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StartseiteMusikjournalSouveräne Größen und ein neues Musikwunder21.09.2020

Tsinandali Festival 2020Souveräne Größen und ein neues Musikwunder

Martha Argerich, Nelson Goerner, Alexandre Kantorow: Schon mit diesen drei Namen waren die Voraussetzungen für ein Musikwochenende in Georgien auf Premium-Niveau erfüllt. Für eine große Überraschung sorgte jedoch ein Gast, der noch besser komponiert, als er Klavier spielt: Der 11-jährige Tsotne Zedgenidze.

Von Johannes Jansen

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Tsinandali Museum und Landschaftspark (Johannes Janssen)
Tsinandali Museum und Landschaftspark (Johannes Janssen)

Fiebermessen: eine Frage des Überlebens, auch für Musikfestivals. Und alle 72 Stunden zum Corona-Test! So ist es Pflicht in Tsinandali im Südosten Georgiens, zwei Autostunden von Tiflis entfernt und nicht weit von Verona oder vielmehr einem Ort, der zufällig genauso so heißt. Aber es irrt sich, wer dabei an musikalischen Omnibus-Tourismus denkt. Tsinandali, Herkunft edler Tropfen aus dem Herzen der ältesten Weinbautradition der Welt, steht für Ansprüche der oberen Hubraumklasse. Anziehungspunkt für Kulturreisende war das paradiesische Anwesen des Prinzen Alexander Chavchavadze schon im 19. Jahrhundert: am Eingang zum vorderen Orient ein Außenposten Europas, auch in musikalischer Hinsicht. Heute ist dem Museum und Landschaftsgarten mit seinen historischen Gebäuden eine Hotelanlage angeschlossen. Aus den Fundamenten des einstigen Weinkellers erhebt sich ein teilüberdachtes Amphitheater. Locker bestuhlt, bietet es mehr als tausend Gästen Platz, in Corona-Zeiten sind es immer noch gut fünfhundert, mit Ausnahmegenehmigung. Für das noch junge Tsinandali-Festival bedeutete dieser Umstand die vorläufige Rettung.

Strenge Kontrollen

"Kontrolle ist entscheidend in der Pandemie. Eines der führenden Labors aus Georgien wurde hergeholt. Sie testen jeden und setzen sofort alles um, was die Experten an Vorkehrungen empfehlen", sagt Festivaldirektor David Sakvarelidze. Aber den Schlüssel liefert das Open-air-Konzept. Bei allem anderen stehen Sakvarelidze oder ›Sukho‹, wie ihn hier alle nennen, Martin Engstroem und Avi Shoshani zur Seite, die künstlerischen Leiter und Gründer des in diesem Sommer abgesagten Verbier-Festivals in der Schweiz. Das ist geballtes Festival-Know-how mit schnellem Draht zu den Superstars der Klassik-Szene. Spitzenkünstler, feine Hotels und hohe Berge: das Schweizer Konzept – macht sich Verbier mit Tsinandali nicht selber Konkurrenz? Martin Engstroem:

"Ich glaube, jedes Festival hat zwei verschiedene Publikums: ein lokales und ein internationales Publikum. Jedes Festival braucht beides. Um ein Festival für ein ausländisches Publikum zu verkaufen, muss man auch was anderes anbieten als schöne Musik. Das heißt, du kaufst eine Karte, aber du kriegst etwas mehr für diesen Preis."
 
Es ist ein Mehrwert, der sich als Beitrag zur Völkerverständigung versteht. Der ideelle Fixpunkt ist das pankaukasische Jugend-Orchester, bei dessen Gründung das Verbier-Festival-Orchester und Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra Pate standen.

"Als wir das Konzept angingen, war die Frage natürlich: What’s the message? Und dann habe ich die Idee gehabt: Wenn man mal auf eine Karte sieht, ist Georgien und Tsinandali in der Mitte dieser Krisenregion von Ländern, die seit Generationen im Kriege ist, die sprechen nicht miteinander Armenien/Aserbeidschan, Türkei/Armenien, Russland/Georgien – überall Probleme hier, schon seit immer. Und da war die Idee, ein Orchester zu gründen von Jugendlichen von der Region, obwohl es nicht ganz einfach war von Anfang an, weil zum Beispiel russische Musiker im Orchester sind. Aber offiziell dürfen wir nicht darüber sprechen."

Souveräne Martha Argerich

2020 war ein ähnlich spektakuläres Programm geplant wie beim Festivalstart vor einem Jahr mit Mahlers 2. Sinfonie. Der Zusammenbruch der internationalen Flugverbindungen und drei Corona-Fälle im Orchester ließen von den Plänen praktisch nichts mehr übrig. Zuletzt musste der künstlerische Leiter und Pultchef, Gianandrea Noseda, die Segel streichen. Damit war auch das zum gestrigen Abschluss vorgesehene Klavierkonzert Nr. 3 von Sergej Prokofjew, ein Paradestück Martha Argerichs, nur noch Makulatur. Stattdessen gab es das Konzert vom Vortag noch einmal: Martha Argerich und Nelson Goerner an zwei Klavieren mit Werken von Debussy, Mozart und Rachmaninow. Die nun bald achtzigjährige Königin des Klavierspiels hat nichts von ihrer mit aufreizender Lässigkeit gepaarten Souveränität verloren und thront auch bei Thema Corona über den Dingen.

"Nobody knows. The scientists don’t know what is happening really with Corona. I have friends that are virologists, and they all have a different opinion about all this. It is a very strange – a little bit phantasmagoric thing."

Warum so pessimistisch in die Zukunft schauen? Neunmal habe sie schon wieder gespielt, auch vor Publikum, sagt sie. Es gehe doch weiter. Obwohl es schon irgendwie ›phantasmagorisch‹ sei und sogar mit ihr befreundete Virologen keine klare Meinung dazu hätten.

Tsotne Zedgenidze: ein Auftritt für die Geschichtsbücher

Auch wenn diesmal kein Konzert mit dem Youth-Orchestra gab, kam die Jugend nicht zu kurz. Dafür sorgte Lisa Batiashvili, die aus Georgien stammende Geigerin, die mit zwölf Jahren nach Deutschland kam, in ihrem Konzert ›with friends‹. Ihr ›special guest‹ war ein Elfjähriger mit Namen Tsotne Zedgenidze. Gerade hat er die Zulassung zum Kompositionsstudium in Paris erhalten.

Als sie Tsotne vorstellte und ihm den Wunsch mitgab, er möge die richtigen Leute treffen und ihm sich damit die Chance auf ein glückliches Leben in einer friedlichen Welt eröffnen, da schwang bei Lisa Batiashvili manche Erinnerung an ihre eigene bewegte Kindheit mit. Heute ist sie ein Weltstar. Und morgen er? Seine Begabung hat etwas Übernatürliches. Ein Knirps, der sich mit kindlicher Neugier die Welt der klassischen Moderne von Schönberg bis Ligeti erschlossen und dabei sein ganz eigenes Vokabular gefunden hat. Darauf waren selbst die welterfahrenen Festivalmacher von Tsinandali nicht gefasst: ein Auftritt für die Geschichtsbücher. Die Gegenwartsmusik ist um ein kleines Wunder reicher.

 
 
 
 

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