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StartseiteKalenderblatt"Überall Fremder und bestenfalls Gast"23.02.2012

"Überall Fremder und bestenfalls Gast"

Vor 70 Jahren nahm sich der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig das Leben

Seine Bücher wurden von den Nationalsozialisten verbrannt, die Reise in seine Heimatstadt Wien war nicht möglich: Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geht der Schriftsteller Stefan Zweig ins brasilianische Exil. Dort nimmt er sich am 23. Februar 1942 zusammen mit seiner Ehefrau das Leben.

Von Ruth Fühner

Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Stefan Zweig (1881 - 1942) (picture alliance / dpa)
Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Stefan Zweig (1881 - 1942) (picture alliance / dpa)
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So einfach, mit ein paar Grobheiten, wie sich Herr Morosus die Zumutungen der Welt vom Leib hält, wollte es seinem Erfinder Stefan Zweig nicht gelingen. Dass ein Jude das Libretto zu Richard Strauss' Oper "Die schweigsame Frau" geschrieben hatte, veranlasste die Nazis, das Werk kurz nach der Uraufführung 1935 vom Dresdner Spielplan abzusetzen. Da hatten Zweigs Bücher in Deutschland bereits auf dem Scheiterhaufen gebrannt. Und es dauerte nicht mehr lange, bis er auch seine Heimatstadt nicht mehr besuchen konnte.

"Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast."

Seine Autobiografie unter dem Titel "Die Welt von gestern" beendete Stefan Zweig 1941 im brasilianischen Exil. Es ist ein bitterer Rückblick auf eine untergegangene Welt, auf enttäuschte Hoffnungen und wahrgewordene Befürchtungen. Zweig war ein Weltbürger, die Neugier hatte ihn bis nach Indien und Nordafrika geführt. Früh schon erkannte er im Nationalismus den Fluch seines Jahrhunderts. Gegen ihn setzte er ein bewusst apolitisches Europäertum, eine optimistische Vorstellung von Kultur, die die "Sternstunden der Menschheit" nicht in gewonnenen Schlachten, sondern in geistigen Leistungen und inneren Überzeugungen sah. Dass er sich dabei als Schriftsteller nicht auf das Argument beschränkte, sondern auch auf poetische Beschwörung setzte, hört man der Rezitation seines "Hymnus an die Reise" an:

"Schienen, die blauen Adern aus Eisen,
Durchrinnen die Welt, ein rauschendes Netz.
Herz, rinn mit ihnen! Raff auf dich, zu reisen,
Im Flug nur entfliehst du Gewalt und Gesetz."


Seine historischen Biografien über den französischen Polizeiminister Fouché oder den Renaissance-Humanisten Erasmus brachten Zweig internationales Renommee ein, Vorträge über die Völkerverständigung führten ihn bis nach Amerika, das Netz seiner Freundschaften und Korrespondenzen – mit Joseph Roth und Sigmund Freud, mit Romain Rolland, Luigi Pirandello, James Joyce oder Maxim Gorki - umspannte die Welt. Aber die Gegenkräfte waren stärker.

"Es waren geheimnisvolle Gruppen, verborgen in ihren Büros und Konzernen …In ihren Händen und nicht in meinen eigenen lag jetzt mein Geschick. Sie zerstörten oder schonten uns Machtlose, sie ließen in Freiheit oder zwangen in Knechtschaft, sie bestimmten für Millionen Krieg oder Frieden. Und da saß ich wie alle die andern in meinem Zimmer, wehrlos wie eine Fliege, machtlos wie eine Schnecke, indes es auf Tod und Leben ging …"

Persönlich war Zweig der Todesgefahr zwar entronnen, doch die Informationstechnik, für ihn ein weiterer Fluch des 20. Jahrhunderts, sorgte dafür, dass ihn die Barbarei von Krieg und Nationalsozialismus selbst im fernen Brasilien erreichte. Berichte über Gestapo-Folter fanden Eingang in die "Schachnovelle" von 1941, und mitten im Karneval des folgenden Jahres las Zweig in Rio die Schlagzeilen vom Fall Singapurs und der deutschen Offensive im Suezkanal. Wenige Tage später, am 23. Februar 1942, nahm er, knapp sechzigjährig, zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte in seinem Haus in Petropolis eine tödliche Dosis Veronal. Mit seinem Freitod folgte er einer ganzen Reihe literarischer Figuren, denen er als Erzähler dieselbe letzte Freiheit eingeräumt hatte. In seinem Abschiedsbrief heißt es:

"Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus."

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