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StartseiteUmwelt und VerbraucherUmstrittenes AKW in Frankreich könnte länger am Netz bleiben05.07.2011

Umstrittenes AKW in Frankreich könnte länger am Netz bleiben

Laufzeitverlängerung ist an Nachbesserungen geknüpft

Die französische Atomaufsicht hat für Frankreichs ältestes Atomkraftwerk eine Laufzeitverlängerung von zehn Jahren empfohlen. Das AKW Fessenheim liegt direkt an der deutsch-französischen Grenze im Rheingraben auf einem Erdbeben sensiblen Gebiet.

Burkhard Birke im Gespräch mit Theo Geers

Auch in Frankreich regen sich Proteste gegen die Laufzeitverlängerung. (AP)
Auch in Frankreich regen sich Proteste gegen die Laufzeitverlängerung. (AP)

Theo Geers: Gestern hat die französische Atomaufsicht für das älteste französische Atomkraftwerk Fessenheim eine Laufzeitverlängerung um zehn Jahre empfohlen. Fessenheim liegt im Elsass, direkt an der deutsch-französischen Grenze, am anderen, sprich französischen Ufer des Rheins. Genau deswegen geht eine Laufzeitverlängerung für Fessenheim auch uns Deutsche etwas an, denn in unseren Breiten weht der Wind nun mal überwiegend aus Westen. - Burkhard Birke in Paris, wie begründet denn jetzt die französische Atomaufsicht ihren Vorschlag, zehn Jahre mehr für Fessenheim?

Burkhard Birke: Rein formal, denn für alle Atomkraftwerke beziehungsweise für jeden Reaktorblock in Frankreich muss routinemäßig eine sogenannte Zehn-Jahres-Inspektion durchgeführt werden. In Fessenheim ist das bei diesem Reaktorblock passiert zwischen dem 10. Oktober 2009 und dem 24. März 2010. Da wurde der Reaktor abgeschaltet, es fanden zwölf Inspektionen statt und auch der Kühlkreislauf, der hydraulische Kreislauf, wurde einmal in Betrieb gesetzt, um einfach zu sehen, ob alles gut funktioniert. Und das Ergebnis dieser also noch vor dem Atomunfall in Fukushima durchgeführten Untersuchung lautet: Fessenheim I, das schon 1977 in Betrieb genommen wurde, darf noch zehn Jahre am Netz bleiben, aber unter Auflagen. Andre-Claude Lacoste - er ist der Präsident der ASN, also der französischen Atomaufsichtsbehörde - knüpfte die Verlängerung an Bedingungen, an Nachbesserungen, 40 Stück insgesamt, und die zwei wesentlichen Punkte sind zum einen die Verstärkung der Betonplatte, auf der der Reaktor steht, denn diese würde eine Kernschmelze nicht überstehen, diese Maßnahme müsste dann bis Ende Juni 2013 ergriffen und durchgeführt sein, und die zweite wichtige Empfehlung sind Nachbesserungen am Kühlsystem. Diese Arbeiten müssten bis Ende Dezember 2012 abgeschlossen sein. Wenn die Atomaufsicht jetzt grünes Licht gibt, so bedeutet das aber noch längst nicht, dass Fessenheim tatsächlich weiter betrieben wird. Nathalie Kosciosko-Morizet, die Umweltministerin, hat ausdrücklich gestern als erste Reaktion gesagt, sie wolle die für November erwarteten Empfehlungen einer generellen Reaktorüberprüfung im Lichte der Ereignisse im japanischen Fukushima in Frankreich abwarten.

Geers: Sie haben ja jetzt schon einige Nachbesserungen erwähnt, Herr Birke. Deutsche und französische Atomkraftgegner fordern ja das Abschalten von Fessenheim. Warum?

Birke: Weil Fessenheim auf einem Erdbeben sensiblen Gebiet steht und im Grunde, so heißt es, eigentlich nur für Beben bis zur Stärke 6,5 auf der nach oben offenen Richterskala gerüstet ist, und, wie eben erläutert würde, die nur 1,50 Meter dicke Betonplatte eine Kernschmelze nicht übersteht. Hoch radioaktives Material könnte in den Boden, ins Grundwasser und damit in den Rhein gelangen. Und abgesehen davon ist Fessenheim der älteste Reaktor, und trotz zahlreicher Nachbesserungen bei der Sicherheit setzen Umweltschützer eben große Fragezeichen hinter die Lizenz des AKW im Rheingraben. Und es gibt natürlich auch Probleme bei einem Überflutungsrisiko. Das Kernkraftwerk steht im Rheingraben und bei einem Bruch des Rheinseitenkanals könnte da eine Überflutung stattfinden und Radioaktivität eben in den Rhein, ins Wasser gelangen.

Geers: Eine Frage noch, Herr Birke. Wenn jetzt dennoch zehn Jahre mehr genehmigt würden - wohl gemerkt: Konjunktiv -, gäbe es dann auch Möglichkeiten, diese Laufzeitverlängerung gerichtlich zu stoppen? Könnten zum Beispiel auch Deutsche klagen?

Birke: Da ist sogar schon eine Initiative im Gange. Es gibt ja eine Länder überschreitende Initiative, den trinationalen Atomschutzverband. Da sind Schweizer, Deutsche und Franzosen zusammengeschlossen unter der französischen Politikerin und Abgeordneten Corinne Lepage. Und die haben schon angekündigt, dass sie eigentlich die Stilllegung von Fessenheim beantragen wollen.

Geers: Nun ist Fessenheim wie gesagt sehr umstritten. Kann man etwas zur Störfallbilanz dieses Atommeilers sagen? Ist die Liste sehr lang? Was ist da schon alles passiert?

Birke: Allein im vergangenen Jahr meldete Fessenheim 43 Störfälle laut ASN. Diese Behörde, die Atomaufsicht, muss ja diese Störfälle alle registrieren. Drei davon wurden auf dem Niveau der internationalen Störfallskala auf Niveau 1, der Rest allerdings nur auf Niveau 0 eingestuft, und auch das zeigt ja mal wieder aus Sicht der Atomkraftgegner die Anfälligkeit der Anlage, auch wenn jetzt keiner der Störfälle als ganz besonders gravierend eingestuft wurde.

Geers: Danke schön! - Das war Burkhard Birke live aus Paris zum Thema, dass Frankreichs ältestes Atomkraftwerk Fessenheim zehn Jahre länger am Netz bleiben könnte, wohl gemerkt könnte.

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