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StartseiteSonntagsspaziergangÜberlaufende Idylle27.05.2007

Überlaufende Idylle

Strandspaziergang in Heiligendamm

Heiligendamm sah Aufstieg und Fall, Pleiten und Sanierungen. Der fürstliche Besitz wurde Aktiengesellschaft, dann wurde die feudale Sommerfrische bourgeois, verfiel, wurde mondän, verfiel wieder. Wind und Wetter setzten der Kulisse arg zu, die Faszination der Gäste blieb. Auch heute noch ist jede Ecke von Heiligendamm eine Zeitreise in die alte Zeit.

Von Almuth Knigge

Tagungsort des G8-Gipfels: Das Kempinski Grand Hotel in Heiligendamm. (AP)
Tagungsort des G8-Gipfels: Das Kempinski Grand Hotel in Heiligendamm. (AP)
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Weltpolitik am Ostseestrand

Als im Mittelalter der Blanke Hans dem Kloster von Dobberan dräute, flehten die Mönche um ein Wunder. Und siehe, ein Wall aus Stein erhob sich am Strand und schied die Flut von der Ostsee. Das Brackwasser vertorfte zum Conventer See - und so kam Heiligen Damm zu seinem Namen - das ist die eine Geschichte. In der Zweiten hatte der Teufel seine Hand im Spiel - der wollte einem Schäfer seine Seele abkaufen und ihm dafür einen Damm bauen, damit der Weg zur Weide nicht mehr so beschwerlich war - das hat nicht geklappt, der Teufel wurde vertrieben und der heilige Damm war über die Grenzen hinaus für seine Schönheit berühmt

"Hier ist der Prospekt bewunderungswürdig schön. "

Der britische Schriftstelle Thomas Nugent wurde, 1766 am Ende einer beschwerlichen Reise, von der Schönheit der landschaft überwältigt.

Der heilige Damm bezauberte uns gänzlich, er hat das Ansehn eines großen durch Kunst errichteten Deiches, um die See anzuhalten, die sonst das ganze Land überschwemmen würde. Sie meae sedes Ultimatum senectae. Möge es der Sitz meines Greisenalters sein.

"Das ist ein einmaliger Ort und davon geht so viel Zauber aus, die alten Griechen haben so was Arkadien genannt und die Romantiker haben das als verlorenes Paradies bezeichnet."

230 Jahre liegen zwischen diesen beiden schwärmerischen Beschreibungen. Als Anno August Jagdfeld vor 10 Jahren ein Foto dieser historischen Kulisse sah, war er sofort hingerissen von der Schönheit

"Also ich hab das Foto gesehen damals im Focus, es war diese berühmte Silhouette vom Meer aus. Und darunter stand, Heiligendamm ist jetzt seit 6 Jahren im Dornröschenschlaf, wer küsst Dornröschen wach oder so ähnlich. Und ich war sofort so begeistert, ich dachte, so was schönes kann es gar nicht geben, wahrscheinlich hat ein Hollywoodstudio vergessen, die Kulissen abzubauen. "

Jagdfeld, der mit geschlossenen Immobilienfonds sein Geld gemacht hat, sammelte rund 200 Millionen Euro bei wohlhabenden Leuten zusammen, fuhr hin und kaufte den ganzen Ort für schlappe 7,5 Millionen. Das Königsblau des Meeres, dass Blattgrün der Buchen, das Altweiß der wilden Steilküste, das alles faszinierte - den neuen Investor des 20. Jahrhunderts genauso wie den Adel des 18. Jahrhunderts. Baden im Meer, so hatte man herausgefunden, sei gut gegen Entnervung, Gicht und Erschlaffung der Eingeweide - das erste deutsche Seebad wurde gegründet. Kaum einer kennt sich besser mit heiligendamm, seiner Geschichte und seiner Architektur aus, als Prof. Joachim Skerl

"Und das geschah an einem Julitag des Jahres 1793 als dann der Herzog allen voran in die Fluten stieg. Vogel war immer der Meinung, so wie in der Aufklärung alle seine großen Anreger, denken sie an Rousseau, nur wer badet wird zum Mann, ein Jüngling entwickelt sich zum Mann wenn er badet und nicht nur im Sommer sondern wenn er seinen Körper stählt. Denn die Idee, dass in einem gesunden Geist auch ein gesunder Körper wohnt das ist ja wieder aufgegriffen worden aus der deutschen Antike in dieser Zeit der deutschen Klassik."

26 weiße Prachtvillen am Saum des Meeres und ein hochherrschaftliches Kurgebäude. Hic te laetitia invitat post balnea sanum"- "Hier lädt dich, nach dem Bade geheilt, die Freude ein" - prangt in goldener Schrift - noch heute - über der prächtigen Säulenterasse am Kurhaus. Der Architekt: Karl Theodor Severin. Ein Mann mit modernen Ideen und klassischen Idealen..

"Er bekommt den Auftrag 1814 vom Großherzog, en Empfangs, - Gesellschafts,- Tanz und Speisehaus zu bauen. Er ordnet eine große Säulenhalle mit einem Dreiecksgiebel wie eine Tempelfassade zum Meer hin an. Er verwendet toskanische Säulen, das ist ein Vorschlag gewesen, den schon einmal Andrea Palladio gemacht hat für die Architekten der nachfolgenden Jahre und der denkt dabei an das, was in Griechenland die Asklepeien waren, Stätten der Gesundheit und des Vergnügens."

Sein Generalplan setzte die Bauten so zwischen Strand und wald, das jedes Haus die Vorteile der natürlichen Kühlung optimal nutzt Noch heute ziehen Fachleute den Hut vor dieser Bauweise

"Es begrüßt sie über dem Haupteingang die Tochter des Asklepios die Heilgöttin Hygaeia und daneben finden sie in einem lustigen Festzug zu Ehren der Hochzeit des Meergottes Poseidon, der eine der Meerjungfrauen Amphritite geheiratet hat."

Noch heute spürbar ist des Herzogs ausgeprägter Sinn für effektvolle Feste mit honorigen Celebritäten und passendem Damenflor an stimmungsvollen Orten. In das tempelartige Kurhaus ließ er bei Bedarf zusätzlich die schwersten Lüster aus seinem Doberaner Schloss über die verwunschene Lindenallee herbeischaffen - ein Weg, der auch noch Der Aufwand wurde mit den Gewinnen aus dem Dobberaner Kasinos bezahlt. Manchmal auch mit dem Verkauf von Landeskindern an die Oranier - für kriegerische Zwecke. Den betuchten Gast störte es nicht - er genoss das Ambiente mit Schwanenjagd und Manöverspielen - und die Spielbank 80 ungestörte Jahre lang - bis - zum ersten Mal der Ruin drohte. Der Historiker Wolf Karge hat ein kleines Büchlein über Heiligendamm geschrieben, kenntnisreich. Mit vielen Details, die kaum jemand kennt - kein Wunder. Er ist dort aufgewachsen.

"Es stand mehrfach vor dem Zusammenbruch also das ist überhaupt keine Geschichte die jetzt nach dem Ende der DDR auftrat sondern es gab immer sporadisch in unterschiedlichen Zeitabständen die Situation - jetzt kracht´s zusammen."

1873 wurde der ganze Ort zum ersten Mal komplett verkauft - für 500.000 Taler.

"Ud mit dem ersten Verkauf des Bades 1873 ist schon festgelegt worden, dass immer diese Situation zu erhalten ist. das ist immer in den Verkaufsbedingungen festgelegt gewesen und so hat sich das über die folgenden Jahrzehnte weitertradiert."

Bis heute. Und bis heute ähnelt sich das Schicksal jedes neuen Eigentümers. Zunächst einmal investierten die neuen Besitzer kräftig - zur Freude der Bevölkerung, wie im Doberaner Anzeiger zu lesen war

Die neuen Besitzer sind sich der Kulturmission, die sie als Eigentümer eines so einzigartigen Ortes der Mitwelt schulde bewusst gewesen und haben alles Erdenkliche getan, um dem im Laufe der Jahre etwas altersschwach gewordenen Bade neues Leben einzuhauche.

Heiligendamm sah Aufstieg und Fall, Pleiten und Sanierungen. Der fürstliche Besitz wurde Aktiengesellschaft, die Börsennotierungen schwankten wie die Bademoden. Die feudale Sommerfrische wurde bourgeois, verfiel, wurde mondän, verfiel wieder. Wind und Wetter setzten der Kulisse arg zu, die Faszination der Gäste blieb. Illustre Gäste - wie Zar Nikolaus I, Marcel Proust und Kaiser Wilhelm I. Von ihm ist folgende Szene verbürgt. In bester Laune kickte er mit seinem Stiefel einen Stein ins Wasser und zeigte mit ausholender Handbewegung auf die leuchtenden Bauten und prophezeite:

"Dieses ist meine weiße Stadt, gebaut für die Ewigkeit, das schönste Seebad der Welt."

Etwa zu gleichen Zeit fuhr Helene von Nostiz. Hindenburg-Nichte an die Ostsee in die Sommerfrische. Sie schrieb an ihren Freund und Kollegen Rainer Maria Rilke

Wir sind hier an einem wunderbaren Ort am Meere. Nur einige weiße Empirehäuser stehen neben den Buchenwäldern. Hinter den weißen Säulen, vor der hellblauen See, leuchten rote Rosenbeete. Ein alter kleiner Esel zieht unbekümmert durch die Sandwege, von allen angeredet und doch ganz in seiner eigenen Welt versunken. Im Kursaal, wo man unter grauen Glaskronleuchtern ungestört Klavier spielen kann, ist dieselbe etwas verstaubte Luft, die den ganzen Ort erfüllt.

Der Ort erlebte Ferien quer durch die Geschichte und Gesellschaftsformen. Was immer blieb, bis heute, ist der Zauber, der von der weißen Kulisse ausgeht.

Hier finden wir alles vereinigt, was Menschenhirn ersann um den reisenden Menschen auch ein vielleicht sehr komfortabel eingerichtetes Heim zu ersetzen. Nun können Kinder und Erwachsene im Sand buddeln, Burgen bauen und im Sande lagern. Fast unnötig zu bemerken, dass die Gäste wie eine große Familie ganz unter sich sind, denn dieser Teil des Strandes und die breite Promenade ist nur den Gästen zugänglich.

Das war 1932

Dieses Bad nun, das an Stil und Vornehmheit nicht seinesgleichen hat, soll nicht Gefahr laufen, an baulicher Arterienverkalkung eines sicheren aber unrühmlichen Todes zu sterben.

Doch dann verlor Heiligendamm sein Gesicht - während des 2. Weltkrieges bekam die Stadt einen Tarnanstrich. Nach dem krieg machte die Rote Armee hier Quartier. Bis 1947 - da fasste die Landesregierung in Schwerin den Beschluss, das Seebad für die Genesendenfürsorge, wie es hieß, zur Verfügung zu stellen. In der Landeszeitung für Mecklenburg las man im Oktober 1948

Die Sozialversicherungsanstalt hat die dankbare und schwierige Aufgabe übernommen, Heiligendamm wieder erstehen zu lassen: Als Kur und Erholungsstätte für das schaffende Volk. Die exklusive, bessere Gesellschaft wird sich nie mehr auf Kosten der Werktätigen von Ihrem Drohnendasein erholen. Wir betreten die neu hergerichteten Häuser, wohlige Wärme schlägt uns entgegen. Blumen und weiße Decken zieren die Tische, alles strömt wohlige Behaglichkeit aus.

"Wir haben als Jugendliche immer vom Kurschritt gesprochen, der Kurschritt ist eine verlangsamte Bewegung, kein Mensch, der da zur Kur war, war in Hetze. Das hat sich so auf diesen Ort ausgewirkt, es gab so eine Art der Verlangsamung."

Wolf Karge, der Historiker, erinnert sich an seine Jugendjahre

" Um 10 war Nachtruhe und um 19 Uhr mussten die Patienten auch in den Häusern sein, denn später war die Haustür zu und sie kamen nicht mehr rein und es gab Zimmerdurchgänge und wenn dann jemand fehlte und die Sache wurde ruchbar, dann gab´s Kurabbruch und das heißt selbst bezahlen."

Herr Kaschube hört sich zwar an, wie jemand aus dem tiefen Westen, aber geboren ist er in Mecklenburg

"Wenn man mal den Vergleich anstellt zu 1990. Um 200 Prozent hat sich das verändert, was hier also... die Infrastruktur - auch die Hotelkapazitäten also das hat es ja überhaupt nicht gegeben in der Form."

Zusammen mit seiner Frau Hannelore macht er im benachbarten Kühlungsborn Urlaub.
Weil der Fremdenführer nicht kommt, klärt er Frau Muth aus Düsseldorf, die in der Kurklinik ein Rückenleiden musste auskuriert, ein wenig über die jüngere Geschichte des Seebades auf

"Ja das war was für die privilegierten im Grunde genommen, mein Schwiegervater hat erzählt, dass er hier gekurt hat, konnte man sich das leisten? Nein, man wurde hierin geschickt das war so üblich, bis zu Wende war das, dann sind die Häuser hier alle zerfallen, was war denn in diesen Häusern, das waren Sanatorien, und das Kurhaus, da haben die dann gesessen, da hab ich noch Fotos. da darf man heute, als Otto Normalverbraucher, nicht mehr rein, doch da darf man einen Kaffee trinken."

Heiligendamm wurde wieder weiß. 2003 eröffnete as Luxusressort Kempinski am Meer. 16. km Stuck von Hand gezogen. Die Spiegel in den Aufzügen künstlich gealtert, die Haltegriffe in Leder gefasst. Die ausladenden Sessel mit den kurzen Pfötchenfüßen sind weißlasiert und auf alt getrimmt. Jede Ecke eine Zeitreise in die gute alte Zeit, die nicht verantwortlich ist für die schlechte von heute. Ein Ort, an dem es alles gibt, außer Terminen und Streß, so wirbt der Prospekt um Investoren und Gäste. Gäste, die mehr als nur eine Bratwurst verkonsumieren. Doch wer kam, das waren die Tagestouristen. Busseweise - Reiche gucken - die blieben weg. Und als der Investor das Hotelgelände absperren wollte, da regte sich Widerstand. Tief verwurzelt ist das Gefühl, das Seebad sei Volkseigentum. Die Geschichte wiederholt sich.

"Dadurch, dass in Heiligendamm von Beginn an ein Armenhaus existierte, also ein Haus in dem Kranke kostenlos aufgenommen wurden. Das waren nicht viele, aber sie waren präsent und diese Leute waren natürlich für die bessere Gesellschaft nicht so anregend, wenn sie da flanierten.

Nun kann man der Meinung sein, das alles hätte man anders und besser machen können man hätte aber erst einmal jemanden haben müssen der das anders und besser macht. Dass man daraus schon wieder ein Nobelbad macht das hängt damit zusammen, es ist es immer gewesen.

Das ist ein Mythos, und über Mythen wissen sie kann an schlecht reden, man muss sie erleben. Dieser Mythos besteht in einer wunderbaren Verbindung zwischen Architektur und Landschaft. Es ist die Erhabenheit der Meereslandschaft ohnehin, des weiten Blickes zum Meer. Es sind die großen Freiflächen dieser Anlage, die sich zum Meer öffnen, es ist der Zauber der Jahreszeiten, den man hier erlebt ..."

Der Buchenwald, der im heißen Sommer schatten spendet - Gespensterwald vor vielen Generationen genannt. Wie eine Fata Morgana blitzt die weiße Kulisse durch die knorrigen Stämme - ein unwirkliches Paradies. Wenn man sich zeit nimmt, es zu entdecken..

Das abstrakte Heiligendamm ist märchenhaft schön und prächtig! Des Süden Reiz und die Romantik des Nordens vereinigen sich in der Nähe des Meeres. Berauschend der Duft der Lindenblüte des frisch gemähten Heues, wenn der Meereshauch sie durch die Luft trägt. Ländliche Tage sanft und still, ein himmlisches Bett nahe dem Brückensteg."

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