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Ukraine-Konflikt
Verzweifelte Suche nach den Tätern

Bei Kämpfen in der Ostukraine verlor Natalja Schuk ihre Tochter und ihre Enkelin. Hinnehmen will sie diesen schweren Schicksalsschlag nicht. Die Ostukrainerin, die derzeit in Kiew lebt, verlangt von den Behörden Unterstützung bei der Suche nach den Verantwortlichen - mit mäßigem Erfolg.

Von Florian Kellermann | 25.09.2014

Der Schewtschenko-Park ist einer der wenigen Orte in Kiew, den Natalja Schuk schon ganz gut kennt. Ganz in der Nähe befindet sich die Wolodymyr-Kirche, eine der größten orthodoxen Kirchen der Stadt. Dort zündet Natalja regelmäßig Kerzen an - für ihre Tochter Kristina und ihre Enkeltochter Kira. Die beiden kamen im Juli ums Leben, beim Artillerie-Beschuss der Stadt Horliwka in der Ostukraine. Kristina war 23 Jahre und Kira zehn Monate alt.
Natalja hat sich im Park auf eine Bank gesetzt, in die warme Herbstsonne. Aber wohlfühlt sie sich hier nicht.
"Ich war vor einem Jahr zum ersten Mal in Kiew und war begeistert: die großen Parks, die alten Kirchen. Jetzt habe ich keine Augen mehr für diese Schönheit. Ich sehe die Kiewer, wie sie ihre Trachtenhemden tragen und sich mit Kränzen schmücken - als Zeichen, dass sie Patrioten sind. Aber unsere jungen Leute sterben einfach, so zeigen sie ihren Patriotismus."
Fast der Tragödie entkommen
Fast wären ihre beiden Mädchen der Tragödie entkommen. Tagelang suchte Natalja nach einer Möglichkeit, das von Separatisten besetzte Horliwka zu verlassen. Gerade an jenem Tag, als die Raketen flogen, hatte sie einen Fahrer gefunden. Außer sich vor Freude rief sie ihre Tochter Kristina an - da hörte sie schon die Explosionen. Kristina war mit der kleinen Kira in der Grünanlage bei ihrem Haus. Verzweifelt rannte Natalja aus der Wohnung, stolperte über die Bombenkrater und wühlte in den Erdhaufen. Aber ein Mann war mit dem Auto vorbeigefahren und hatte die Leichen schon in die Leichenhalle gebracht.
"Als ich meine Kinder dort gefunden habe, hat mir der Arzt gesagt: Sie haben noch Glück gehabt. Wenigstens sind ihre Gesichter erhalten. Er wollte mich beruhigen, aber ich habe ihn nicht verstanden, erst am nächsten Tag. Er meinte: Andere Opfer werden von dem Bomben einfach zerfetzt, sie sind kaum mehr zu erkennen."
Natalja zieht die Sonnenbrille ins Gesicht, sie weint. Bis zu jenem Tag war sie eine glückliche Frau. Die gelernte Schneiderin arbeitete mal in einem Modegeschäft, mal als Maklerin. Ihre Kinder zog sie alleine groß. Tochter Kristina, die bei ihr wohnte, sang der kleinen Kira Lieder auf Englisch und Französisch vor, sie sollte ein kluges Mädchen werden.
Wie Natalja nach der Beerdigung nach Kiew kam, kann sie gar nicht mehr genau beschreiben. Ein Bekannter fuhr sie zum Bahnhof und setzte sie in den Zug. In Kiew wohnt und studiert ihre zweite Tochter Dascha.
Suche nach den Schuldigen
Erst in der Hauptstadt erkannte Natalja, dass sie ihr Leid nicht einfach so hinnehmen will. Sie ging zur Polizei und zum Geheimdienst und erstattete Anzeige. Sie will, dass die Schuldigen bestraft werden.
"Alle in Horliwka sind überzeugt, dass es die Regierungstruppen waren, die an diesem Tag die Stadt mit Raketen beschossen haben. Ich wünsche mir, dass es nicht so war, denn sonst hätte doch mein eigenes Land meine Kinder getötet. Ich möchte, dass der Staat das untersucht, das ist sehr wichtig. Vielleicht ist es den Menschen hier in Kiew egal, aber für uns im Osten ist das sehr wichtig."
Die ukrainischen Streitkräfte beteuern offiziell, dass sie Wohnviertel nicht beschossen haben. Natalja kann das nicht glauben. Immer wieder spricht sie auf der Straße Soldaten an, die aus dem Osten kommen und fragt sie: "Auf wen habt ihr geschossen?" Die Antwort lautet immer: "Auf Separatisten." Aber die separatistischen Kämpfer halten sich eben oft in unmittelbarer Nähe von Wohngebäuden auf.
Wenige Tage, bevor Kristina und Kira starben, rückten ukrainische Streitkräfte in den Ort Dzerschinsk vor, 15 Kilometer von Horliwka entfernt. Die Raketen, die das Wohnviertel trafen, haben eine Reichweite von bis zu 30 Kilometern.
Polizei und Geheimdienst nahmen die Anzeige von Natalja zwar auf. Eine Untersuchung sei aber derzeit nicht möglich, erfuhr sie, schließlich kontrollierten die Separatisten Horliwka. Natalja fühlt sich alleine gelassen.
"Ich habe die Rede des Präsidenten am Unabhängigkeitstag gehört. Er hat die Demonstranten erwähnt, die im Winter in Kiew erschossen wurden. Auch die gefallenen Soldaten kamen vor, ebenso die Passagiere des malaysischen Flugzeugs, das abstürzte - und der litauische Honorarkonsul, den Separatisten ermordet haben. Aber kein Wort über die getöteten Bewohner des Donezkbecken, kein einziges Wort."
Natalja will nicht aufgeben. Sie hat einen Brief an die Gattin des Präsidenten geschrieben - mit der Bitte um Hilfe. Bis jetzt ohne Antwort. Außerdem sucht sie nach den Angehörigen anderer Opfer. Gemeinsam, so hofft sie, könnten sie sich eher Gehör verschaffen.