Sonntag, 26. Juni 2022

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Tschetschenien-Krieg
Unheilvolle Spuren bis in die Gegenwart

Was wir heute in der Ukraine erleben, hat in den 90er-Jahren begonnen, sagt der russische Schriftsteller Sergej Lebedew - und er meint damit den Tschetschenienkrieg von 1994. Zusammen mit dem tschetschenischen Dichter Aptil Bisultanow setzt sich Lebedew jetzt für eine kritische Aufarbeitung dieses Krieges ein.

Von Mirko Schwanitz | 18.12.2014

"An mein tschetschenisches Heimatdorf Goitschu habe ich zwei Erinnerungen. In meinen Träumen gehe ich auf Frühlingsstraßen barfuß durch den Schlamm mit einem unglaublichen Glücksgefühl. Und dann ist da dieser wilde Quittenbaum am Rande eines Abgrunds. Immer wenn ich mich inspirieren lassen wollte, verließ ich das Dorf und kletterte in diesen Quittenbaum."
Der tschetschenische Dichter Aptil Bisultanow. Den Quittenbaum, an den er sich erinnert, gibt es längst nicht mehr. Russische Truppen machten sein Dorf dem Erdboden gleich, als sie im Dezember vor 20 Jahren Bisultanows Heimat überfielen. Dort, wo einst der Quittenbaum stand, befindet sich heute ein russischer Armeeposten. Was wir heute in der Ukraine erleben, meint Bisultanow, habe mit dem Überfall auf seine Heimat seinen Anfang genommen. Eine Auffassung, die Bisultanows russischer Kollege, der Schriftsteller Sergej Lebedew, teilt:
"Wenn wir über das heutige Russland reden, dann kann man sagen, dass dieses Russland 1994 im ersten Tschetschenien-Krieg geboren wurde. Denn damals entschied sich die Frage: Wird Russland ein demokratisches Gemeinwesen? Oder wird Russland wieder ein imperialer Staat, der alle anderen Gesellschaftsmodelle unterdrückt, die möglich sind."
"Dieser Krieg hat die Moral der Gesellschaft auf furchtbare Weise verändert"
In Lebedews kraftvollem Roman "Der Himmel auf seinen Schultern" erfährt ein Enkel nach dem Tod des Großvaters, dass dieser Kommandant in einem sibirischen Gulag war. Lebedew selbst meint, dass die Entstehung des Putinschen Machtsystems nirgends besser erklärt worden sei als in George Orwells "1984":
"Der Hauptpunkt ist, dass der Krieg jene tschetschenischen Terrorakte provozierte, die in der Gesellschaft eine ähnliche Angst erzeugten, wie sie schon Orwell in seinem Roman beschrieb. Dessen dritter Teil liest sich heute wie eine Blaupause des Systems Putin. Es war diese Angst, die das Volk nach einem starken Mann rufen ließ. Und plötzlich war Putin da. Ein Mann, den vor dem Tschetschenienkrieg niemand kannte. Ebenso wenig wie das von seinen damaligen Förderern geschaffene Gefühl der Angst."
Putin, im Gefolge des Tschetschenienkrieges wie aus dem Nichts aufgetaucht, begann sofort und systematisch, die bereits zaghaft sprießenden Pflänzchen einer demokratischen Bürgergesellschaft zu beschneiden. In einer Zeit also, als man in Russland gerade begann, sich mit dem Gulag auseinanderzusetzen. Viele Russen waren nicht mehr bereit, noch einmal solche Folterlager zu akzeptieren. Mit dem Tschetschenien-Krieg sollte sich das ändern.
"Natürlich hat dieser Krieg die Moral der Gesellschaft auf furchtbare Weise verändert. Sie rutschte Jahr für Jahr mehr in eine Hölle ab, in der Filtrations- und Folterlager wieder als normal und notwendig angesehen wurden. Dabei knüpfte das System Putin an alte Reflexe an. Das Volk wusste, dass es von seinen Führern belogen wurde und war trotzdem bereit, seinen Führern zu glauben. Solche Mechanismen der Verneinung der Realität erinnerten sehr an die Sowjetunion. In ganz Russland entwickelte sich so eine Stimmung, in der sich Menschen erneut damit abfanden, in einem veränderten Staat zu leben - ohne Rechte, ohne Gesetze, ohne unabhängige Gerichte."
Signal, dass zur Durchsetzung russischer Interessen alles erlaubt ist
Aptil Bisultanow, der tschetschenische Dichter, schrieb dazu in einem seiner Gedichte die Zeilen: "Ich lebe in einem Staat mit dem Namen Heimat / Seine Verfassung ist ein einziger Satz / Jeder Bürger hat das Recht auf ein Grab in der Heimat." Nicht nur für ihn, auch für seinen Schriftstellerkollegen Sergej Lebedew haben die inzwischen fast vergessenen Ereignisse des ersten Tschetschenienkrieges unheilvolle Spuren bis in die Gegenwart hinterlassen.
"Dieser Krieg hat die Moral der russischen Armee stark verändert. Wie sehr, das wird erst heute angesichts des Krieges in der Ukraine klar. In dem man den Terror und die gesetzwidrigen Aktionen der Armee in Tschetschenien nicht ahndete, gab man ihr das Signal, dass zur Durchsetzung russischer Interessen alles erlaubt ist. Die heutige Armee betrachtet ihren Einsatz in der Ukraine genau unter diesem Blickwinkel - wir dürfen alles, auch wenn es sich um Befehle handelt, die nicht legal sind."