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Überbleibsel der Urzeit

Neurologie. - Sendungen, in denen man viel gewinnen kann, gehören zu den Quotenrennern im Fernsehen, obwohl die Zuschauer nur sehr selten am Gewinn teilhaben. Warum es uns soviel Freude bereitet, wenn jemand völlig Fremdes gewinnt, haben britische Forscher untersucht und ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht.

Von Kristin Raabe | 15.05.2009
    Den Beginn ihrer Studie hatten sich die britischen Wissenschaftler vom Medizinischen Forschungsinstitut in Cambridge noch bei "Wer wird Millionär" abgeschaut. Sie ließen ihre Testpersonen vor laufenden Videokameras dieselben Fragen zur ihrem Leben und ihren Wertvorstellungen beantworten, wie sie auch die Teilnehmer der Gameshow gestellt bekommen. Dabei befanden sich unter den Studienteilnehmern auch zwei Schauspieler, von denen der eine eine sozial verträgliche Person und der andere eine eher auf den eigenen Vorteil bezogene Person darstellte. Auf die Frage: "Wie sähe der schönste Tag in ihrem Leben aus?" wünschte sich der eine beispielsweise den Weltfrieden und ein glückliches Beisammensein mit seinen Freunden, der andere Schauspieler gab an er hätte lieber ein protziges Auto und wäre gerne mit Angelina Jolie verheiratet. Der Studienleiter Dean Mobbs wollte wissen, wie die anderen Studienteilnehmer auf diese beiden unterschiedlichen Charaktere reagieren.

    "Bei dem Experiment haben wir den Studienteilnehmern während sie in einem Kernspintomographen lagen, Videos gezeigt, in denen diese beiden Personen um Geld spielen. Uns interessierte, vor allem der Moment, in dem die Person, mit der sich der jeweilige Studienteilnehmer noch am ehesten identifizieren konnte, gewann. In dieser Gewinnphase sahen wir eine erhöhte Aktivität im sogenannten ventralen Striatum, dass ist quasi das Kernstück des Belohnungssystems im Gehirn. Das ventrale Striatum ist beispielsweise auch aktiv, wenn wir lachen, Geld gewinnen oder einfach nur ein hübsches Gesicht ansehen. In unserem Experiment war dieser Hirnteil umso aktiver, je ähnlicher ein Studienteilnehmer der sozial angenehmen Person war."

    Die Forscher konnten aber auch zeigen, dass die Aktivität des Belohnungssystems im Gehirn durch einen Hirnteil gesteuert wird, der dazu beiträgt, dass Menschen über ein Ich-Bewusstsein verfügen. Je eher ich mich also selbst in dem anderen wiedererkenne, desto mehr kann ich mich auch über seinen Gewinn freuen. Mobbs:

    "Je ähnlicher ein Studienteilnehmer der sozial angenehmen Person in dem Videofilm war, desto höhere Werte erlangte er auch auf der Empathieskala. Wenn jemand aber der sozial unangenehmen Person sehr ähnlich war, dann zeigte er auch weniger Empathie. So jemand reagierte mit Neid, wenn die sozial angenehme Person in dem Videofilm gewann. Mit anderen Worten, je netter ein Mensch ist, desto einfühlsamer ist er auch. Sozial unverträgliche Menschen sind dagegen eher neidisch, wenn jemand anders etwas gut hinbekommt."

    Dean Mobbs glaubt, dass die Fähigkeit, sich über die Erfolge eines anderen zu freuen, wichtig für die Evolution des menschlichen Sozialverhaltens war.

    "Das scheint noch ein Überbleibsel aus Zeiten zu sein, in denen wir Menschen noch in kleinen Jäger-Sammler-Kulturen zusammenlebten, und man mit den meisten Gruppenmitgliedern zumindest entfernt verwandt war. Irgendwie ist dieser uralte Mechanismus immer noch fest in unserem Gehirn verankert."

    Im Laufe der sozialen Evolution hat es der Mensch offenbar auch gelernt, sich über die Erfolge von Fremden zu freuen, solange er nur genug Ähnlichkeiten zwischen sich und dem anderen entdeckt. Ursprünglich sollte dieser Mechanismus das Zusammenleben vieler Menschen erleichtern. Im Medienzeitalter steigert die menschliche Fähigkeit zum "Mitfreuen" die Einschaltquoten von Gameshows.