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Überbordende Völkerverständigung

Es ist eine Begegnung der besonderen Art: Schauspielschüler aus Palästina, China, Rumänien, Deutschland und den USA zeigen erst ihre eigene Interpretation von Shakespeares "Sommernachtstraum", um dann das Stück gemeinsam zu spielen - jenseits von Sprachbarrieren und Konflikten.

Von Dorothea Marcus | 08.11.2011

Shakespeare ist nicht universal. Im westlichen Shakespeare haben wir unsere Entfremdung wiedererkannt, schreibt der palästinensische Regisseur Samer Al-Saber im Programmheft zu seiner Aufführung des "Sommernachtstraums". Al-Saber leitet den ersten Jahrgang der ersten Schauspielschule, die es in Ramallah gibt - gegründet wurde sie vor drei Jahren, mithilfe des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier und der Mercator-Stiftung. Zum ersten Mal sind die Schauspielschüler aus Ramallah nach Deutschland gekommen. In Essen-Werden spielen sie mit Chinesen, Rumänen, Deutschen und jüdischen Amerikanern Theater – und so etwas wie ein Konflikt ist nicht ansatzweise aufgetaucht, erzählt Husam, 22 Jahre alt, aus Ramallah.

"Es war das erste Mal, dass ich chinesisch und rumänisch überhaupt gehört habe als Sprache. Ich liebe ihren Klang. Ich traf eine Menge Leute während des Festivals, die noch niemals von Palästina oder Ramallah oder dem Konflikt gehört hatten. Aber jeder konnte hier seine Geschichte erzählen und das war unglaublich wichtig. Diese extreme Woche hier gab uns eine Möglichkeit, unsere palästinensische Identität zu zeigen – auf eine sehr schöne Weise, nämlich mit Theater. Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist dieser Gruppengeist. Wir haben nicht gefühlt, dass wir aus verschiedenen Kulturen und Religionen und Konflikten kommen."

"Theseus möchte seine Tochter zwangsverheiraten – mit dem wunderschönen jungen Demetrius! The problem is that Hermia doesn't love Demetrius. She is really in love with Lysander... Und somit beginnt unsere Geschichte. "

Ein launiges Moderatorenpaar führt durch den Abend mit Shakespeares "Sommernachtstraum", als wäre es der Grand Prix d'Eurovision. Trotz seiner fast 70 Schauspieler dauert er nur eineinhalb Stunden. Da wird radikal vorgespult und einfach der vierte Akt übersprungen. Auf der Bühne: fünf Hermias in fünf Rollkoffern, mit denen fünf Lysanders in den Zauberwald flüchten. In Palästina ist Hermia ein Lockenkopf in Minikleid, in Rumänien trägt sie zeitlos-unschuldiges Weiß. Wenn Zettel in einen Esel verwandelt wird, trägt er in Palästina Pappohren und in Rumänien ein ganzes Pelzarrangement. Der Löwe im Wald tritt in Deutschland als Stofftier auf, in China stecken zwei ganze Menschen in einem bunten Riesenlöwenungetüm. Ohnehin haben die chinesischen Schauspieler für ihren ersten Deutschlandbesuch ein farbenfrohes Arsenal an Requisiten mitgebracht. Sie präsentieren Tänze mit Fächern und flatternden Bändern. Das Publikum macht mit und wird von einem der chinesischen Darsteller streng korrigiert.

"Das Konzept von Theater in China ist sehr neu. Die Erfahrung, dass Theater in Deutschland so viel bedeutet, ist sehr aufregend für mich. Sogar in so einem kleinen Ort wie Essen-Werden kommen so unglaublich viele Menschen ins Theater. Das sieht man in China nicht!"

... sagt A Sihan, 24 Jahre alt, einer von 13 Studenten der Schanghai Theatre Academy, der alles dafür tun will, später auch als Schauspieler zu arbeiten.

Von jeder Aufführung aus jedem Land wurde das Beste übernommen. Ironisch spielen die fünf Nationen auch mit der Konkurrenzsituation untereinander: Als Demetrius vor der fünffachen Stalkerin Helena über eine Wand aus Türen fliehen muss, macht der Chinese einen Rückwärtssalto darüber, während der Rumäne unten durchrutscht und der Palästinenser die Wände lässig aufzaubert, als sei er ein Wasser teilender Jesus. Es ist verblüffend, wie viel Ideenreichtum und künstlerische Qualität für einen Auftritt entstanden sind, der an einem einzigen Wochenende geprobt wurde. Die Energie der Schüler ist berauschend – dem Ganzen wohnt ein überbordendes utopisches Moment von Völkerverständigung inne.

Hanns-Dietrich Schmidt hat das Projekt Shakespeare-Festival vor zwölf Jahren gegründet und ist besonders stolz darauf, dass nicht nur China, sondern auch Palästina dabei ist – und die Zusammenarbeit mit Ramallah direkt im Anschluss an den "Sommernachtstraum" weitergeht.

"Es ist auch für uns sehr wichtig, dass unsere Studenten eine andere Realitätsebene kennenlernen. Auch was es gerade für die Frauen, die dort ausgebildet werden, bedeutet, in einem solchen Land auch oft gegen die Tradition der eigenen Familie Theater zu lernen. Theater gehört nicht zu den künstlerischen Ausdrucksformen in der arabischen Welt. Es ist nicht nur so, wir investieren da, weil wir schon 500 Jahre länger Theater machen, sondern es geht auch darum, über deren Realität etwas zu erfahren."