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StartseiteForschung aktuellÜberlebende des Umbruchs05.05.2006

Überlebende des Umbruchs

Rippenquallen als Nachfahren der urtümlichen Ediacara-Fauna

Paläontologie. - Vor rund einer halben Milliarde Jahre tauchten innerhalb kurzer Zeit eine enorme Vielzahl neuer Tierstämme auf. Das Ereignis wird "Kambrische Artenexplosion" genannt, und es gehört zu den großen Rätseln der Evolution. Ein paar Millionen Jahre zuvor hatte ein früherer Evolutionsversuch weniger Glück: Die Ediacara-Fossilien schienen mit der kambrischen Artenexplosion spurlos verschwunden zu sein. Neue Funde in China legen nahe, dass es sie vielleicht sogar heute noch gibt: Als Rippenquallen soll eine Form von ihnen immer noch durch die Meere schwimmen.

Überlebender einer untergegangenen Zeit: der kambrische Vendobiont "Stromatoveris psygmoglena" überlebte vor 540 Millionen Jahren als einer der wenigen den Beginn des modernen Lebens. (Science)
Überlebender einer untergegangenen Zeit: der kambrische Vendobiont "Stromatoveris psygmoglena" überlebte vor 540 Millionen Jahren als einer der wenigen den Beginn des modernen Lebens. (Science)
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Sie sehen schon seltsam aus, die Angehörigen der Ediacara-Fossilien: Manche haben etwas von einem Palmwedel, andere mehr von einer Matratze, wieder andere einem großen Sack:

"Es ist ungeheuer schwierig, hinter den Ediacara-Fossilien einen evolutionären Sinn zu entdecken. Sie erscheinen uns wie ein eigenständiges Experiment, das dann verschwunden ist, um mit der Kambrischen Explosion den Tieren Platz zu machen. Wir glauben nun jedoch Beweise zu haben, dass diese seltsamen Lebewesen einen zentralen Schritt in der frühen Entwicklung der Tiere darstellen."

Simon Conway Morris von der University of Cambridge. Diese Beweise stammen aus Südwestchina. Die Yünnan-Provinz ist ein Dorado für Paläontologen, die sich mit der Kambrischen Explosion beschäftigen, als die Evolution vor rund 540 Millionen Jahren mit einem Mal alle wichtigen Baupläne der Tiere hervorbrachte. Conway Morris:

"Hier werden seit einigen Jahren fabelhafte Entdeckungen gemacht. Vor kurzem fanden wir Fossilien, die sehr stark denen der rätselhaften Ediacara-Fossilien gleichen - nur, dass sie ein paar Millionen Jahre zu spät im Kambrium lebten. Diese Wesen sehen aus wie Farnwedel. Ihr Körper ist nur vier oder fünf Zentimeter lang, sie saßen auf einem Stiel auf dem Ozeangrund, und ihr Körper zeigt auf der einen Seite eine Reihe von Verzweigungen."

Da gibt es etwas noch Bemerkenswerteres: Denn vielleicht existiert heute noch ein entfernter Abkömmling: die Rippenqualle. Conway Morris:

"Das ist eine Gruppe von räuberischen Meerestieren, die durchs Meer schwimmen oder sich treiben lassen. Rippenquallen sind sehr häufig, aber wir konnten sie niemals einordnen."

In der Evolution entwickelt sich ein Lebewesen immer aus einem anderen heraus, weshalb sich beispielsweise alle Insekten oder Schnecken gleichen. Einzig die Rippenquallen bevölkern zwar zahlreich und mit vielen Arten die Meere, aber sie schienen keine Verwandten zu haben. Conway Morris:

"Im Grunde sehen sie aus wie ein kleiner Fußball mit acht Reihen, auf denen "Wimpern" sitzen. Die sind miteinander zu Geißelplättchen verschmolzen und mit ihnen bewegen sich die Rippenquallen fort. Wir kennen keine andere Tiergruppe mit diesem Bauplan. Nichts gleicht ihnen. Trotzdem müssen die Rippenquallen von irgendetwas abstammen. Vor der Entdeckung der Chengjiang-Fossilien hatten wir nicht die geringste Ahnung, woher sie kommen könnten."

Die farnartigen Tiere sollen endlich Licht in das Dunkel der Rippenquallenevolution bringen. Conway Morris:

"Auf den ersten Blick sehen sie zwar vollkommen anders aus als die Rippenquallen, aber wir glauben beweisen zu können, dass zwei so unterschiedlich aussehende Gruppen trotzdem eine gemeinsame Evolutionsgeschichte haben."

Und zwar ist es die Struktur der sich verzweigenden "Kämme" auf den Wedeln der Chengjiang-Fossilien. Sie gleichen frappierend den bewimperten Quallenrippen. Stimmt diese Interpretation, lebten heute noch späte Nachfahren der Ediacara-Wesen. Conway Morris:

"Die Ediacara-Fossilien sind sehr rätselhaft, aber sie bilden anscheinend die Basis für die Evolution der heutigen Tiere, die damit also zehn bis 15 Millionen Jahre vor der Kambrischen Artenexplosion gelegt worden wäre. Die meisten Angehörigen der Ediacara-Fossilien verschwanden, aber für die Rippenquallen können wir jetzt auf die Fossilien in China deuten und sagen: Schaut her, hier sind sie, hier sind die Ahnen."

Damit wären die Urahnen unserer Tiere auf die Ediacara-Welt zu suchen, die Evolution hätte keine Zaubertricks eingesetzt. Vielmehr galt Darwins Prinzip, dass sich ein Lebewesen aus einem anderen entwickelt. Die Ahnen der Rippenqualle steckten damals jedoch noch im Meeresboden, sie emanzipierten sich erst später zu Schwimmern.

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