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StartseiteCorsoMusiker in Afrika drängen in die Politik 09.10.2018

Uganda und KongoMusiker in Afrika drängen in die Politik

Veränderung von innen heraus: Immer mehr afrikanische Musiker wechseln in die Politik, um gegen Korruption, Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen. Sie können deutlicher Kritik üben, weil ihre Berühmtheit sie - in Maßen - vor den Übergriffen der Mächtigen schützt.

Von Bettina Rühl

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Demonstrierende unterstützen den ungandischen Politiker Robert Kyagulanyi Ssentamu, auch bekannt als Bobi Wine. 23.8.18, London, Downing Street (imago stock&people (Alberto Pezzali))
Musiker arbeiten am Machtwechsel - nicht nur in Uganda finden sie in Unterstützer (imago stock&people (Alberto Pezzali))
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"Das ist eine Botschaft an die Regierung, eine Botschaft mit der Meinung des Volkes. Wir haben die Nase voll von denen, die uns unterdrücken. Die ganze Nation lebt im Elend. Das Volk sagt: Was einmal eine Demokratie war, ist zu einer bloßen Fassade verkommen. Statt radikaler Veränderung nur noch Stillstand. Und das Volk sendet eine Warnung: Vergreift Euch nicht an der Verfassung, denn die ist unsere letzte Hoffnung."

Dieser "Freedom Song" von Bobi Wine ist in Uganda in kürzester Zeit zu einem Kult-Song geworden - und der 35-jährige Rapmusiker zum Idol der Jugend. Das macht ihn in den Augen des 74-jährigen Präsidenten Yoweri Museveni zu einem gefährlichen Staatsfeind.

Bobi Wine als Vertreter der jungen Generation

Bobi Wine, der mit bürgerlichem Namen Robert Kyangulanyi heißt, hat eine riesige Hausmacht: Fast achtzig Prozent der ugandischen Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre. Wiederum achtzig Prozent von ihnen haben keinen regulären Job. In Bobi Wine sehen sie einen der ihren, der sie vor den Mächtigen vertritt: Der Musiker wurde in einem Slum der Hauptstadt geboren. Seit einem Jahr sitzt er als Parteiloser im ugandischen Parlament. Über die entscheidende Wende in seinem Leben sagte er einem kenianischen Journalisten: 

"Ich war anfangs einfach ein Künstler, habe meine Musik gemacht und jede Menge Geld verdient. Ich habe mir über nichts Gedanken gemacht. Bis ich eines Tages von einem Soldaten angegriffen wurde. Einfach nur, weil ich mit meinem neuen Cadillac Escalade durch die Stadt fuhr, also in einem sehr teuren Auto. Das hat mir die Augen für die Ungerechtigkeit und Willkür in diesem Staat geöffnet, über die ich mir vorher nie Gedanken gemacht hatte. Früher habe ich die üblichen belanglosen Texte geschrieben, jetzt thematisiere ich das, was die Bevölkerung bedrückt."

Ruhm als Schutzmantel?

Sehr zum Missfallen von Präsident Yoweri Museveni. Der einstige Freiheitskämpfer regiert das ostafrikanische Land seit über 30 Jahren und mit immer härterer Hand. Im August wurde Bobi Wine verhaftet, in Haft gefoltert und wegen Hochverrats angeklagt. Seine Bekanntheit als Musiker hat ihn vor Schlimmerem bewahrt. Immerhin ist er wieder auf freiem Fuß, auch wenn das Verfahren wegen Hochverrats weiter anhängig ist. Womöglich ist dieser Schutzmantel des Ruhms einer der Gründe dafür, weshalb sich immer mehr afrikanische Musiker als Kritiker ihrer Regierungen in die Politik wagen.

Lexxus Legal kandidiert für das kongolesische Parlament

Das gilt auch für den Kongolesen Lexxus Legal. Der 39-jährige Rapper Lexxus Legal hat sich wie Bobi Wine als rebellischer Freund klarer Worte einen Namen gemacht. In dem Song "Cas Na Nga" klagt er gegen Massaker und Menschenrechtsverletzungen in der kongolesischen Provinz Kassai durch die kongolesische Armee und Milizionäre. Von der Musik will Lexxus Legal nun in die Politik wechseln und kandidiert bei der Wahl im Dezember um einen Sitz im kongolesischen Parlament.

"Meine Kandidatur ist eine logische Folge dessen, was ich immer schon gemacht habe. Wer wissen will, was meine politischen Ziele sind, braucht nur meine Lieder zu hören. Durch meine Kandidatur ändert sich nichts. Die Leute können mich also immer noch Lexxus Legal nennen."

Viel Stoff für kritische Texte

An Stoff für seine Songtexte fehlte es nie: Dank vieler Rohstoffe könnte die Bevölkerung ein gutes Auskommen haben. Tatsächlich ist der Kongo aber seit vielen Jahren Schauplatz einer humanitären Katastrophe. Vor Kriegen und Konflikten sind innerhalb des Landes rund viereinhalb Millionen Menschen auf der Flucht. Laut den Vereinten Nationen verhungern im Kongo jeden Tag 440 Kinder. Die 80 Millionen Kongolesen stellen ein Prozent der Weltbevölkerung - aber 12 Prozent der weltweit Hungernden. Reich wird im Kongo nur die politische Elite. Allen voran Präsident Joseph Kabila und seine Familie. Kabilas persönliches Vermögen wird auf 15 Milliarden US-Dollar geschätzt, aufgehäuft seit 2001. Solche Verhältnisse kritisiert Lexxus Legal seit mehr als zwanzig Jahren.

"Die Menschen aus der Kultur müssen ins Zentrum der Macht gehen. Nicht, um einfach nur parlamentarische Mehrheiten zu bilden, sondern um das Wesentliche in die Debatten zurückzuholen. Und was ist das Wesentliche? Soziale Gerechtigkeit."

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