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Umfrage zur Integration
Kanadische Muslime sind stolz auf ihr Land

Forscher haben untersucht, ob sich kanadische Muslime mit ihrem Land identifizieren. Einige sind besorgt, weil sie sich diskriminiert fühlen - aber die eigentliche Nachricht ist: Muslime in Kanada sind zufrieden. Sie machen zwei Prozent der Bevölkerung aus. Drei Viertel der Kanadier sind Christen. Woran liegt es, dass Integration von Muslimen hier besser gelingt als andernorts?

Von Kai Clement | 17.05.2016

    Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau
    Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau: "Ganz egal, ob Hijab, Niqab, Turban oder Kippa – niemand wird ausgegrenzt." (AFP / Kena Betancur)
    Was Muslime an Kanada so schätzen sei, dass es eine säkulare, liberale Demokratie ist.
    Politologin Katherine Bullock von der Universität in Toronto hat an der jüngsten Umfrage mitgewirkt. Das Ergebnis: Muslime sind die stolzesten Kanadier. 83 Prozent der muslimischen Kanadier sind "sehr stolz", Kanadier zu sein .Verglichen mit 'nur' 73 Prozent der restlichen Bevölkerung. Katherine Bullock sagt:
    "Es gibt die Religions- und Gewissensfreiheit. Gedankenfreiheit. Das ist etwas, was Muslime sehr wertschätzen."
    Seit der letzten Befragung im Jahr 2006 ist der Wert um 10 Prozent gestiegen. Sicher kein Zufall, dass die Untersuchung nach der Wahl des liberalen Premiers Justin Trudeau Ende vergangenen Jahres einsetzte und sich bis in den Januar erstreckte. Noch 2014 hatte dagegen der Anschlag eines muslimischen Konvertiten auf das Parlament das Land aufgeschreckt und zu deutlich verschärften Sicherheitsgesetzen der damaligen konservativen Regierung geführt.
    Trudeau dagegen sprach sich bereits im Wahlkampf für eine offene Gesellschaft aus.
    "Wir werden das Recht eines jeden verteidigen, den Glauben auszuüben und ganz und gar in unserer Gesellschaft mitzuwirken. Ganz egal, ob mit Hijab, Niqab, Turban oder Kippa - niemand wird ausgegrenzt."
    Ganz andere Klänge als im aktuellen US-Wahlkampf, wo der "Lautsprecher" Donald Trump mit einem Einreisestopp für Muslime wirbt.
    Die kanadischen Ergebnisse sind Ausdruck von oft funktionierender Integration, von wachsendem Vertrauen. Einerseits. Andererseits fühlten sich gerade junge Muslime unter Beobachtung, sagt die Forscherin:
    "Vor allem unter jungen Leuten gehört das zur Identitätsbildung: Ich bin ein Muslim, bin eine Minderheit. In Kanada wird meine Religion beobachtet, quasi durchs Mikroskop."
    Dieses Gefühl hatte auch die 19-jährige Muslima Sarii Ghalab, die eigentlich nur einen Schuster in Edmonton besuchen wollte. Stattdessen brachte sie es zu kanadaweiter Berichterstattung:
    "Schon als ich hereinkam merkte ich: der Inhaber guckt mich irgendwie wütend an. Er sagt: es widerspricht meiner Moral Geschäfte mit solchen Leuten zu machen, Leute, die wie du gekleidet sind."
    Sarii Ghalab trägt eine Burka - einen Ganzkörperschleier, der nur einen schmalen Sehschlitz freilässt.
    Mehr als vier von fünf Muslimen ist ihre Religion sehr wichtig, so die Umfrage, knapp jeder Zweite besucht mindestens einmal die Woche eine Moschee. Politologin Katherine Bullock:
    "Ich reklamiere meine Identität auf positive Art und Weise - so dass ich der Welt zeigen kann: hey, ich bin ein Muslim."
    Vergangenes Jahr debattierte Kanada im Wahlkampf erbittert das Thema Verschleierung. Heute sagen 94 Prozent der muslimischen Kanadier, sie hätten ein starkes Gefühl der Verbindung mit ihrem Land - mehrheitlich geben sie an, dieses Gefühl habe sich in den vergangenen Jahren noch verstärkt. Jeder Fünfte schätzt die Vielfalt des Landes - so wie der jetzige Premier:
    "Wir brauchen eine Regierung, die weiß: unser Land wird stärker nicht trotz seiner Unterschiede, sondern wegen ihnen. Wir brauchen mehr Gleichberechtigung, eine Gesellschaft, wo jeder Kanadier eine faire Chance auf Erfolg hat."
    So das politische Ziel. Dennoch aber sorgen sich knapp zwei Drittel wegen möglicher Diskriminierung, jedoch ist die für weniger als 10 Prozent die unangenehmste Seite Kanadas. Dreimal so viele geben dazu etwas anderes an: das kanadische Wetter nämlich.