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Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge

Die Remigranten aus der Sowjetunion waren in der DDR Menschen ohne vorzeigbares Schicksal. Ihre Rückkehr erkauften die meisten mit der Verpflichtung zum Verschweigen ihrer Gulag-Erfahrungen. Zum Schweigen verurteilt waren auch die Sowjetbürger, die deutsche Kriegsgefangenenlager überlebt hatten oder nach 45 aus der Zwangsarbeit entlassen wurden. In der siegreichen Sowjetunion galten sie als Kollaborateure und Verräter. Und auch in der Bundesrepublik sollte es sehr lange dauern, bis man sich zur Verantwortung für diese Opfer des Nationalsozialismus bekannte. Erst im August 2000 schuf der Bundestag die gesetzlichen Voraussetzungen für die Auszahlung von 10 Milliarden DM an ehemalige Zwangsarbeiter. Damit glaubte man die peinliche Debatte beendet zu haben, die Wirtschaft und Politik jahrelang unter dem euphemistischen Stichwort "Zwangsarbeiterentschädigung" geführt hatten. Im Juni letzten Jahres wurde mit der Auszahlung begonnen, und ein Viertel der wenigen noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter haben inzwischen immerhin die erste Rate des ihnen zugebilligten Geldes erhalten. Mindestens drei Jahre wird es noch dauern, bis alle Anträge bürokratisch korrekt geprüft und die 10 Milliarden ausgezahlt sind. Das zum Stand der fiskalischen Abwicklung. Was der Buchmarkt zum Thema hergibt, sagt Ihnen nun Elke Suhr.

Elke Suhr | 04.02.2002
    Die Remigranten aus der Sowjetunion waren in der DDR Menschen ohne vorzeigbares Schicksal. Ihre Rückkehr erkauften die meisten mit der Verpflichtung zum Verschweigen ihrer Gulag-Erfahrungen. Zum Schweigen verurteilt waren auch die Sowjetbürger, die deutsche Kriegsgefangenenlager überlebt hatten oder nach 45 aus der Zwangsarbeit entlassen wurden. In der siegreichen Sowjetunion galten sie als Kollaborateure und Verräter. Und auch in der Bundesrepublik sollte es sehr lange dauern, bis man sich zur Verantwortung für diese Opfer des Nationalsozialismus bekannte. Erst im August 2000 schuf der Bundestag die gesetzlichen Voraussetzungen für die Auszahlung von 10 Milliarden DM an ehemalige Zwangsarbeiter. Damit glaubte man die peinliche Debatte beendet zu haben, die Wirtschaft und Politik jahrelang unter dem euphemistischen Stichwort "Zwangsarbeiterentschädigung" geführt hatten. Im Juni letzten Jahres wurde mit der Auszahlung begonnen, und ein Viertel der wenigen noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter haben inzwischen immerhin die erste Rate des ihnen zugebilligten Geldes erhalten. Mindestens drei Jahre wird es noch dauern, bis alle Anträge bürokratisch korrekt geprüft und die 10 Milliarden ausgezahlt sind. Das zum Stand der fiskalischen Abwicklung. Was der Buchmarkt zum Thema hergibt, sagt Ihnen nun Elke Suhr.

    Erst wenn die Frage der Entschädigung für Zwangsarbeit gelöst ist, so scheint es, wird der "Zwangsarbeitereinsatz" endgültig ein Teil allein der Geschichte.

    Man wird nicht recht schlau aus Ulrich Herberts Schlusssatz über Zwangsarbeit in der NS-Zeit, die nur einen kleinen Teil seiner neuen Studie "Geschichte der Ausländerpolitik" ausmacht. Glaubt er wirklich, dass mit den zehn Milliarden, die Wirtschaft und Politik bewilligten, der sprichwörtliche Schlussstrich unter die Versklavung von über zehn Millionen Menschen gezogen sei?

    Der Untertitel seines Buches bringt "Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge" auf einen Nenner. Er sieht also von der vielbeschworenen "Singularität" der NS-Verbrechen ab.

    1985 schon veröffentlichte Herbert die Pionierarbeit: "Politik und Praxis des 'Ausländer-Einsatzes? in der Kriegswirtschaft", auf die sich alle jüngeren Schriften gründen. Nun, wo das Thema Konjunktur hat, fasst er die Sache auf knapp sechzig Seiten zusammen. So brillant und abgeklärt, wie es nur Menschen können, die sehr lange und sorgsam zur Sache gearbeitet haben. Herbert zieht eine Linie vom verspäteten Nationalstaat und dem deutschen Minderwertigkeitskomplex über den Antisemitismus in der Weimarer Republik bis hin zur Ausländerfeindlichkeit heute. Er erinnert daran, dass es seit dem Beginn des Kalten Krieges kein Unrechtsbewusstsein gegenüber den Ostarbeitern gab. Diese historische Verantwortungslosigkeit hat aber schwer am nationalen Selbstbewusstsein der Deutschen genagt und neue Aggressionen gegen Ausländer geweckt: Ausgrenzung als Kompensation des Mangels echter nationaler Identität. Während Herbert seinen Schlussstrich zieht, haben andere das Thema "Zwangsarbeit" gerade erst für sich entdeckt.