler mischen sich sehr entfernt wirkende fröhliche Stimmen, singende Kinder, sich unterhaltende Menschen. Im Ton lebt Tschernobyl noch, im Bild ist es kalt und verlassen.

Eine außerordentliche Dokumentation also, wie sie im Fernsehen nicht stattfinden könnte. Ohne moralischen Zeigefinger, eine Abbildung des Ist-Zustands. Wenn man in VR da war, war man da.

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