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StartseiteKultur heutePermanente Revolution07.04.2018

Ukrainische Gegenwartskunst in BudapestPermanente Revolution

Das Ludwig Museum Budapest zeigt gegenwärtig eine Schau mit ukrainischer Gegenwartskunst. Es handelt sich um eine Art ästhetische Diplomatie zwischen den verfeindeten Nachbarn.

Von Wilhelm Droste

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Fotografie der Vorderansicht des Ludwig Museums in Budapest, Ungarn (imago / Matthias Hauser)
Ludwig Museum Palast der Künste Budapest (imago / Matthias Hauser)
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Es gibt bösen diplomatischen Streit zwischen den beiden Ländern, denn in der Karpatenukraine leben ungarische Minderheiten, denen erschwert werden soll, ungarisch zu lehren und zu lernen. So wird Kunst auch hier wieder einmal mehr zur besseren Diplomatin, wenn Politik den Geist aufgibt.

Mit dem vitalen Interesse an der aktuellen Kunst des Nachbarn war nicht unbedingt zu rechnen. Die ostmitteleuropäischen Länder sind leider so stark mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt und in gegenseitiger Konkurrenz befangen, dass freie und ungetrübte Blicke über die Grenzen kaum gelingen wollen. Ungarn fiebert den Wahlen am Sonntag entgegen, obwohl mit tragischer Wahrscheinlichkeit alles so traurig bleiben wird, wie es ist. Gerade in einem solchen Moment aber sind Blicke in eine andere Welt besonders bedeutsam.

Und diese ukrainische Welt ist in der Tat anders. Viel stärker als in Ungarn ist in nahezu jedem Werk zu spüren, dass wir uns hier auf dem still gelegten und verwüstet zurückgebliebenen Betriebsgelände eines restlos gescheiterten Staatskommunismus befinden. Diese gespenstische Stilllegung aber brüllt und schreit, denn das Leben muss seine neuen Orte suchen und finden inmitten dieser Trümmer. Für die ermutigende Qualität der ausgestellten Werke spricht, dass sie nahezu alle aktiv und engagiert parteilich eingreifen in den tobenden Kampf um neue Lebensperspektiven, sich dabei aber eine Souveränität bewahren, die sie erhebt über die Blindheiten der eben aktuellen Katastrophen vom Tage. Nicht zufällig dominieren Collagen und Montagen, verfremdete Fotos und ironisierte Monumente, beißende Filme und Installationen das Geschehen.

Welt aus den Fugen

Das Titelfoto der Ausstellung ist klug gewählt, ein Bild aus einer Serie von Yevgen Nikiforov. Ein umgestürzt wirkender Baukran ragt über eine Asphaltstraße im menschenlosen Niemandsland. Fragmente eines heroisch vorangaloppierenden Bronzepferdes sind an die Spitze des Kranes montiert. Ein monumentaler Krieger mit wehendem Mantel bläst in sein Horn. Man muss dieses Chaos aus falschem Pathos und morbider Technik nicht sachkundig verstehen, um zu begreifen, wie tief diese Welt aus den Fugen geraten ist und auf Erlösung wartet.

Befreiende Kunst entsteht in der fixierten Gleichzeitigkeit von absoluter Nähe und unantastbarer Distanz. Hier haben die Kuratoren ganze Arbeit geleistet. Eine Qualität wird sichtbar, die aus sicherlich anderen Gründen gerade das heutige Ungarn so dringend benötigt: Der Ausflug in die nahe ukrainische Fremde kann elementar helfen, den ungarischen Befangenheiten mutiger und klüger Widerstand zu leisten, sich mit den Augen der Kunst fragend in die eigenen Augen zu schauen.

Eine merkwürdige Brechung des Gezeigten produziert der Ort der Ausstellung. Der Palast der Künste ist einer der schönsten Neubauten der Stadt mit großen Fenstern und Terrassen, die das bezaubernde Budapest von seiner reizvollsten Seite zeigen. Dieser Gegensatz von verletzter Zerstörung in den Kunstwerken und dem so außergewöhnlich gut geglückten Ort gibt der Ausstellung eine zusätzliche Vibration. Selbst ein Bertolt Brecht könnte nicht eindringlicher verfremden.

Ein schöner und nützlicher Katalog begleitet die präsentierten Werke. Ausführlich sind die Kommentare zu den 37 Werkkomplexen, die der Betrachter dankbar studiert, denn die meisten Arbeiten reagieren vehement auf die turbulenten Ereignisse der ukrainischen Gegenwart, da schadet es nicht, von den Hintergründen zu erfahren.

Die Entscheidung für den Titel der Ausstellung ist mutig. "Permanente Revolution", das klingt nach Karl Marx und Rosa Luxemburg, vor allem aber natürlich nach Leo Trotzki, gefährlich und reizvoll zugleich. Kunst und Gesellschaft der Ukraine befinden sich in diesem heißen Prozess der ständigen Ab- und Auflösung, in dem bislang leider nur die Kunst eine radikale Veränderung andeuten und aufzeigen kann. Die Gesellschaft fällt immer wieder zurück in alte und fatale Muster, bleibt trostlos stecken im permanenten Heute.      

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