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Umstrittene Stiftungsprofessur in Bremen besetzt

Ausschließlich zu zivilen Zwecken forschen: Mit ihrer Zivilklausel hat sich auch die Uni Bremen dazu vor mehr als 25 Jahren verpflichtet. Umstritten ist deshalb eine Stiftungsprofessur des Raumfahrtkonzerns OHB System, der auch Geld mit Rüstungsgeldern verdient.

Von Sven Weingärtner | 14.08.2012

Es ist gerade nicht viel los an der Uni Bremen. Kein Wunder: Semesterferien! Dass die umstrittene Raumfahrtprofessur besetzt wurde, über die alle in den vergangenen Monaten geredet haben, hat kaum jemand mitbekommen. Darf ein Unternehmen, das Geld mit militärischen Aufträgen verdient, eine Hochschule finanziell unterstützen? Die Meinungen auf dem Campus gehen auseinander.

"- "Schwierige Frage. Wenn man es ökonomisch betrachtet, macht es wahrscheinlich Sinn. Wenn man es ethisch betrachtet, könnte es schwierig sein."
- "Wenn es nur zur Verteidigung ist, bin ich dafür, ansonsten dagegen."
- "Man muss auch überlegen, will man, dass man Professoren hat, die einem etwas beibringen. Und es gibt ja zurzeit ja anscheinend kein Geld, um Professoren normal an die Schulen zu bringen."
- "Es ist die Frage, was sie sich dadurch erhoffen: Erhofft sich so eine Firma, wir kriegen Studenten in die Firma rein. Oder dass man eine Hochschule damit quasi kauft, das darf nicht passieren.""


Das passiere auch nicht, beteuert das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB System, dessen Gründer Christa und Manfred Fuchs die Hälfte der Professur bezahlen. Es sei kein Einfluss auf die Besetzung des Lehrstuhls genommen worden und es werde auch nicht in die Forschung eingegriffen. Weil weniger als fünf Prozent der Aufträge vom Militär kämen, so ein Sprecher von OHB, verstehe sich das Unternehmen im Übrigen auch nicht als Rüstungskonzern.

Unirektor Wilfried Müller will sich die Freude über die Spende nicht vermiesen lassen. Er steht weiter voll hinter der Stiftungsprofessur:

"Wenn wir eine Chance haben, eine Professur zehn Jahre im Vorfeld besetzen zu können, dann nehmen wir sie natürlich wahr – unter der Voraussetzung, dass wir frei bleiben, dass wir bei der Auswahl der Person völlig frei sind. Und wenn das der Fall ist, dann machen wir das. Ja!"

Wenn die Freiheit von Forschung und Lehre nicht gewährleistet wäre, hätte die Uni die Stiftungsprofessur gar nicht angenommen, sagt Wilfried Müller. Auf den Professor, der in Zukunft den Lehrstuhl innehaben wird, hält der scheidende Rektor große Stücke:

"Er ist ein großartiger Wissenschaftler, ein sehr freundlicher Mensch. Klammer auf, er ist auch noch Wehrdienstverweigerer, das ist eine besondere Pointe dieses Berufungsverfahrens. Wir haben eine Chance, die Weltraumforschung zu stärken."

Diese Professur ist so sehr Grundlagenforschung, dass die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann mal daraus Erkenntnisse für die Rüstungsforschung werden, so gering, wie bei keiner anderen Professur sei.

Längst nicht alle sind so begeistert von der Stiftungsprofessur. Der Bremer Arbeitskreis Zivilklausel ist entsetzt. Er besteht aus Friedensaktivisten, dem Allgemeinen Studierendenausschuss AStA sowie mehreren Dozenten und Studenten. Der Sprecher des Arbeitskreises, Sören Böhrnsen, erklärt, warum ihn die Argumente des Unirektors nicht überzeugen:

"Wir sehen die Gefahr, dass da am Ende Ergebnisse herauskommen, die Rüstungszwecken dienen können und gegebenenfalls auch sollen. Ob es sich tatsächlich nur um Grundlagenforschung handelt, sehen wir ein bisschen kritisch. Es geht uns darum, dass die Professur von einem Rüstungskonzern – OHB – bezahlt wird. Wir sagen aber, die Professur ist wichtig, und deshalb soll sie durchaus besetzt werden und dann aber aus dem Unihaushalt bezahlt werden."

Das Geld im Haushalt allerdings ist knapp. Und auch die Fördermittel, die die frisch gekürte Eliteuni Bremen bekommt, sind längst verplant. Es kommen ohnehin einige Millionen Euro weniger als gedacht, sagt Rektor Müller:

"Ich weiß nicht, warum wir etwas bezahlen sollen, wenn andere uns die Möglichkeit geben. Das sehe ich überhaupt nicht ein. Das Land Bremen ist wahrlich nicht auf Rosen gebettet."

Dass die Universität mit ihrer neuen Stiftungsprofessur nicht doch gegen die selbst auferlegte Zivilklausel verstößt, dafür gibt es keine Garantie. Nachdem kürzlich bekannt geworden war, dass es in den vergangenen Jahren mindestens ein Dutzend Forschungsprojekte mit "wehrtechnischen Auftraggebern" gab, gelobte die Uni Besserung. In Zukunft sollen kritische Projekte sorgfältiger geprüft werden. Der Arbeitskreis Zivilklausel bleibt skeptisch, ob das reicht.