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Tunesien-Proteste auch in Frankreich

Jasmin-Revolution nennen die Tunesier ihre Revolte. Auch Frankreichs tunesische Gemeinde geht auf die Straße. Allein in Paris protestierten am Wochenende etwa 10.000 Menschen.

Von Margit Hillmann | 17.01.2011

Place de la Republique: Einige junge Männer haben die mehrere Meter hohe Marianne-Statue in der Mitte des Platzes erklommen, schwenken begeistert die tunesische Nationalflagge. In der riesigen Menschenmenge, die sie umgibt, immer wieder Szenen der Freude: Die Menschen fallen sich in die Arme, klopfen sich auf die Schultern, heben die Hand zum Victory-Zeichen. Sie sind erleichtert. Und stolz. Ihre Landsleute haben Diktator Ben Ali in die Flucht geschlagen.

"Es lebe Tunesien und die Tunesier! Schluss mit dem Blutvergießen!" rufen junge Männer, die tunesische Flagge wie ein Cape um die Schulter gelegt. Ein Mann um die 60 strahlt übers ganze Gesicht.

"Ich lebe seit mehr als 25 Jahren im Exil. Als ich gehört habe, dass Ben Ali geflohen ist, habe ich geweint. Ich wusste, dass das eines Tages passieren würde. Und ich hatte gehofft, es selbst noch zu erleben. Es ist für mich eine unbeschreibliche Erleichterung!"

Doch unter die Freude der Demonstranten mischt sich auch Angst und Misstrauen.

"Es herrscht jetzt ein großes Durcheinander. Es gibt keine Sicherheit für die Bevölkerung. Ben Alis Polizei legt Feuer, zerstört und plündert. ...
Wir haben gerade mit unserer Familie in Tunesien telefoniert. Sie werden massakriert, während wir hier demonstrieren. Ben Ali ist geflohen, aber seine Leute sind noch da und terrorisieren die Bevölkerung."

Die Enttäuschung der tunesischen Gemeinde über das diplomatische Manövrieren der französischen Regierung ist in den vergangenen Tagen noch gewachsen.

Feige, heuchlerisch, eigennützig, kommentieren sie. Französische Demonstranten, die gekommen sind, um die Tunesier zu unterstützen, teilen die Kritik.

"Auf gewisse Weise kann man von Komplizenschaft unserer Regierung sprechen. Deren Verhalten ist wirklich nicht normal, viel zu passiv,eine Schande. Zumal uns Franzosen mit den Tunesiern eine lange gemeinsame Geschichte verbindet."

Eva Joli, voraussichtliche Kandidatin der Grünen bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2012, ist gemeinsam mit anderen Vertretern der politischen Linken Frankreichs zur Demonstration gekommen. Sie kritisiert die französische Regierung, bedauert aber auch, dass es keine klareren Reaktionen aus Brüssel gegeben hat.

"Daniel Cohen-Bendit hat vergangene Woche im Brüsseler Parlament gefordert, dass die Abstimmung einer Resolution zur Unterstützung der tunesischen Demokratiebewegung auf die Tagesordnung gesetzt wird. Dazu braucht man aber die Zustimmung aller parlamentarischen Gruppen. Leider ist das nicht gelungen: Sowohl die Sozialisten als auch die Konservativen waren dagegen."

In Frankreich hat Nicolas Sarkozys Regierung bis zur letzten Minute auf Ben Ali gesetzt. Außenministerin Michelle Alliot-Marie erwog sogar noch Mitte letzter Woche vor den Abgeordneten des französischen Parlaments, Diktator Ben Ali französische zu schicken. Die seien, so die Ministerin, besonders erfahren im Umgang mit Unruhen und könnten den Tunesiern bei der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung behilflich sein. Erst als Ben sein Land fluchtartig verlässt, sein Flugzeug Kurs auf Paris nimmt, schwenkt die französische Regierung um: Ben Ali sei unerwünscht. Frankreich stehe auf der Seite des tunesischen Volks. Als sich einige Stunden später Gerüchte bestätigen, dass enge Familienangehörige Ben Alis nach Frankreich geflohen sind und Suiten französischer Luxushotels bezogen haben, versucht Regierungssprecher Francois Baroin die Wogen zu glätten:

"Wir wurden erst kürzlich über die Anwesenheit einiger Familienmitglieder in Frankreich informiert. Sie haben nicht die Absicht in Frankreich zu bleiben. Genauso wenig stand jemals zur Debatte, dass Ben Ali selbst nach Frankreich kommt."

Außerdem lässt der Elyséé die Medien wissen, dass inzwischen sämtliche Besitztümer und Konten der Familie Ben Ali in Frankreich überwacht werden. Doch die neue Stoßrichtung der Regierung überzeugt nur wenige. Es mehreren sich Stimmen in Frankreich, die eine gründliche Aufklärung der Verbindungen zwischen politischen Verantwortlichen in Paris und dem Ben-Ali-Regime in Tunis fordern. Die Demonstranten in Paris haben diese Frage für sich bereits beantwortet:

"Es gibt viele alte Freundschaften zwischen französischen Politikern aller Parteien und den tunesischen Politikern des Ben-Ali-Regimes. Deshalb haben sie so lange gezögert, die tunesische Bevölkerung zu unterstützen."

"Mitterands Neffe, Minister der Kultur, verbringt seinen Urlaub in Tunesien und Michelle Alliot-Marie. Viele französische Politiker haben sich im Tunesien Ben Alis immer wohlgefühlt. Aber jetzt hat ihnen das tunesische Volk eine Lektion erteilt und gezeigt, was Demokratie ist."

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