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Und auf dem Monitor die Seele?

Seit einigen Jahren können wir in unser Gehirn blicken. Die Bilder, die Erkenntnisse und die Metaphern der Gehirnforschung schleichen sich in unser Menschenbild. Neurowissenschaftler versprechen die bevorstehende Heilung von Alzheimer, Parkinson, Psychosen oder die Steigerung unserer intellektuellen Fähigkeiten, Experten für "Neuro-Marketing" unterrichten Manager über noch effektivere Methoden, die Kaufwünsche ihrer Kunden zu manipulieren.

Von Mathias Greffrath |
    Es gibt keinen freien Willen; Religiosität ist im Gehirn verankert; Mangel an Mitgefühl ist ein neuronaler Defekt - mit solchen Schlagzeilen kündigt sich eine neuerliche Biologisierung unseres Menschenbildes und ein neuer Determinismus an.

    Aber die Reise ins unendlich Kleine des menschlichen Gehirns kann auch zu ganz anderen Erkenntnissen führen. Sie kann uns zeigen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Dass nicht nur seine Gedanken, sondern auch seine Gefühle viel weniger festgelegt sind, als die Genetiker es kürzlich noch postulierten. Die avancierteste Technik, mit der wir in einzelne Gehirn schauen, bestätigt den ganzheitlichen Blick, ja sogar die poetischen Visionen der Mystik und die anstrengenden Postulate des Existenzialismus: dass Geist und Körper, Mensch und Welt ein unteilbares Ganzes sind. Dass der einzelne Mensch immer nur so frei ist, wie die Gesellschaft, in der er lebt. Dass wir unser Gehirn nur verstehen in dem Maße, in dem wir die Welt begreifen und unsere Seele nur beschreiben können, wenn wir von der Welt erzählen.

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