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StartseiteKultur heute"Das Ende der Arroganz"13.12.2018

Umgang mit Kolonialgeschichte"Das Ende der Arroganz"

Internationale Wissenschaftler fordern in einem Appell einen neuen Umgang mit der Kolonialgeschichte. "Das ist ein großer Schritt nach vorne", meint Kunsthistorikern Bénédicte Savoy im Dlf. Sie hatte vor kurzem mit ihrem Kollegen Felwine Sarr einen Bericht zu dem Thema für den französischen Präsidenten vorgelegt.

Bénédicte Savoy im Gespräch mit Stefan Koldehoff

Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy (Deutschlandradio / Stefan Fischer)
Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy auf der Frankfurter Buchmesse 2018. (Deutschlandradio / Stefan Fischer)
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Stefan Koldehoff: Ein Tag, an dem sich 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt und aus allen Disziplinen in einem gemeinsamen Appell einen neuen Umgang mit der Kolonialgeschichte fordern. Die "Zeit" hat ihr gemeinsames Papier heute veröffentlicht, in dem es unter anderem heißt, die Debatte solle nicht auf die Forderung nach Rückgabe oder Reparationen beschränkt werden. Diese Diskussion müsse natürlich stattfinden, aber genauso wichtig sei das historische Erinnern an Schuld und Gerechtigkeit, Moral und Unrecht – und daran, dass Objekte noch viel tiefer gehende Geschichten erzählen können.

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und ihr Kollege Felwine Sarr haben sich im Auftrag des französischen Staatspräsidenten mit genau diesen Fragen befasst und Emmanuel Macron dazu vor zwei Wochen einen über 250 Seiten starken Bericht vorgelegt. Bénédicte Savoy habe ich heute Nachmittag gefragt, wieviel von dem, was heute in der "Zeit" zu lesen ist, ihr bekannt vorkommt.

Bénédicte Savoy: Ja, einiges! Erstens wird in diesem Appell die Arbeit, die ich zusammen mit meinem senegalesischen Kollegen Felwine Sarr gemacht habe für Emmanuel Macron, genannt, gewürdigt, auch begrüßt, und das ist die erste Wiedererkennung.

"Nicht pauschal beurteilen"

Die zweite Wiedererkennung ist, dass viele der Punkte, die wir in diesem Bericht ansprechen, oder Empfehlungen, die wir formulieren, hier wieder auftauchen. Und das ist ein Zeichen dafür, dass hier europaweit ein breiter Konsens herrscht. Wir haben empfohlen in diesem Bericht für Emmanuel Macron, dass erstens Restitutionen tatsächlich stattfinden können sollen oder können, wenn afrikanische Staaten bestimmte Objekte zurück haben wollen, die in einer bestimmten Kolonialzeit, der Zeit des französischen Kolonialismus, nach Frankreich kamen. Und unter bestimmten Bedingungen, die wir alle sorgfältig typologisiert haben: Beute, wissenschaftliche Expeditionen, Schenkungen et cetera. Das sind unterschiedliche Wege in die französischen oder europäischen Sammlungen, und das darf man nicht immer pauschal beurteilen, sondern sich genau anschauen: Das muss man machen, restituieren, wenn eine Nachfrage zu bestimmten Gruppen von Objekten kommt.

Aber natürlich – und das ist ein Großteil unseres Berichtes – sollen diese Restitutionen nicht einfach so im luftleeren Raum stattfinden, sondern begleitet werden durch verschiedene Kooperationsmaßnahmen. Und das ist zum Teil das, was die 80 Kolleginnen und Kollegen, die Sie erwähnen, sich auch wünschen.

Koldehoff: Dann könnte man doch eigentlich sagen: Sie haben diese Arbeit für Frankreich gemacht und konkrete Vorschläge formuliert. Jetzt schlägt das offenbar Wellen, auch für Deutschland gibt es jetzt konkrete Forderungen - ist doch eine prima Sache.

Savoy: Ja! – Die Schritte oder der Schritt, den wir getan haben für Frankreich, gilt auch für alle europäischen Staaten in verschiedenen Abstufungen und Formen. Natürlich kann man die Kolonialgeschichte Frankreichs nicht im selben Atemzug nennen wie die deutsche Kolonialgeschichte. Es gibt klare Unterschiede. Aber was wir hauptsächlich fordern, oder was wir empfehlen, ist im Grunde das Ende der Arroganz: das Ende der Arroganz seit den 1960er-Jahren im französischen Fall, seitdem afrikanische Staaten bestimmte Objekte aus ihrem Kulturerbe zurück haben wollen und bis jetzt die Antwort immer entweder gar keine war - oder "nein" war.

Wir empfehlen, dass man damit aufhört, dass die Ohren sich öffnen und dass man sich dieser gemeinsamen Geschichte stellt, auch wenn sie nicht nur aus sonnigen Seiten, nämlich Kunstsammlungen besteht, sondern auch aus der Kolonialgeschichte, die im französischen Fall - aber auch im deutschen, zu anderen unterschiedlichen Zeitpunkten - auch eine Geschichte der Gewalt und von asymmetrischen Machtverhältnissen geprägt ist.

"Als Spontis tituliert"

Koldehoff: Dann gehen wir doch wirklich tatsächlich mal durch, was Ihre Kolleginnen und Kollegen jetzt fordern, bezogen auf Deutschland. Da ist die Rede von einer nachhaltigen Unterstützung der vielen Initiativen zur Aufarbeitung lokaler Kolonialgeschichte, die sich in fast allen großen Städten beobachten lassen. Es gibt tatsächlich schon Aktivitäten, man fängt nicht bei null an in Deutschland.

Savoy: Nein, gar nicht! Und die ersten, die sich zum Beispiel in Berlin Sorgen gemacht haben, zum Beispiel um den Aufbau des Humboldt-Forums, Gruppen wie "Berlin postkolonial" oder "No Humboldt 21", arbeiten schon sehr intensiv seit den Jahren 2012, 2013. Es gibt viele Initiativen. Sie wurden wiederum hierzulande mit einer gewissen Arroganz betrachtet – sehr lange, zu lange. Die wurden als Spontis oder mit solchen herabsetzenden Bezeichnungen tituliert durch die Verantwortlichen zum Beispiel des Humboldt-Forums. Das soll und das hat jetzt auch ein Ende genommen.

Vor noch anderthalb Jahren, als ich zum Beispiel aus dem Gremium des Humboldt-Forums, des Fachbeirats, ausgetreten bin, wurde die Debatte, die damals ausgelöst wurde, von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als "Sommerloch-Debatte" bezeichnet. Das war keine sehr elegante Art, ein großes weltweites gesellschaftliches Thema aufzunehmen. Damit ist, glaube ich, ein Ende erreicht, und der Aufruf, der Appell unserer Kolleginnen und Kollegen hier deutschlandweit und darüber hinaus macht klar, dass die Sprache sich befreit hat. Das sagt man auf Deutsch nicht, aber dass jetzt eine offenere Gesprächskultur zu diesem Thema aufgemacht hat.

Koldehoff: Aber auch wenn es die Fortschritte gibt, von denen Sie vorhin, Frau Savoy, gesprochen haben: So richtig zufrieden kann man eigentlich noch nicht sein. Sie haben das Humboldt-Forum angesprochen, in dem auch die nichteuropäische Kunst demnächst gezeigt werden soll. Ich erkenne da nach wie vor kein tragfähiges Konzept. Es gibt Widerspruch in Deutschland gegen Ihre Studie, weil sie immer reduziert wird nur auf die Frage "zurückgeben oder nicht zurückgeben". Im Koalitionsvertrag steht drin, dass man die koloniale Vergangenheit Deutschlands aufarbeiten wolle. Warum geht es nicht voran in Deutschland, weil wir kein zentralistischer Staat sind wie Frankreich?

Savoy: Das waren gerade viele Fragen in einer.

Koldehoff: Tut mir leid!

"Durchaus Gründe zur Zufriedenheit"

Savoy: Nein, macht nichts! – Die Eingangsfrage war: Man kann nicht zufrieden sein. Was mich und Felwine Sarr angeht und die Reaktion auf unseren Bericht in Frankreich angeht, da können wir durchaus zufrieden sein, denn Emmanuel Macron hat gleich nach der Abgabe unseres Berichtes vorgeschlagen, 26 seit langer Zeit verlangte Objekte in die Republik Benin zurückzugeben. Das heißt, dort und in diesem Zusammenhang gibt es durchaus Gründe zur Zufriedenheit.

Wie die Situation hier in Deutschland ist, würde ich auch nicht als so düster beschreiben. Erstens: Es ist nicht meine Rolle, hier als Französin irgendwas zu bemängeln. Und zweitens sind es gesellschaftliche tiefe Veränderungen, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen, daran zu erinnern, dass zum Beispiel in Museen die Objekte nicht einfach so gekommen sind, sondern oft im Zuge von militärischen Aktionen oder von sogenannten wissenschaftlichen Expeditionen, die sich des Machtapparats des Kolonialismus vor Ort bedient haben. Daran zu erinnern, das dauert lange.

Man kann mehr oder weniger geduldig sein, und in Ihrer Frage höre ich, dass Sie sehr ungeduldig geworden sind. Vielleicht muss man sich gedulden, ich weiß es nicht. Aber es ist ein gutes, sehr gutes Zeichen, wenn sich jetzt 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Universitäten, die bis jetzt eher zurückhaltend waren in der Öffentlichkeit, jetzt äußern und klar äußern für eine offene Gesprächskultur über diese Themen. Das ist ein großer Schritt nach vorne.

Koldehoff: Auch wenn es jetzt wieder ungeduldig klingen mag: Sie fürchten nicht die Gefahr, dass das Ganze ähnlich wie bei der NS-Raubkunstforschung – das darf man inhaltlich nicht vergleichen, aber strukturell schon – zu einer Akademisierung des Ganzen führen wird und damit zu langen, langen Forschungen und damit zu weiteren Verzögerungen?

Savoy: Diese Befürchtung ist eine, die man haben kann, wenn man nur die Debatte, wie sie in Deutschland verläuft, im Auge hat. Man muss sich vorstellen, dass das, was unter anderem durch unseren Bericht ausgelöst wurde, nicht nur Deutschland oder nicht nur Frankreich betrifft, sondern die Reaktionen ungeheuerlich in Afrika selbst, auf dem Afrikanischen Kontinent, aber auch in den USA sind: Sehr positive Reaktionen, Reaktionen, die einen Paradigmenwechsel begrüßen, das Ende einer kolonialen Haltung, die es bis jetzt gab, die auch ihren Ausdruck findet in Projekten wie Dauerleihgaben in afrikanischen Ländern. Wir plädieren dafür – und das ist das, was neu ist –, dass die Rückgaben, Restitutionen stattfinden, auch als Zeichen des Vertrauens, des Respekts und des Vertrauens in eine andere Zukunft, in einer anderen Form der Beziehung Europas mit den afrikanischen Ländern unter anderem, in unserem Fall, mit Afrika. Da hat sich viel schon bewegt, und wenn in Deutschland die Gefahr der Akademisierung oder der administrativen Handhabe von Geschichte da ist, ist das eine Sorge, die, glaube ich, im Vergleich zu dem, was sich jetzt gerade bewegt weltweit, eine kleine Sorge. Ich glaube, die Bewegung ist jetzt sehr groß, und das ist der Marsch der Geschichte.

//Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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