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Türkei
Privaten syrischen Schulen droht die Schließung

Die Regierung in Ankara plant, tausende private syrische Schulen im Land zu schließen. Die Folge: Die türkischen Schulen müssen innerhalb kürzester Zeit rund 400.000 syrische Kinder und Jugendliche aufnehmen. Das bedeutet nicht nur logistisch eine Mammutaufgabe.

Von Luise Sammann | 21.11.2017

Man sieht drei syrische Flüchtlingskinder mit Schulranzen.
Allein 26.000 neue Räume und 50.000 neue Lehrer seien allerdings nun nötig, um die syrischen Kinder ins türkische System aufzunehmen. (AFP / Ozan Kose)
Dicke Tränen laufen über die Wangen der 8-jährigen Liva, als sie versucht, den schwierigen Text zu entziffern, den ihr die Türkischlehrerin zu lesen aufgegeben hat.
Stockend fährt sie mit dem Finger über die Zeilen, schaut immer wieder hilfesuchend zu ihrer Mutter. Doch die schüttelt nur hilflos mit dem Kopf. Obwohl in Syrien einst selbst Grundschullehrerin, kann Umm Mahmud ihrer achtjährigen Tochter nicht mehr helfen, seit die in Istanbul auf eine türkische Schule geht: "Man fühlt sich so dumm, so ungebildet plötzlich.
Nicht mal bei den Hausaufgaben kann ich sie unterstützen. Solange die Kinder hier auf eine syrische Schule gehen durften, war das anders. Ich konnte mit ihnen lernen - und mich dadurch nützlich machen. Aber jetzt…"
Tausende syrische Schulen müssen schließen
Das Problem von Liva und Tausenden anderen Kindern begann mit einer Entscheidung des türkischen Bildungsministeriums im vergangenen Jahr. Sämtliche syrische Schulen im Land sollten innerhalb von drei Jahren geschlossen und ihre Schüler in türkische Schulen eingegliedert werden.
Tausende Bildungseinrichtungen sind davon betroffen. Gegründet in den vergangenen fünf Jahren von geflüchteten syrischen Lehrerinnen wie Umm Mahmud, von Elterninitiativen, Nichtregierungsorganisationen und religiösen Verbänden. Immerhin knapp die Hälfte der ca. 900.000 syrischen Kinder in der Türkei bekam so eine - wie auch immer geartete - Bildung in ihrer Muttersprache. Damit sei es nun vorbei, klagt ein aus Aleppo geflohener Lehrer, der an einer der syrischen Schulen in Istanbul Arbeit gefunden hatte: "Es gibt an den türkischen Schulen, auf die die Syrer jetzt gehen sollen, ja keinerlei Integrationsprogramme. Sie werden einfach ihrem Alter entsprechend in eine türkische Klasse gesetzt und verstehen dort dann kein Wort."
Wie Tausende seiner Kollegen steht er nun vor der Arbeitslosigkeit. Eine Weiterbeschäftigung der syrischen Lehrkräfte ist nur in Einzelfällen möglich. Dabei wäre es gerade ihre Erfahrung, so der Lehrer, der lieber anonym bleiben möchte, die die türkische Regierung jetzt so dringend bräuchte: "Viele unserer Kinder haben den Krieg in ihrer Heimat direkt miterlebt. Sie sind traumatisiert wegen der Dinge, die sie gesehen haben. Und dazu kommen die Probleme, die die Integration in eine völlig neue Gesellschaft mitbringt. Die Sprachbarriere, das Heimweh, das Gefühl ausgegrenzt zu werden. Diese Kinder brauchen besondere Betreuung. Aber leider ist das im türkischen Schulalltag unmöglich."
Radikalisierung an syrischen Schulen?
Tatsächlich haben Schulen am Bosporus statistisch schon jetzt die vollsten Klassen in ganz Europa, bestätigt Erdem Vardar von der Istanbuler Nichtregierungsorganisation Yuva. Das türkische Bildungssystem sei schon jetzt überfordert. Dennoch verteidigt Vardar den Entschluss der türkischen Regierung: "Der Staat konnte die Inhalte, die an den syrischen Schulen natürlich auf Arabisch gelehrt wurden, in keiner Weise kontrollieren. Gerade in einer Zeit, in der wir von terroristischen Gruppierungen sprechen, die auch versuchen, Schulkinder zu radikalisieren, war diese Entscheidung also unvermeidlich."
Allein 26.000 neue Räume und 50.000 neue Lehrer seien allerdings nun nötig, um die syrischen Kinder ins türkische System aufzunehmen. Eine Aufgabe, so Vardar, die die Türkei niemals allein bewältigen könne. Beobachter wie der renommierte Migrationsforscher Murat Erdogan - unter anderem spezialisiert auf die Bildungsprobleme türkischer Einwanderer in Deutschland - warnen bereits vor einer "verlorenen Generation" die in der Türkei heranwachse, wenn nichts geschehe. Die Vorstellung vieler Europäer, sich mit dem so genannten EU-Türkei-Deal von den Folgen des Problems freikaufen zu können, hält er für naiv.
"Stellen Sie sich die Situation einmal andersherum vor: Die Türkei sagt zur EU: Wir wollen eure sechs Milliarden nicht. Behaltet sie - und wir zahlen euch sogar noch 10 Milliarden oben drauf, wenn ihr dafür unsere 3 Millionen Flüchtlinge nehmt. Würde Deutschland zustimmen? Natürlich nicht. Denn hier wird klar: Neben der finanziellen hat das Problem auch eine politische und vor allem eine gesellschaftliche Seite."