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StartseiteTag für TagBei Anruf Fatwa14.05.2019

TürkeiBei Anruf Fatwa

Wer in der Türkei die Nummer 190 wählt, erhält eine Fatwa, ein theologisches Gutachten. Jetzt im Ramadan rufen besonders viele Menschen an. Vor ein paar Jahren allerdings wurde die Hotline geschlossen, weil Journalisten sie für Kritik an der Regierung nutzten. Das trauen sie sich heute nicht mehr.

Von Susanne Güsten

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Eine muslimische Frau mit Kopftuch beim Telefonieren (imago images / imagebroker)
Im Ramadan ist die Fatwa-Hotline besonders gefragt (imago images / imagebroker)
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Hallo Fatwa: Wer in der Türkei die Nummer 190 wählt, bekommt einen islamischen Theologen ans Ohr, der bei Anruf alle religiösen Fragen beantwortet. "Hallo Fatwa" heißt die Hotline ganz offiziell; sie ist ein Service des staatlichen Religionsamtes der Türkei. Die Nachfrage ist groß – zehntausende Menschen wählen täglich die 190, um Auskunft über allerlei Glaubensfragen zu erhalten. Besonders groß ist der Andrang jetzt im Ramadan, erzählt der Mufti von Istanbul, Hasan Kamil Yilmaz. Anlässlich des Fastenmonats ließ der Mufti eine Reporterin des türkischen Fernsehens mithören:

Einen gesegneten Ramadan wünscht der Anrufer dem Mufti und erkundigt sich dann nach seinem Anliegen: Wenn er bei der rituellen Waschung versehentlich etwas Wasser verschlucke, während er sich den Mund ausspüle – ob er dann gegen das Fastengebot verstoßen und sein Fasten gebrochen habe? Nein, kann der Mufti ihn beruhigen: Wenn er das Wasser versehentlich geschluckt habe und nicht wissentlich, dann sei alles in Ordnung - was zählt, ist allein die Absicht. Der Anrufer bedankt sich und verabschiedet sich erleichtert – dank dieser Fatwa muss er nun nicht einen Tag länger fasten, um den Schluck Wasser zu kompensieren. So gehe das von früh bis spät, erzählt der Mufti:

"Normalerweise tun hier täglich von 8:30 Uhr bis 17:00 Uhr je vier männliche und weibliche Kollegen ihren Dienst und beantworten Glaubensfragen. Ab 17 Uhr bleibt ein Spätdienst, normalerweise bis 23 Uhr und jetzt im Ramadan bis Mitternacht. Derzeit kommen viele Fragen zur Mildtätigkeit und zum Gebet. Aber bei den meisten Fragen geht es um mögliche Verfehlungen beim Fasten."

Frage an den Mufti: Äpfel schälen oder nicht?

Nicht nur in Istanbul steht das Religionsamt von morgens bis abends für Fragen zur Verfügung, erklärt der Mufti von Antalya, Osman Artan:

"Zu den Aufgaben des Religionsamtes gehört es, für die religiösen Bedürfnisse der Bürger zu sorgen, sowohl für die Gottesdienste als auch für Antworten auf ihre religiösen Fragen im Alltag. Das Religionsamt hat einen Hohen Glaubensrat, der besteht aus 16 islamischen Gelehrten unter Vorsitz des Amtspräsidenten. Darunter gibt es in jeder der 81 Provinzen einen Mufti, und jedes Mufti-Amt hat so eine Hotline, um die Fragen der Bürger zu beantworten, so wie wir hier auch."

Ein ziemlich breites Spektrum an Fragen bekommen die Theologen am Telefon gestellt, erzählt ein Prediger, der bei der Hotline von Antalya beschäftigt ist:

"Das geht von der oft gestellten Frage, wie man einen Leichnam für die Beerdigung verhüllt, bis hin zu der Frage, ob man Äpfel geschält oder ungeschält essen soll, also ziemlich unwichtiges Zeug. Eine der häufigsten Fragen derzeit betrifft Tätowierungen. Viele Menschen wollen wissen, ob sie noch rituell rein sind, wenn sie sich tätowieren lassen. Wir weisen dann darauf hin, dass nur der Teufel die Schöpfung Gottes verändern will. Eine Tätowierung oder eine Schönheitsoperation bedeutet, die Schöpfung Gottes zu verändern."

Journalisten riefen Hotline an, um Religionsamt vorzuführen

Nicht immer sind die Anrufer tatsächlich besorgte Bürger – das mussten die Theologen früher manchmal feststellen, wenn sie am nächsten Tag die Zeitung aufschlugen. Vergeblich habe er die Boulevard-Presse angefleht, die Hotline nicht für ihre Fake News zu missbrauchen, klagte der damalige Präsident des Amtes, Mehmet Görmez, vor dreieinhalb Jahren.

"Diese Journalisten geben sich am Telefon als normale Bürger aus und stellen Fragen, dann verzerren sie die Antworten und machen Skandal-Berichte daraus. Da waren zum Beispiel die Gezi-Proteste, da rief ein getarnter Journalist an und sagte: Ich faste gerade, nun habe ich Tränengas geschluckt, ist mein Fasten damit gebrochen? Nein, sagte der diensthabende Theologe, ist es nicht. Am nächsten Tag erschienen fünf Zeitungen mit der Schlagzeile: Religionsamt billigt Tränengas-Einsatz."

Der islamische Theologe Mehmet Görmez. Er war von 2011 bis 2017 Präsident des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten (imago images / Pacific Press Agency)Der islamische Theologe Mehmet Görmez. Er war von 2011 bis 2017 Präsident des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten (imago images / Pacific Press Agency)

Das Maß war voll, als eine Fatwa zum Kindesmissbrauch durch die Presse ging. Ob ein Vater sich versündige, wenn er seine Tochter lustvoll ansehe, lautete die Frage. Nein, war die Antwort, aber das Mädchen müsse älter als neun Jahre alt sein – so alt, wie die jüngste Ehefrau des Propheten bei der Heirat war. Das Religionsamt ließ die Hotlines daraufhin stilllegen. Anders gehe es wohl nicht mehr, sagte Amtspräsident Görmez, der das bedauerte:

"Diese Hotlines wurden täglich von 60.000 bis 100.000 Bürgern genutzt. Sie haben Menschen vor dem Selbstmord gerettet, sie haben Familien vor dem Auseinanderbrechen bewahrt. Wir müssen nun überlegen, wie wir solchen Missbrauch künftig verhindern. Eine Fatwa ist etwas sehr persönliches, idealerweise sollte sie von Angesicht zu Angesicht erteilt werden. Vielleicht müssen die Bürger künftig persönlich zum Mufti-Amt gehen. Wir erwägen auch, Antworten nur noch schriftlich zu erteilen und von Vorgesetzten unterschreiben zu lassen, aber das macht das Verfahren natürlich schwerfällig."

Die Zeit der Scherze ist vorbei

Zu diesen Reformen kam es nicht mehr. Görmez wurde im folgenden Jahr von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan abberufen; sein Nachfolger erklärte die Schließung der Hotline zum Fehler und ließ sie im vergangenen Jahr wiedereröffnen. Die türkische Presse ist heute nicht mehr zu Scherzen aufgelegt und erst recht nicht zu Kritik an der Regierung, zu der das Religionsamt gehört. Und so heißt es jetzt wieder landesweit: Hallo Fatwa, wie können wir helfen?

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