Freitag, 27. Mai 2022

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Ukraine: Rätsel um Juschtschenkos Vergiftung

Der Fall des vergifteten russischen Ex-Spions Litvinenko interessiert in der Ukraine kaum jemanden. Und das, obwohl Präsident Viktor Juschtschenko im Herbst 2004 selbst Opfer eines Giftanschlags wurde. Ob Moskau dabei seinerzeit die Finger im Spiel hatte, um Juschtschenko, den pro-westlichen Helden der Orangenen Revolution loszuwerden, ist ungeklärt. Es ist geradezu auffällig ruhig geworden um dieses Thema. Warum, das berichtet Florian Kellermann aus Kiew.

14.12.2006

Juschtschenko: "Wir wollen endlich wie Menschen leben. Wir wollen, dass unsere Rechte geachtet werden. Die zynische Regierung kennt keine Gesetze. Wir haben es mit Verbrechern an der Macht zu tun. Ihnen geht es nur darum, ihre Herrschaft um jeden Preis zu verlängern."

Die Zunge schwer, das Gesicht aufgedunsen, die Sprache voller Verachtung für die Machthaber - so trat Viktor Juschtschenko im September 2004 vor seine Anhänger. Der heutige Präsident war damals gerade aus Wien zurückgekommen. Aus dem Rudolphinerhaus, einer Spezialklinik, die Vergiftungen behandelt.

Weder Juschtschenko noch seine Anhänger zweifelten damals daran, dass die Regierung von Präsident Leonid Kutschma einen Mordanschlag auf ihn verübt hatte. Denn der oppositionelle Juschtschenko hatte die besten Chancen, die anstehende Präsidentenwahl zu gewinnen. Vermutlich sei er bei einem Abendessen mit dem ukrainischen Geheimdienst-Chef vergiftet worden, hieß es.

"Banditen ins Gefängnis" - diesen einstigen Wahlspruch von Juschtschenko benutzen inzwischen auch andere Politiker. Und verweisen darauf, dass der Präsident seine eigenes Versprechen gebrochen hat.

Denn er selbst tut nur wenig, um das mutmaßliche Verbrechen an ihm aufzuklären. Daran hat auch der Tod des ehemaligen russischen Geheimdienst-Agenten Alexander Litwinenko in London nichts geändert. Der Vorfall wurde in der Ukraine zwar registriert, aber fast niemand bringt ihn bis dato in Verbindung mit Juschtschenko.

Warum der Präsident so zurückhaltend ist, darüber gibt es nur Vermutungen. Der Kiewer Politologe Wolodymyr Fesenko:

"Es kann sein, dass Juschtschenko selbst gar kein Interesse an einer Aufklärung hat. Vielleicht hat er persönliche Motive, vielleicht einen Verdacht gegen jemanden, mit dem er damals eng verbunden - politisch oder freundschaftlich. Aber eigentlich glaube ich das nicht. Wenn Juschtschenko etwas wüsste, das ihm schaden könnte, dann wüssten das auch seine Gegner. Und die hätten es längst an die große Glocke gehängt."

Eine andere Theorie stützt sich auf Gerüchte, die schon während der orangefarbenen Revolution in Kiew die Runde machten: Juschtschenko, so heißt es seit jeher, habe sich mit den alten Machthabern abgesprochen. Nach dem Motto: Wir lassen Dich mit Deiner Revolution gewähren, und Du zerrst uns als Präsident nicht vor Gericht.

Wolodymyr Fesenko dagegen sieht den Grund für die schleppenden Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft.

"Sie lässt solche Ermittlungen, die zu unklaren politischen Folgen führen können, lieber bleiben. Sie möchte es einfach mit keiner politischen Partei verderben. Zudem misstraut Juschtschenko der Staatsanwaltschaft. Denn sie nähert sich immer mehr der Regierung an, und seit August ist ja Juschtschenkos Erzrivale Wiktor Janukowytsch Ministerpräsident. Der neue stellvertretende Generalstaatsanwalt steht übrigens dem Donezker Wirtschaftsklan nahe, dem auch Janukowytsch angehört."

Und noch ein anderes Verbrechen gibt es, das die Geschichte der Ukraine geprägt hat und für das Wiktor Juschtschenko Aufklärung versprochen hat: nämlich die Ermordung des kritischen Journalisten Georgi Gongadse im Jahr 2000. Drei Ex-Milizionäre stehe derzeit zwar vor Gericht, aber die mutmaßlichen Drahtzieher in der Regierung werden nicht einmal als Zeugen geladen.

Immerhin 200 junge Menschen versammelten sich in diesem Herbst noch zu Gongadses Todestag im September und zogen schweigend vor den Amtssitz von Präsident Juschtschenko.

Ein stummer Protest, erklärt der 24-jährige Doktor der Informationstechnologie Serhij Halytsch:

"Dass die Funktionäre im Fall Gongadse nicht gegeneinander aussagen, ist klar. Da wäscht eine Hand die andere. Juschtschenko hat hier nichts zur Aufklärung beigetragen. Wenn er die Sache bis jetzt nicht vorangetrieben hat, dann tut er es auch in den nächsten zehn Jahren nicht. Aber dass ihn seine eigene Vergiftung nicht interessiert, dass kann ich mir nicht erklären. Da fehlen mir die Worte - darüber bin ich ehrlich gesagt maßlos enttäuscht. "