Ultra-MarathonDie Gefahr läuft mit

Trotz dramatischer Todesfälle ist Ultra-Marathon eine Boom-Sportart. Sie lockt Ausdauerathleten an, die nach der nächsten großen Herausforderung suchen. Auch in Deutschland, wo im kommenden August in Bernau die Weltmeisterschaft über 100 Kilometer stattfindet.

Von Jürgen Kalwa | 16.10.2021

Sport Bilder des Tages May 22, 2021, Menorca, Spain: Trail runners participate at the 2nd day in the Menorca Trail Cami de Cavalls around the Balearic Island, one of the longest in Europe. Due to the COVID-19 crisis, the 2021 edition of this 185km ultra-trail is split into two parts to comply with the ongoing curfew between 11 pm and 6 am. Spain - ZUMAo105 20210522_zap_o105_001 Copyright: xMatthiasxOesterlex
Auf der spanischen Insel Menorca fand im Mai ein Ultra-Marathon über 185 Kilometer statt. (IMAGO / ZUMA Wire)
Der Winter kommt in manchen Jahren an den Westhängen der Rocky Mountains völlig unerwartet. So wie vor einer Woche nördlich von Salt Lake City. Dort wurde ein lange geplanter Ultra-Marathon durch bergiges Gelände durch einen plötzlichen Schneesturm zu einem Wettlauf um Leben und Tod.
Alle 87 Läuferinnen und Läufer sind noch einmal davongekommen, wenn auch teilweise mit Erfrierungen. Aber vor allem deshalb, weil Rettungseinheiten alle Versprengten eingesammelt und in Sicherheit gebracht haben.
Ganz anders als bei einem 100-Kilometer-Rennen im Mai in der chinesischen Provinz Gansu. Dort sterben 21 Athleten unter ähnlichen Bedingungen. Darunter: Liang Jing, der 2018 den 400 Kilometer langen Ultra-Lauf durch die Wüste Gobi gewonnen hatte.
Ein Ziegenhirte, der in einer Höhle an der Strecke lebt, rettete sechs Läufer vor dem sicheren Tod. Er beschrieb der Zeitung South China Morning Post die dramatische Situation: "Ich schlief und hörte plötzlich jemanden schreien. Ich ging hinaus und konnte nur dichten Nebel sehen. Dann sah ich einen jungen Mann. Er sagte mir, er könne nicht mehr weiterlaufen."

Keine abschreckende Wirkung

Nachrichten über die extremen Risiken in schwierigem Gelände gehen Ultra-Läufern so wie allen Sportinteressierten unter die Haut. Aber sie haben keine abschreckende Wirkung.
Im Gegenteil, sagt der Amerikaner Paul Ronto, der vor einem Jahr Unmengen von statistischen Informationen zusammengetragen und ausgewertet hat: Ultra-Marathon erlebt einen regelrechten Boom. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Aktiven weltweit um das Sechsfache gestiegen – auf mehr als eine halbe Million. Ein Zuwachs der den im klassischen Marathon deutlich übertrifft.
Zwei junge Männer in Aktion beim Basejumping in den Bergen. (2006)
Basejumping: Zwei Männer in der Luft (picture alliance / dpa / Xandi Kreuzeder)
Wird Freizeitsport immer extremer?
Immer weiter, schneller, höher, gefährlicher, extremer. Mehr und mehr Menschen suchen auch in der Freizeit die ultimative körperliche Herausforderung.
"Ultraläufe haben etwas, was süchtig macht. Sie treiben den Ehrgeiz an. Man will sich selbst herausfordern. Dazu kommt, dass Menschen heute gerne Dinge mit Superlativ-Charakter tun, die sie dann in den sozialen Medien hochladen."
"Dieses Bild zum Beispiel, auf dem sie nach 100 Meilen die Ziellinie auf einem Berggipfel überqueren. Und so probieren immer mehr Freizeitläufer das Ultralaufen aus. Das Besondere ist, dass es den Aktiven dabei wirklich nicht um die Zeit geht, die sie erzielen. Es geht darum, das Rennen zu beenden."
Noch etwas anderes macht Ultra-Marathon-Szene besonders: Je länger die Strecken, desto stärker ist die Leistungsannäherung zwischen Männern und Frauen. "Wir haben gewusst, wie weit Männer und Frauen bei 5 km, 10 km, beim Halbmarathon und beim Marathon auseinander liegen. Wir haben aber gesehen, dass sich die Trendlinie ab 50 km immer mehr annähert", so Ronto.
"Und wir haben anhand der Daten ermittelt, dass die beiden Geschlechter bei 195 Meilen, umgerechnet 313 Kilometern, dieselbe Zeit laufen. Auf noch längeren Strecken haben Frauen sogar einen leichten Vorteil. Das war sehr interessant. Und es ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie."

Rund 11.00 Aktive in Deutschland

In Deutschland ist der Boom noch überschaubar, anders etwa als im Nachbarland Frankreich, wo man mehr als 40.000 Aktive zählt. In Deutschland gibt es rund 11.000 Aktive, sagt Martin Rudolph, einer der Pioniere und seit Jahren in der deutschen Ultramarathon-Vereinigung aktiv. Und die Akzeptanz wachse. Und anderem auch durch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Leichtathletikverband, kurz DLV:
"Was wir geschafft haben, nach langer Arbeit, dass wir einen sogenannten Kooperationsvertrag mit dem DLV abgeschlossen haben. Dass neben den 100 Kilometern auch die 24 Stunden, die 50 Kilometer als offizielle DLV-Meisterschaft organisiert werden. Wir machen das als DUV. Aber im Prinzip sind das DLV-Meisterschaften."
Das Milieu ist von einem ganz speziellen und im Hochleistungssport nur noch selten verbreiteten Gemeinschaftsgeist geprägt, sagt Rudolph: "Das Selbstverständnis von Ultra-Läufern ist, dass man sowohl Funktionär ist, dass man Trainer ist, dass man Betreuer ist, Helfer ist. Und Athlet ist. Und häufig in Personalunion. Also nicht wie im Fußball, wo es die aktiven Fußballer gibt und die Alten Herren, die dann Funktionäre sind. Sondern jeder, der eine Funktion ausübt, ist meistens auch noch selber aktiver Läufer und auch sehr leistungsorientiert."

100-Kilometer-Rennen in Berlin

Ultra-Rennen gibt es inzwischen überall in Deutschland. Im nächsten August gekrönt von einem ganz besonderen Termin: der Weltmeisterschaft über 100 Kilometer. Die findet in Bernau vor den Toren von Berlin statt. Auf einem flachen Terrain. "Sportmedizinisch, sportpsychologisch eine hochinteressante Distanz. Es ist nicht für alle Ultra-Läufer das herausragende Ereignis. Aber für diejenigen, die sich für diesen Sport auch auf der Funktionärsseite engagieren, ist es eine herausragende Geschichte."
Und ein Testfall. Der wird zeigen, ob sich das deutsche Publikum von der Faszination ebenso anstecken lässt, wie das im Rest der Welt passiert.