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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Die indische Landwirtschaft setzt zu stark auf Chemie"09.09.2016

Umweltschutz in Indien"Die indische Landwirtschaft setzt zu stark auf Chemie"

Umweltschutz ist in Indien noch keine Selbstverständlichkeit. Über die Luftqualität gebe es zum Beispiel kaum Informationen, sagte der indische Greenpeace-Vorsitzende Ravi Chellam im DLF. Die Organisation konzentriere sich deshalb vor allem auf den Klimawandel - dazu gehörten Themen wie der Ausbau von erneuerbaren Energien oder der Einsatz von ökologischen Verfahren in der Landwirtschaft.

Ravi Chellam im Gespräch mit Georg Ehring

Porträt von Ravi Chellam vor einer Solarpanele (Greenpeace India)
Ravi Chellam ist der Vorsitzende von Greenpeace in Indien (Greenpeace India)
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Georg Ehring: Immer wieder dicke Luft in China - die Bewohner von Metropolen wie Peking oder Shanghai leiden unter dem Smog und die Regierung fängt langsam an gegenzusteuern. In indischen Großstädten sind die Werte oft noch viel schlimmer und kaum jemand sagt etwas dazu, was sicher auch damit zu tun hat, dass viele Menschen es aus Armut kaum schaffen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und deshalb andere Sorgen haben.

Umweltorganisationen kämpfen trotzdem für saubere Luft und der Chef von Greenpeace Indien, Ravi Chellam, ist zur Zeit auf Besuch in Deutschland. Vor dieser Sendung habe ich ihn gefragt, wie wichtig saubere Luft und eine gesunde Umwelt für Indien sind.

Ravi Chellam: Indien ist ein Land der großen Kontraste – einerseits großer Reichtum, aber auch große Armut. Es ist auch ein Land großer Vielfalt. Das Thema "saubere Luft" steht derzeit nicht sehr hoch auf der Tagesordnung, es ist jedoch wichtig für unsere Kampagnen. In den vergangenen Jahren haben wir versucht, auf diese Fragen aufmerksam zu machen. Denn sie stehen in direktem Zusammenhang mit der Gesundheit nicht nur der Armen, sondern aller Menschen vor allem in den Städten. Die Proteste nehmen zu, allerdings sind sie noch nicht sehr stark, auch deshalb, weil über die Luftqualität nur wenige Informationen verfügbar sind. Die Menschen beklagen sich, aber wirkliche Daten gibt es nicht. Zusammen mit der Regierung in Delhi haben wir Messstationen aufgebaut, die in Echtzeit Daten sammeln. Wir haben die Ergebnisse aus Indien mit denen aus China verglichen, um den Unterschied zu zeigen. Auch im Parlament wurde danach schon gefragt und ich glaube, dies wird in der öffentlichen Debatte ein wichtiges Thema werden und es wird auch Aktionen dazu geben.

"Es liegt sehr viel Kohle auf den Halden"

Ehring: Indien setzt als eines der letzten Länder verstärkt auf den Einsatz von Kohle – trotz der negativen Folgen für das Klima. Werden die Pläne umgesetzt werden?

Chellam: Die Gesetzgebung für die Kohle ist in Indien stark im Fluss. Die Pläne stehen aber natürlich völlig im Gegensatz zu den Pflichten, die wir im letzten Jahr beim Klimagipfel in Paris übernommen haben. Es ist schwer vorherzusagen, wie die Dinge sich entwickeln werden, aber: In den vergangenen sechs bis sieben Monaten hat es eine große Überproduktion gegeben. Es liegt sehr viel Kohle auf den Halden, sie wird nicht abtransportiert, weil es keine Nachfrage gibt. Ich finde auch, dass die Regierungspolitik ganz und gar nicht in die richtige Richtung geht. Das ist eine wichtige Frage für die Kampagnen von Greenpeace und vielen anderen Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen in Indien. Ich kann nicht vorhersagen, wohin die Reise geht, aber ich höre oft die Ansicht, dass von den geplanten Vorhaben für die Kohleförderung nicht viel umgesetzt werden wird.

Ehring: Ist erneuerbare Energie in Indien billig genug, um unter den Bedingungen dieses Landes mit Kohle wettbewerbsfähig zu sein?

Chellam: Es ist wichtig, klar zu definieren, was Sie mit "billig" meinen. Denn die Kosten für die Umwelt und die Gesellschaft werden oft nicht berücksichtigt, wenn wir vergleichen, wie teuer Kohle und erneuerbare Energien sind. Dazu kommen viele Subventionen für die Kohle, die den Vergleich ebenfalls verzerren. Trotzdem holen Wind- und Solarenergie auf und es gibt Bemühungen, auch aus den Gezeiten und aus Biomasse Energie zu gewinnen. Diese Energiequellen werden also aufholen. Wenn wir unsere Zusagen einhalten wollen, müssen wir das einfach umsetzen.

Ehring: Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands in Bezug auf Klimaschutz und Entwicklungsländer wie Indien?

Chellam: Ich finde es bemerkenswert, dass ein großes Land, eine große Volkswirtschaft und ein führendes Land wie Deutschland sich dafür entschieden hat, alle Atomkraftwerke abzuschalten. In einem Land mit gemäßigtem Klima wie Deutschland ist es bemerkenswert, wenn man so viel Sonnen- und Windenergie produziert. Das ist ein leuchtendes Beispiel. Aber es reicht nicht, in dieser Welt ein Beispiel zu sein, man muss sich auch für andere einsetzen. Deutschland ist ein viel gefragter Wirtschaftspartner für viele Länder einschließlich Indien. In allen Verhandlungen und Diskussionen in der Wirtschaft müssten Fragen wie Umweltschutz, Menschenrechte und Zugang zu Energie berücksichtigt werden, damit diese Welt ein besserer Ort wird. Deutschland ist in vielerlei Hinsicht eine führende Nation, hat gerade die Präsidentschaft der G20 übernommen. All das schafft Möglichkeiten dafür.

"Wir konzentrieren uns vor allem auf den Klimawandel"

Ehring: Was ist der Hauptschwerpunkt von Greenpeace, um die Umweltsituation in Indien zu verbessern?

Chellam: Wir konzentrieren uns vor allem auf den Klimawandel, das ist allerdings ein weites Feld, es geht da auch um erneuerbare Energien, um Kohle, Wasser, Luftverschmutzung und Wälder. Wir haben ein aktives Programm für die Bio-Landwirtschaft. Die indische Landwirtschaft setzt viel zu stark auf die Chemie, es werden viel zu viele Pestizide und Dünger eingesetzt. Wir haben Pilotprojekte, die viel mehr auf ökologische Verfahren in der Landwirtschaft setzen. Wir kümmern uns auch um die Atomkraft, hier fordern wir vor allem, dass die Vorschriften eingehalten werden und die Rechte der örtlichen Bevölkerung nicht mit Füßen getreten werden. Beim Thema Biodiversität haben wir noch einiges aufzuholen. Wir kümmern uns vor allem um Konflikte zwischen Menschen und großen Säugetieren wie Elefanten, die vor allem durch eine schlecht geplante Landnutzung und durch den Bergbau hervorgerufen werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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