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Umweltfreundliches Substrat

Umwelt. - Torf ist einer der Hauptbestandteile von Gartenerde. Um ihn zu gewinnen, werden nach wie vor Moore abgetragen. Seit Jahren wächst der Druck, einen Torfersatz zu finden, da die Moore weltweit schwinden und der Rohstoff in Mitteleuropa zur Neige geht. Berliner Gartenbauwissenschaftler erforschen lebendige Torfmoose.

Von Maren Schibilsky | 14.11.2013

Ein Tagebausee in der Lausitz in der Nähe von Forst. Seit drei Jahren wachsen hier auf zehn Meter langen schwimmenden Matten Torfmoose heran. Die braunen und grünen Moose findet man normalerweise in jedem Moor. Auf dem See haben sie jedoch Forscher der Berliner Humboldt-Universität angebaut - als nachwachsenden Rohstoff, der künftig Torferde ersetzen soll. Gartenbauwissenschaftler Armin Blievernicht fährt mit einem Schlauchboot an die Schwimmmatten heran und misst die Höhe der vielen Mooshügel.

"Mittlerweile sind schöne Torfmoosrasen entstanden, vor allem dort, wo es ein bisschen schattiger ist. Das entspricht eigentlich dem, was wir uns vorgestellt hatten."

Die Moosteppiche müssen mindestens 20 Zentimeter hoch sein. Nur dann können sie maschinell geerntet werden. Am Seeufer macht Boris Habermann vom Berliner Institut für Agrar- und Stadtökologische Projekte das Ernteboot startklar. Ein umgebauter Katamaran mit einem Rotations- und Balkenmähwerk an Bord, der heute erstmals zum Einsatz kommt.

"Die Herausforderung war, dass wir direkt auf dem See ernten können, nicht die Matten an Land holen müssen und dort beernten und das Boot dann so ausgelegt ist, dass möglichst alles automatisch geht und mit wenig Personaleinsatz."

Die Schwimmmatten mit dem Moosbewuchs werden zwischen den Pontons des Katamarans auf eine Rollenbahn gehoben. Dann werden die Torfmoose durch das Mähwerk geerntet. Die braun-grüne Biomasse landet in einem Fangkorb. Boris Habermann ist mit dem Ernteverlauf zufrieden. Die Automatisierung ist für ihn der Schlüssel zur Effizienz. Davon hängt ein Großteil des Projekterfolgs ab.

"Da wir ja mit den Torfmoosen, die wir ja als Substratersatz nutzen, konkurrieren müssen mit dem fossilen Torf und der wird immer noch sehr günstig angeboten. Wir müssen da auch in Bereiche kommen, dass wir preislich in die Nähe kommen."

Die Herausforderung ist gewaltig. Deutschland ist europaweit der größte Erdenproduzent. Neun Millionen Kubikmeter Torferde werden für den Gartenbau hierzulande, aber auch für den Export jedes Jahr hergestellt. Der Rohstoff, der abgebaute Moorboden, kommt seit Jahren vor allem aus dem Baltikum. Denn in Mitteleuropa gibt es kaum Moore mehr. In Niedersachsen, wo Deutschlands größte Torfvorkommen sind, werden seit diesem Frühjahr keine neuen Abbaugenehmigungen mehr erteilt. Der Druck steigt, die Torferde auf lange Sicht zu ersetzen - meint Armin Blievernicht.

"Es ist mittlerweile so, dass einige Länder in Europa beginnen aus der Torfverwendung für den Gartenbau auszusteigen. In der Schweiz gibt es ein Torfausstiegskonzept. In England ist es ebenso, dass in absehbarer Zeit kein Torf mehr verwendet werden soll und wir somit einen Stoff finden müssen, der den Torf irgendwo ersetzen kann."

Am Institut für Gartenbauwissenschaften der Humboldt-Universität experimentieren die Forscher, wie aus den Torfmoosen ein brauchbares Pflanzensubstrat wird. Zunächst wird die Biomasse getrocknet und gehäckselt. Dann kommen Kalk und Dünger dazu. Ergebnis: Das neue Pflanzensubstrat besitzt die gleichen Eigenschaften wie Torferde - freut sich Projektleiter Armin Blievernicht

"Es wird ja schon seit zehn, 20 Jahren nach Torfersatzstoffen gesucht und wir denken, dass ist der Durchbruch, Torfmoos zu verwenden statt Torf."

Das Rosengut in Langerwisch bei Potsdam hat die neue Torfmooserde drei Jahre getestet. 5000 Weihnachtssterne ließ Gärtnermeister Holm Wießner darin wachsen.

"Wir waren damit sehr zufrieden. Die Pflanzen wuchsen sehr gut. Man sah keinen Unterschied zum herkömmlichen Substrat. Es war eine schöne Sache."

Insgesamt bräuchte man eine Anbaufläche halb so groß wie der Bodensee, um den Erdenbedarf mit Torfmoosen deutschlandweit zu decken. Als Alternative zum schwimmenden Anbau wollen die Forscher jetzt zusätzlich den Moosanbau in rekultivierten Mooren testen. Bis zur industriellen Produktion wird es noch dauern.