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StartseiteUmwelt und VerbraucherAuslöser für Atemwegserkrankungen und Allergien16.01.2015

Umweltgifte im BodenbelagAuslöser für Atemwegserkrankungen und Allergien

Flüchtige organische Kohlenwasserstoffe wie Styrol oder Benzol sind gesundheitsschädliche Chemikalien. Sie verbergen sich in Möbeln, Teppichböden und Wandfarben und können sogar Babys schon während der Schwangerschaft schaden - so die Ergebnisse der Langzeitstudie der Leipziger Forscher. 2006 starteten sie mit 600 schwangeren Müttern. Nach der Geburt standen dann die Säuglinge im Mittelpunkt der Forschung.

Von Annegret Faber

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Weiterführende Information

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Das ist die kleine Molina. 12 Wochen ist sie alt. Ihre Eltern sind vor ihrer Geburt zusammen gezogen und ließen die Wohnung neu renovieren.

"Hier im Kinderzimmer wurde Laminat verlegt und auch im Schlafzimmer, ansonsten wurde nur gemalert und wir haben eine Küche eingebaut."

Die neue Wohnung sollte kindgerecht und schön eingerichtet sein, sagt Mama Tilla. Laut einer Studie vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig handhaben das zwei Drittel der Eltern so. Gleichzeitig warnen die Forscher vor derartigen Aktionismus.  Dr. Ulrich Frank vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig sagt sogar:

"Lieber ein bisschen schmuddelig, aber keine Ausdünstungen von diesen flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen."

Flüchtige organische Kohlenwasserstoffe wie Styrol oder Benzol sind gesundheitsschädliche Chemikalien. In Möbeln, Teppichböden und Wandfarben verbergen sie sich. Sie können dem Kind schon während der Schwangerschaft schaden, so die Ergebnisse der Langzeitstudie der Leipziger Forscher. 2006 starteten sie mit 600 schwangeren Müttern. Nach der Geburt standen dann die Säuglinge im Mittelpunkt der Forschung.

"Das heißt, wir konnten die Gesundheit der Mütter erfassen, wir konnten aber auch erfassen, wie die Mütter zu Hause durch bestimmte Schadstoffe belastet waren und wir hatten die Möglichkeit, Nabelschnurblut zu sammeln, was natürlich interessant ist für viele medizinische Laboruntersuchungen."

Bei Fußböden besteht immer ein besonderes Risiko

Neben medizinischen Untersuchungen wurde auch die Wohnung der Pärchen genau inspiziert. Neue Wandfarbe, fabrikneue Möbel. Teppich, verklebt und nicht verklebt, Laminat oder neuer PVC Belag. Die Forscher notierten alles und machten aufwendige Messungen. Die Leiterin des Departments Umweltimmunologie, Dr. Irina Lehmann, veröffentlicht nun allarmierende Daten.

"Also wir haben hier in unserer Studie gesehen, dass Fußböden offensichtlich immer ein besonderes Risiko vermitteln bei den kleinen Kindern. Wir haben gefunden, dass sich das Immunsystem verändert, bei den neugeborenen Kindern und eben auch Atemwegserkrankungen, wie diese pfeifende Atmung, sehr viel häufiger auftreten in den ersten Lebensjahren, wenn Fußböden großflächig verlegt und verklebt wurden sind."

Das Risiko eine Atemwegserkrankung zu bekommen sei ca. fünf Mal höher als bei Kindern, in deren Wohnungen kein neuer Fußboden verlegt wurde, so die Studie. Das pfeifende Atmen ist bei einem Drittel der Kinder ein Vorstadium für Asthma und kann ein Leben grundlegend verändern. Verblüffend für die Forscher war, dass Wandfarben kaum eine Rolle spielen.

"Es hat uns erstaunt, weil wir in anderen Studien zeigen konnten, dass, wenn Wände gestrichen werden, dass das einen besonderen Einfluss hat. Das konnten wir hier nicht zeigen."

PVC enthält die meisten Gifte

Die Hersteller von Wandfarben verwenden weniger schädliche Stoffe als noch vor zehn Jahren, resümiert Ulrich Frank. Bei neuen Möbeln sei es sehr unterschiedlich. Manche seien belastet, andere gar nicht. Fußböden sind dagegen nach den Erkenntnissen der Leipziger Forscher ein Risikofaktor, allen voran PVC. Dieser Boden enthält die meisten flüchtigen Kohlenstoffverbindungen. Danach kommen Laminat und Teppichboden.

Vor allem der Kleber spiele eine entscheidende Rolle, aber auch das Material. Die Bestandteile der einzelnen Böden wurden nicht untersucht. Bei 600 Familien sei das nicht möglich. Es wurden lediglich die Ausdünstungen gemessen und die Art des Bodens notiert.

Nachweis in der Nabelschnur

Der Einfluss auf die Gesundheit des Babys sei während der Schwangerschaft sogar noch stärker, als nach der Geburt. Umso älter die Kinder werden, umso stärker schaltet sich das Immunsystem ein und leistet Schadensbegrenzung. Nicht so bei Heranwachsenden im Bauch der Mutter

"Und wir sehen deutliche und drastische Effekte durch das Fußbodenverlegen im Nabelschnurblut der gesunden, neugeborenen Kinder und wir sehen gar nichts bei den Müttern, obwohl die Mütter in der Wohnung wohnen und das dann eingeatmet haben."

Bei dieser Studie kennen die Forscher die Babys und ihr Lebensumfeld schon bevor sie das Licht der Welt erblicken. Das könnte zu völlig neuen Erkenntnissen über die Ursachen von Atemwegserkrankungen und Allergien führen. Und die Eltern der kleinen Molina hätten sicher auf die Renovierung verzichtet, wenn sie all das schon vorher gewusst hätten.

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