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Über Vorbilder und Ideale

Wenn man es sich recht überlegt: Mit Hilfe von Idolen wollen wir alle doch nur das eine: Unsere niedrigen Instinkte zurückdrängen - Verhaltensweisen, die uns eigentlich peinlich sind und die wir - ja, ja, ganz bestimmt morgen! ändern wollen. Unser bequemes Dasein als "Couchpotato" zum Beispiel, das uns daran hindert, in unserem eigenen Leben Großartiges zu leisten.

Von Agnes Steinbauer | 12.08.2005
    Also, als erster über den Atlantik zu fliegen - wenn das nicht schon passiert wäre -, in Strohschuhen die Alpen zu überqueren und dadurch - wenn auch ein paar tausend Jahre später - berühmt zu werden, als Mega-Superstar Millionen von CDs zu verkaufen, als Einstein neue Dimensionen auf eine Formel zu bringen oder als Formel-Eins-Weltmeister neue Dimensionen der Geschwindigkeit zu erschließen. Aber - was tun wir stattdessen? Wir lümmeln faul vor dem Fernseher herum, knabbern Chips und lassen andere für uns arbeiten:

    Die Stars eben, unsere Idole - ein bisschen Mühe geben wir uns noch, wenn wir bei jedem Wetter an roten Teppichen ausharren, auf dass uns der Hauch ihres Sternengewandes umwehe und ihr Götterfunke auf uns überspringe - meistens ist es aber dann doch nur die Freude, dabei gewesen zu sein. Apropos Götterfunken - Dass Stars "vergöttert" werden, das ist sprachlich schon ganz richtig so formuliert, denn der "Run" auf Idole hat im weitesten Sinne eine religiöse Dimension. Das wird nicht nur dann deutlich, wenn man im Netz auf die vielen Seiten stößt, auf denen der frühere Papst noch posthum als "Kultfigur" in den Himmel gehoben wird - vor allem von unglaublich vielen Jugendlichen - Ein 84jähriger Mann, von Krankheit gezeichnet, der Lebensmaximen proklamierte, mit denen der normale Großvater vor seinen Enkeln wohl ziemlich "alt" aussähe. Das ist schon erstaunlich! Was lernen wir daraus?

    Dass Jugendliche Vorbilder haben, die man ihnen gar nicht zutrauen würde? Na, jedenfalls rührt die Sehnsucht nach dem Edlen, Guten und Schönen, mit dem die Menschheit seit Jahrtausenden - meist vergeblich - versucht, sich die Krone der Schöpfung aufzusetzen, offenbar an ein Urbedürfnis nach Orientierung. Der Philosoph Karl Jaspers betrachtete die Bindung an Autoritäten durch Vorbilder sogar als unabdingbare Vorraussetzung für spätere Autonomie und letztendlich Freiheit des Menschen - Klingt paradox - einem Daniel Küblböck nachzueifern, kann er nicht damit gemeint haben.

    Der im Dschungel seines eigenen Superstar-Kults Herumirrende wirft weitere ungelöste Fragen auf - Welche Idole oder Vorbilder sind die richtigen und wer bestimmt das? Mutter Theresa war in Umfragen einmal als Vorbild sehr populär, gehört aber bestimmt nicht zu der Kategorie der "neuen" Stars, der wandelbaren Medienwelt. Dort lernen Jugendliche eher, dass aus einem "Shooting Star" ziemlich schnell ein "Falling Star" werden kann. Und wenn Sternschnuppen verglühen hat man ja bekanntlich einen Wunsch frei. Eine schöne Vorstellung wäre: Dieter Bohlen käme traurig vom Casting-Termin nach Hause - und hätte keinen Superstar gefunden - wegen mangelnder Nachfrage.