Sonntag, 29. Januar 2023

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Überflutungen in der Größe des Bodensees geplant

In Brasilien spitzt sich derzeit der Protest gegen den Bau des gigantischn Belo-Monte-Staudamm zu. Seit Jahren wird um den Bau des geplanten drittgrößten Staudammes der Welt gestritten. Leidtragende des Megaprojekts: die indigene Bevölkerung und der Regenwald.

Von Julio Segador | 09.08.2011

    Seit Jahrhunderten pflegen die Indios im brasilianischen Regenwald ihre Traditionen und Rituale. Noch rund 200 indigene Volksgruppen soll es in Brasilien geben, einige Stämme haben bis heute keinen Kontakt zur Außenwelt. Doch Großprojekte wie das Wasserkraftwerk Belo Monte machen es den Ureinwohnern im Regenwald immer schwerer, buchstäblich zu überleben. Iredijo Kayapó, deren Stamm am Xingú-Fluss lebt, gibt sich kämpferisch:

    "Wir haben Söhne, Enkel, Kinder und Erwachsene, die in diesem Wald, auf unserem Land leben. Wir brauchen den Wald um uns zu ernähren. Deshalb kämpfe ich als Frau gemeinsam mit den Männern, um den Bau des Staudammes von Belo Monte zu verhindern."

    Seit Jahren wird um den Bau des geplanten drittgrößten Staudammes der Welt gestritten. Die Folgen für Mensch und Natur werden drastisch sein. Etwa 80 Prozent des Xingú-Flusses soll aufgestaut, eine Fläche von 500 Quadratkilometer Land überschwemmt werden. Das entspricht der Größe des Bodensees. Auf vielen Kilometern wird der Fluss ausgetrocknet sein. Häuptling Cacique Raoni, kämpft seit mehr als 20 Jahren gegen das Projekt und für die Lebensgrundlagen seines Stammes:

    "Ich bin gegen den Bau des Staudammes. Ich will, dass der Fluss hier ebenso voller Leben bleibt wie wir selber. Ich wünsche mir, dass die Fische, Tiere und alle anderen Lebewesen in Frieden weiter leben können. Daher akzeptiere ich den Staudamm nicht."

    20.000 Menschen werden die Region um Belo Monte verlassen müssen, sagt die Regierung. Gegner des gigantischen Projektes befürchten, dass es bis zu 40.000 Menschen sein werden, die dem Staudamm weichen müssen. Darunter viele Indiovölker.

    Marcelo Salazar, vom brasilianischen Institut ISA organisiert den Widerstand der indigenen Bevölkerung. Er wehrt sich gegen die Kriminalisierung der Indios, die etwa vom Umweltminister erst jüngst als dämonische Kräfte dargestellt worden waren:

    "Die Indios wollen gehört und nicht als Teufel dargestellt werden, so wie dies Energieminister Edson Lobao getan hat. Der sagte, es seien dämonische Kräfte, die das Projekt aufhalten wollten. Das ist absurd, denn diese Völker üben ein legitimes Recht aus. Sie dürfen ihre Meinung zu Projekten sagen, die in hohem Maße ihren Lebensraum beeinträchtigen."

    Das genau ist auch der Knackpunkt. Nach der brasilianischen Verfassung müssen die Indiovölker, die vom Projekt betroffen sind, angehört werden. Der katholische Bischof von Altamira, Erwin Kräutler, betont, dass dieses Recht der Indios bisher mit Füßen getreten worden sei:

    "Wir haben 27 öffentliche Anhörungen in Altamira eingefordert. Ganze vier wurden tatsächlich abgehalten. Vier, die diesen Namen nicht verdienten. Denn die indigene Bevölkerung hatte keinen Zugang zur Anhörung, die Polizei sperrte alles ab. Man hatte den Eindruck, eine Revolution werde niedergeschlagen oder ein Krieg geführt."

    Derzeit wird die Baustelle für das Großprojekt Belo Monte eingerichtet. Schon bald sollen die ersten Rodungen im Regenwald beginnen.