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StartseiteForschung aktuellPetrarca und der Meeressturm03.06.2019

TsunamisPetrarca und der Meeressturm

Ende 2018 starben in Indonesien mehr als 400 Menschen durch einen Tsunami. Bei einem Ausbruch des Anak Krakatau waren Teile des Vulkans ins Meer gestürzt. Ähnliches scheint sich einst am Stromboli in Italien ereignet zu haben. Sedimentuntersuchungen weisen auf drei bislang unbekannte Tsunamis im Mittelalter hin.

Von Dagmar Röhrlich

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Blick vom Meer auf die italienische Vulkaninsel Stromboli, die zu den Liparischen Inseln gehört. (Undatierte, neuere Aufnahme). Foto: Hinrich Bäsemann +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa)
Der Stromboli ist der unbekanntest der drei italienischen Vulkane, aber auch der aktivste (dpa)
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"Es wäre eine zu lange Erzählung, um all die Schrecken jener höllischen Nacht aufzuzählen. Ohnehin überstiege die Wahrheit alles, was man mit Worten ausdrücken kann, so dass ich fürchte, dass meine Worte leer erscheinen."

So leitete der italienische Dichter Francesco Petrarca in einem Brief vom 26. November 1343 seine Schilderung eines "Meeressturms" im Hafen von Neapel ein.

"Das Meer (war) bedeckt von unzähligen Unglücklichen, die mit aller Kraft versuchten wieder an Land zu gelangen, nachdem die Gewalt des Meeres sie mit ungeheurer Wut ins Hafenbecken gezogen hatte."

Dieser "Meeressturm", den Petrarca beschreibt, war ein Tsunami. Und der Vulkanologe Mauro Rosi von der Universität Pisa scheint seinen Entstehungsort gefunden zu haben - die Vulkaninsel Stromboli:

"Wir haben auf Stromboli drei Sedimentpakete entdeckt, die von drei Tsunamis stammen, die innerhalb 113 Jahren stattgefunden haben. Wir konnten diese Ablagerungen mit drei historischen Ereignissen verbinden: Eine stammt von dem Tsunami 1343, über den Petrarca berichtete und der den Hafen von Neapel und wohl auch den von Amalfi verwüstet hat."

Dieses Tsunamisediment war das dickste und wurde wohl von der stärksten Flutwelle verursacht - was zur dramatischen Schilderung von Petrarca passt.

"Das zweite Sedimentpaket passt zu Einträgen in Chroniken aus dem Jahr 1392, das dritte zu Einträgen von 1456."

Aus organischen Resten lernen

Zur Datierung dieser Sedimente zogen die Geologen organische Reste heran, ebenso zwei vulkanische Aschelagen. Eine von ihnen erwies sich als besonders interessant. Denn sie fand sich nicht nur auf der Tsunami-Ablagerung, sondern auch auf den Resten einer kleinen, bis dahin unbekannten Kirche, auf die das Archäologenteam gestoßen war.

"Wir fanden in den Resten der zerstörten Kirche mehrere Bestattungen und Artefakte, die gut zeitlich einzuordnen waren. Demnach existierte das Gebäude nicht lange und es endet mit mehreren hastigen Beerdigungen: Danach scheint die Insel verlassen worden zu sein.

Es muss also etwas passiert sein. Ein Zusammenhang mit den Naturereignissen erscheint recht logisch."

Dass es überhaupt eine mittelalterliche Kirche auf Stromboli gegeben hat, damit hatten die Archäologen um Sara Tiziana Levi vom Hunter College an der City University New York nicht gerechnet. Von der Römerzeit bis ins 18. Jahrhundert galt die Insel als unbesiedelt. Nun aber lassen die Spuren vermuten, dass erst die Häufung von Naturereignissen die Bewohner vertrieben hat. Die Frage ist, was genau sich am Stromboli abgespielt hat:

"Der Tsunami könnte durch den Kollaps einer untermeerischen Flanke des Vulkans ausgelöst worden sein. Doch die Frage ist, ob die dabei ebenfalls ausgelösten Erdbebenwellen stark genug für die Zerstörung einer Kirche waren. Die andere Erklärung ist, dass ein schweres Erdbeben die Ursache für alles war: die Zerstörung der Kirche, den Kollaps der Flanke und damit den Tsunami."

"Stromboli ist ein tolles Laboratorium"

Aus der Arbeit der Forscher ergeben sich ganz praktische Konsequenzen für die Risikoabschätzung im Tyrrhenischen Meer: Tsunamis scheinen dort sehr viel häufiger zu sein als gedacht. Nicht - wie bisher vermutet - alle paar tausend Jahre sondern alle 500 Jahre. Das müsse bei der Risikoprävention berücksichtigt werden. Die Forschungen zeigen aber auch, wie stark Naturereignisse in die Entwicklung von Gesellschaften eingreifen. Sara Tiziana Levi:

"Stromboli ist ein tolles Laboratorium. Die Insel wurde anscheinend wegen eines zerstörerischen Ereignisses verlassen - und vielleicht wegen der Erinnerung daran nicht wieder besiedelt. Und das, obwohl die strategische Position Strombolis sehr interessant ist: Es ist die nördlichste Insel des Archipels, von dort aus kann man die Meerenge von Messina besser einsehen als von anderen Orten."

Die Menschen kamen wohl erst im frühen 18. Jahrhundert wieder, als die Erinnerung verblasst war - und niemand mehr die Geschichten von damals erzählte.

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