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StartseiteUmwelt und VerbraucherKeine Angst vorm Wolf18.09.2018

Umgang mit WildtierenKeine Angst vorm Wolf

Kein Wildtier löst so erbitterten Streit aus wie der Wolf. Seit er sich seinen Lebensraum hierzulande zurückerobert hat, wird um den richtigen Umgang mit ihm gerungen. Sind Abschussquoten sinnvoll? Oder braucht es mehr Aufklärung? Landwirte, Naturschützer und Forscher suchen nach Lösungen.

Von Alexander Budde

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Ein Wolf läuft durch ein Gehege in einem Wildpark in Niedersachsen. (picture alliance / Lino Mirgeler)
Wölfe sind nach Deutschland zurückgekehrt (picture alliance / Lino Mirgeler)
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"Wölfe neigen dazu, Hindernisse zu untergraben. Das Entscheidende ist, dass der stromführende Draht nur maximal 20 Zentimeter über dem Boden ist, sodass der Wolf, sowie er beginnt zu graben, sofort eine gewischt bekommt!"

Neugierige Blicke am Tagungsstand: Moritz Klose, Projektleiter und Referent Wildtiere beim WWF erläutert die Funktionsweise eines Herdenschutzzaunes, der Weidetiere vor dem Wolf schützen soll.  Exkursionen, Arbeitsgruppen: Es gibt im In- und Ausland viele praktische Beispiele, wie sich Konflikte zwischen Mensch und Wildtier erfolgreich einhegen lassen – doch Klose sorgt sich.

 "Wir sehen das auf lokaler, regionaler Ebene – da brennt die Hütte! Es gibt hier viele Konflikte in Niedersachsen, in Brandenburg, wo man merkt, der Ton wird immer schärfer. Und wir sehen auch Mitgliedstaaten, die natürlich an die EU herantreten und sagen: Der Schutzstatus von diesen Wildtieren muss aufgeweicht werden."

Suche nach Schuldigen

Hunderttausende Kühe, Schafe, Ziegen weiden in eng besiedelter Kulturlandschaft. Erst kürzlich loderten wieder Mahnfeuer. Landwirten und Schäfer fordern, eine weitere Ausbreitung von Wolfsrudeln mit Abschussquoten zu verhindern. Die Schuld in Brüssel abzuladen, ist eine stete Versuchung, klagt der Direktor der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission, Humberto Delgado Rosa.

"Niemand verteilt Wölfe über die Landschaft! Es gibt eine natürliche Dynamik, beeinflusst dadurch, dass sich diese anpassungsfähigen Tiere in den unterschiedlichsten Territorien ausbreiten können. Die Leute sagen, Brüssel erlaubt das Töten eines problematischen Tieres nicht. Das ist unfair, weil  die Direktiven auch bei streng geschützten Spezies eine flexible Handhabung ermöglichen. Das sind Entscheidungen auf nationaler Ebene!"

Medien können in Mensch-Wildtier-Konflikten ein Teil der Lösung, aber auch des Problems sein, sagt Virat A. Singh. Der Journalist aus Mumbai berichtet seit 13 Jahren über große Beutegreifer wie Leoparden. Die Metropole wuchert rund um den Sanjay-Gandhi-Nationalpark. Die vom Aussterben bedrohten Großkatzen wagen sich auf der Jagd nach Straßenhunden bis in die Siedlungen vor.

"Die Berichterstattung war sensationslüstern. Die Leoparden wurden als Menschenfresser dargestellt, als blutrünstige Bestien - denn leider: Wir Journalisten wussten so gut wie nichts über Leoparden."

Aufklärung statt Alarmismus

Seit 2011 arbeiten Wissenschaftler, Behörden, Pressevertreter und zahlreiche Freiwillige in einem Netzwerk. Es gibt Alarmketten und Schulungen im richtigen Umgang mit Leoparden. Nüchterne Aufklärung statt schrille Schlagzeilen – die Zahl der tödlichen Attacken auf Menschen ist deutlich zurückgegangen, bilanziert Singh.

"Ein Leopard wird immer versuchen, Menschen aus dem Weg zu gehen. Wenn man ihm den Raum dazu gibt, wird er sich zurückziehen. Gefährlich wird es, wenn Menschen das Tier einkreisen und fangen wollen."

Angriffe von Wölfen sind nicht überliefert. Und dennoch polarisiert das Raubtier, vor dem schon die Grimm’schen Märchen warnten, derzeit wie keine andere Spezies.

Auch im US-Bundesstaat Washington war der Wolf lange weg. Der Tonfall zwischen hippen Wolfsliebhabern im fernen Seattle und eher konservativ geprägten Farmern und Jägern in den Naturräumen ringsum wurde immer unversöhnlicher. Francine Madden vom Center for Conservation Peacebuilding wurde als Streitvermittlerin gerufen. Madden sagt, wer destruktive Grabenkämpfe etwa zwischen urbanen und ländlichen Interessensgruppen dauerhaft beenden will, muss tiefer ansetzen.

"Menschen leben in Blasen. Wir haben festgestellt, dass die Ursachen für Konflikte um Fischgründe, Wildtiere oder Bodenschätzen oft viel tiefer liegen, dass es immer auch um die Identität und die Werthaltung von Menschen geht – und um das Gefühl, dass diese Art zu Leben bedroht ist."

Nicht die Tiere müssen sich anpassen, Menschen müssen miteinander reden: Das ist der Anspruch der Konferenz Pathways. Und es gibt viele gute Beispiele, wie das gelingen kann. Im Pfälzer Wald etwa werden Luchse wieder angesiedelt – mit dem Segen und mit aktiver Mithilfe des Landesjagdverbands.

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